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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-24 · Heft 39 (24.9.1897) · p. Seite 464

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 39 (24.9.1897)
Date
1897-09-24
Page
Seite 464 (sequence 8)
Language
German
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-r— 464 nach Italien' zu senden, damit sie nicht den jetzt der rabbinischen Litteratur so allgemein beflissenen und. kundigen Christen in die Hände fallen1). Es war aber keine reine und ungemischte Freude, mit der in jüdischen Kreisen diese ungeahnte Vorliebe christlicher Forscher sür die rabbinische Litteratur betrachtet werden konnte. Wir wissen es durch den typischen Vertreter dieser neuen Klasse von Lehrern des Hebräischen unter den Christen, durch Elia Levita, wie schwer es ihm verdacht wurde, ja wie scheel manche Rabbiner Italiens ihn darob ansahen^), daß er sich dazu hergab, die Weisheit der Rabbiner Kardinälen auszuliefern. Der Grund dieser Mißstimmung ist aber auch noch durchaus verständlich. Die Tendenz, um derentwillen ein solcher Heißhunger nach jüdischem Wissen ausbrach, war eine, dem Judenthum keineswegs freundlich gesinnte. In dem Bestreben, der jüdischen Litteratur selber Beweise für die Wahrheit des Christenthums zu entlehnen, hatte man das Bediirfniß erkannt, dem rabbinischen Schriftthum näher zu treten. Ganz besonders waren es die Geheimlehren der Kabbala, in denen man eine Verwandtschaft mit den Grundprinzipien der christlichen Religion zu erkennen glaubte. Gewaltsame Umdeutungen und 'Entstellungen zu Gunsten der gesuchten Beweise wurden jetzt mit den verstecktesten Stellen der rabbinischen Litteratur vorgenommen. Die Verbreitung hebräischen Wisiens unter den Christen nahm auf einmal den Schein der Gefahr an, Juden, die sich zu Lehrern des Rabbinischen an Christen vermietheten, galten als Verräther. So wenig ein Staat sich der Wißbegierde freut, die sich der Pläne seiner Festungen bemächtigt, und unnachsichtig als Spione Diejenigen festnimmt, die diese Geheimnisse preisgeben, ebenso wenig vermochten die Rabbiner Italiens der plötzlichen Vorliebe der Christen sür die jüdische Litteratur froh zu werden, da sie darin alsbald die Tendenz der Polemik und Proselytenmacherei erkennen mußten. Um so werthvoller und charakteristischer erscheint es daher, wenn ein rabbinisch gelehrter Mann jener Tage, der mitten darin stand in dem wissenschaftlichen Getriebe seiner Zeit, sich die Nüchternheit des Urtheils bewahrte, nicht schlechthin allen Unterricht von Christen durch Juden im Hebräischen zu verbieten. Es ist dies Elia Menachem Ehalfan, der Sohn Abba Maris3), der Schwiegersohn des Uebersetzers des Averroes ins Lateinische, des^Kalonymos b. David, genannt Maestro Calo4 * 6), der Ende 1544 in Venedig ein rabbinisches Gutachten über diese Frage abzugeben veranlaßt wurde, das ich hier zum ersten Male aus einem meiner von Abraham Josef Salomo Graziano in Modena angelegten Sammelbände rabbinischer Responsen ans Licht ziehe. Es ist derselbe Elia Chalfan, von dem Francesco Giorgio ein der Scheidungsangelegenheit König Heinrichs VIII. günstiges rabbinisches Gutachten für Richard Croke erwirktes, derselbe auch, desien Freundschaft mit Salomo Molcho ihn mit Jacob Mantino verfeindete3). Eine Aussöhnung zwischen diesen beiden Männern ist wohl ') t bv pp iv 3i: nnbwb 1220 yr ■o 'inbi D'12P1 ]wb D'lDlb 1TO '22 12TI8I2 D'21 '2 12l 1211 '2 [P*1 D'p'nr 0*12*01 2) In der zweiten Vorrede zu Nlvvl 11DD - 1112 11 bv\ D'I'ODB D2'K -D'22^1 12£pl -1p126 b 2TO2 *6l -IpPLI b$ mbbn dipt bz d'dsto bv -11221 itoii dito -D'22 b 3) Einen Brief Perez Foa's an Abba Mari über die Anfänge der Kabbala in coä. Gunzbourg 302, 31. 4) M. Steinschneider, Die hebräischen Uebersetzungen des Mittelalters, S. 984. b) Kaufmann in Revue a. a. O. 51 n. 2, 52 n. 6. 6) Jb. 57 n. 5. auch später nicht zu Stande gekommen und das feindliche Verhältniß noch dasselbe geblieben, als eben zur Zeit, da Chalfan sein Gutachten über den an Christen von Juden zu ertheilenden hebräischen Unterricht schrieb, Jacob Mantino aus Rom sich nach Venedig zurückbegab. Elias Gutachten1 2) ist trotz seiner strengen Sachlichkeit, die keinerlei persönliches oder anekdotenhaftes Detail in den Gang der Argumentation einflicht, auch geschichtlich von hohem Interesse. Auf Grund eines reichen, aus beiden Talmuden herangezogenen Stellenmaterials, das er logisch beleuchtet und gedanklich durchdringt, zeigt Chalfan, daß nach Ansicht der Tradition der Unterricht Andersgläubiger in den sprachlichen Elementen der heiligen Schrift schon aus dem Grunde unbedingt zulässig ist, damit ihnen die sorgfältige und verständnißvolle Erfüllung der vielen noachidischen Gesetze, d. h. der alle Menschen ohne Unterschied verpflichtenden Urreligion möglich werde. 'Es hat auch thatsächlich niemals an jüdischen Gelehrten gefehlt, die Andersgläubige zu ihren Schülern und Freunden zählten, wie aus der Zeit der Mischna und des Talmud solche Freundespaare wie R. Jehuda und Kaiser Antoninus, Abba Arekha und Artaban, Samuel und Ablat und Andere 511 ewigem Nachruhm gelangten und andere jüdische Weise mit Andersgläubigen auf Grund der heiligen Schrift sich wiederholt in Disputationen einließen. Wie nachmals Jsachar Bär Eulenburg, der Landrabbiner von Friaul, in einem bekannten Gutachtens den Unterschied zwischen Ueberlieserung und Unterricht aufstellt, so geht bereits Elia Chalfan von der gleichen Unterscheidung aus, indem er den hebräischen Unterricht für unbedenklich gestattet erklärt, die mündliche Ueberlieserung aber, die Einweihung in die tiefen Lehren der Tradition oder gar der Theosophie, entschieden verbietet. Wie ein Blitz erhellt eine seiner Bemerkungen uns die traurigen. Verhältnisse, die zu dem Verbote des hebräischen Unterrichts von Christen durch Juden geführt haben. Er meint, es sei schon aus dem Grunde gerathen, glaubenstreuen Juden die Ertheilung hebräischen Elementarunterrichts an Christen zu gestatten, damit die ehrliche, wahre und unverfälschte Auslegung des Gruudtextes der heiligen Schriften des Judenthums den Christen zutheil werde und diese nicht immer von Täuflingen getäuscht und betrogen werden, die ihre Fälschungen auf den Markt bringen und durch tendenziöse Entstellungen ihren Brodgebern sich angenehm zu machen suchen. War es doch die Zeit gehäufter Uebertritte von Juden in Italien, in der uns David Reubeni von Rom allein berichtet, daß sünsundvierzig Täuflinge ihm da begegneten3), und zwei Enkel Elia Levitas den Verkehr jüdischer mit christlichen Gelehrten aufs Schwerste diskreditirten1). 1 Ein bisher unbekanntes talmudisches Responsmn Elia Menachem b. Abbamare Chalfans npwl b)r\2 J^SI 1121 12P^ findet sich in 6ocl. Günzbourg 333. 10. 2) 182 Ende: D'D 182 Nr. 14; vgl. Samuel Aboabs b^tt® 121 R.G.A. Nr. 76: nilll 1112b IID'K bp Vgl. auch Lamprontis pfi^ 112 JIs. 1111 110^6 11D8 12* Ueber Salomo Lurjas und Jesaja Hurwitz' strenges Verbot dieses Unterrichts s. Güdemann, Quellenschriften zur Geschichte des Unterrichts ... bei den Juden, S. 30 f., 111. 3) Berliner, Geschichte der Juden in Rom II, 1, 107. 4) Ueber dm Ursprung der Fabel von Elia Levitas Taufe s. Kaufmann in Berliners Magazin 1890, S. 166 ff.

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