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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-24 · Heft 39 (24.9.1897) · p. Seite 463

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 39 (24.9.1897)
Date
1897-09-24
Page
Seite 463 (sequence 7)
Language
German
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. , Der Gemeinderath, welcher bekanntlich gegenwärtig., antisemitisch verseucht ist, verlieh ihm das Ehrenbürgerrecht der Reichshaupt- und Residenzstadt, die höchste Auszeichnung, über die die Großkommune Wien zu verfügen hat. „ Der Kultusvorstand bestellte ein eigenes Komitee, das über die geeignete Form der seinem Oberhaupte zu bringenden Ovationen zu berathen und zu beschließen hatte. . Sämmtliche in der Gemeinde bestehenden Korporationen und Vereine entsendeten Delegirte, welche Ueberbringer von Adressen waren. Aus allen jüdischen und nichtjüdischen privaten und öffentlichen Kreisen flössen Kundgebungen ungeheuchelter Hochachtung und Werthschatzung. Es war ein imposanter Anblick, diese Versammlung in festlicher Stimmung und feierlicher Erscheinung in der freundlichen, der Bedeutung des Tages entsprechend geschmückten Wohnung des Jubilars zu sehen. Selbstredend hatte der Kultusvorstand in der Reihe der Gratulanten den Vortritt, und mit gewohntem Takte und würdevoller Vornehmheit entlevigte sich der Vizepräses Moritz Ritter v. Borkenau der ihm hierbei zugefallenen Aufgabe. Seine Ansprache verfehlte nicht, auf die Versammlung einen bleibenden Eindruck zu machen. Tief gerührt dankte Kuranda. Bei dieser Gelegenheit unterließ er es auch nicht, auf die Grundsätze zurückzukommen, von denen er sich in seiner öffentlichen Thätigkeit leiten ließ. Die markanteste Stelle war jedenfalls die, welche sich auf sein Judenthum bezog. „Immer und überall blieb ich mir bewußt," — so lautete diese Stelle, — „was ich meinem Judenthum schuldig bin. Trotz allen Freisinns und Freimuths vergaß ich auch als Politiker nie daran. Ich legte mir in all meinen Aeußerungen eine große Zurückhaltung auf, stets-bedacht, welche Beurtheilung sie auf nichtjüdische Zuhörer machen könnten." Kuranda hat damit kein Wort zu viel gesagt. Ein warmfühlender und weitdenkender Jude, wußte er, wie im Verhalten der Juden selbst deren Wohl und Wehe im gesellschaftlichen und staatlichen Leben gelegen ist. Offenbar ist es auch diesem Umstande zuzuschreiben, daß er trotz des Besitzes des Leopoldordens, der ihm das Recht auf den österreichischen Adel verlieh, es unterließ, um seine Nobilitirung einzukommen. Selbst als Ludwig August Frankl mit der Mittheilung an ihn herantrat, daß diese seine resignirende Haltung an höchster Stelle übel vermerkt werde, konnte er sich nicht entschließen, seinen Sinn zu ändern. Ebenso trug die Waltung seines Hauses — Dank seiner gleichgesinnten edlen Gattin — das Gepräge vornehm - bürgerlicher Einfachheit. Und dem allen lag nichts anderes als sein jüdisches Bewußtsein zu Grunde. Was ist jüdisches Bewußtsein? Die Erledigung dieser Frage fordert die Beantwortung der Vorfrage: „Was ist Judeiithum?" Das Judenthum ist eine Religion klarer Erkenntniß. Sie verlangt von ihren Bekennern, daß sie, wie Erzvater Abraham, ihren Gott „erkennen." Nicht der blinde Glaube, dieses äolee far mente des Geistes, sondern das meditative Betrachten, das metaphysische Vertiefen in den Urgrund der Dinge feien der Weg, der sie zu ihrem Schöpfer führt. Und nicht blos ihr Gott, sondern die eigene innere Welt, der Mikrokosmos, lowie die Welt der Erscheinungen, der Makrokosmos, seien Erkenntnißobjekte. Denken und forschen Tag und Nacht, bis die causalen Gesetze „erkannt" sind, nach welchen das Universum mit allem, was darüber, darauf und darunter ist, in festem, unverrückbarem Geleise sich bewegt — das ist ihre snprema lex, wonach . sich die Weltenordnung konstruirt und das Regulativ für das individuelle und universale Leben der Menschheit sich herausbildet. In prägnanter Weise kommt dieses Regulativ in den ethischen Grundsätzen des Judenthums zum Ausdruck. Sie umschreiben die Pflichten gegen Gott, gegen sich und gegen die Gesellschaft; sie bilden gleichsam den Ariadnefaden auf dem verschlungenen Pfade des Erdenwallens. Aus der Theorie in die Praxis umgesetzt, besagen diese Thesen in Anwendung auf uns, daß der Jude sein Leben, seinen Wandel und Verkehr, sein Thun und Streben mit Argusaugen überwachen müsse. Die Verpflichtung hierzu resultirt eben aus der gewonnenen Erkenntniß seines Gottes, seiner selbst und der ihn umgebenden Welt. Denn je mehr diese Erkenntniß sich in ihm festsetzt, desto weiter erschließen sich ihm die Pforten, welche ihm Einlaß gestatten in die Kenntniß der Wechselbeziehungen, welche zwischen Ursache und Wirkung, dem Theile und dem Ganzen, dem Individuum und der Gesammtheit bestehen, und der daraus zu folgernden Obliegenheiten. Der Jude sei also wahr, gerecht, edel, hilfreich und gut und vermeide alles, was sein Ansehen herabzuwürdigen geeignet ist. Er hüte sich insbesondere davor, vordringlich, anmaßend, überhebend, protzenhaft zu sein, und dies nicht blos, weil die eigene Erkenntniß es so fordert, sondern weil das solidare Urtheil, das bezüglich der Juden gefällt wird, die Schuld des Einzelnen auf Rechnung der gesummten Genossenschaft stellt. Die Erkenntniß all dessen bildet nun das jüdische Be wußtsein. Daß dieses Bewußtsein gehegt und gepflegt, geweckt und wach erhalten werde, dafür mögen die Rabbiner, Prediger und Lehrer in Israel sorgen! Elia Menachern Chalfan» über den Unterricht Andersgläubiger durch Inden im Hebräischen'). Von Professor Dr. David Kaufmann. fie Renaissance hat nicht nur den klassischen Sprachen und Litteraturen, sondern auch der Sprache Zions Auferstehung und neues Leben gebracht. Die Leidenschaft, mit der sich Würdenträger der Kirche und des Staates, Soldaten und Gelehrte auf die jüdische Litteratur stürzten und den Saum des Gewandes eines gelehrten Juden ergriffen, um sich von ihm in die Geheimnisse des rabbinischen Schriftthums einweihen zu lassen, ist einer der merkwürdigsten Züge im Bilde der italienischen Renaissance. Jochanan Alemanno und Elia del Medigo, die Lehrer Pico de Mirandolas»), Abraham de Balmes und Kardinal Grimani,b) Guido Rangoni und Jacob Mantino,* * 3 4) Elia Levita und Aegidius von Viterbo, das sind so einige der hervorragendsten Namen, die vor allem sich aufdrängen, wenn an den engen Verkehr, der zwischen jüdischen Lehrern und großen christlichen Schülern herrschte, gedacht wird. Aber dieser Verkehr war so ausgebreitet, die Thatsache, daß Christen in höchsten gesellschaftlichen Stellungen zu Juden in die Schule gingen oder solche als Lehrer in ihr Haus nahmen, so häufig, ja alltäglich, daß um 1530 Israel, der Freund und Korrespondent Abrahams, aus. Perugia, Bedenken trägt, die Weissagungen des Kindes Nachman 0 Den Text des Gutachtens s. Jewish Quarterly -Review IX, 508 bis 508. 2) I. Perles, Beiträge zur Geschichte der hebräischen und aramäischen Studien 179, 191 ff., 196 ff. 3) Ib. 193 ff. 4) Kaufmann in Revue des etudes juives XXVII, 39 u. 5,

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