Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-24 · Heft 39 (24.9.1897) · p. Seite 462

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 39 (24.9.1897)
Date
1897-09-24
Page
Seite 462 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
99% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228242--54018-3267975
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

462 — ■' anbete, viel höhere Aufgabe gestellt ist, nämlich die: die. nationalen Schranken niederzureißen und die gesummte Menschheit'in dem Gedanken der Brüderlichkeit, der Gotteskindschaft zu einen. MH ist das Priesteramt, zu dem wir einst am Horeb berufen worden sind, und. dieses Priesteramtes kann Juda nur walten, wenn es zerstreut unter den Völkern lebt und mit ihnen ihre Geschicke theilt. Erfülle man die Jugend mit Begeisterung für dieses Priesteramt, mit Erkenntniß der hohen Vergangenheit und mit der Hoffnung auf eine noch höhere Zukunft Israels, dessen Reich aber nimmermehr „von dieser Welt ist". Euch, Ihr Führer und Leiter Israels, liegt diese Aufgabe der Belehrung und Ermahnung ob, Euch die Pflicht, unablässig vor den falschen Göttern zu warnen, dem Wahne und dem Jrrthume, der für uns ja so verhängnißvoll werden kann, entgegenzutreten. Thuet rechtzeitig das Nöthige, damit das Judenthum keinen Schaden leide. Videant consules! Kritik des Gottesdienstes an den hohen Feiertagen. Von Dr. Alb ert L evr>. den nicht erfreulichen Eigenthümlichkeiten unserer Glaubens- .#£0 genoffen gehört die besonders hier in Berlin zu beobachtende Erscheinung , daß die gottesdienstlichen Veranstaltungen einer scharfen und unnachsichtigen Kritik unterworfen werden. Insbesondere an den hohen Festtagen geschieht das in einer Weise, die in den Kreisen unserer christlichen Mitbürger ganz und gar unbekannt ist, und mit Sicherheit kann wohl die Behauptung aufgestellt werden, daß dieses Recht der Kritik in einem Maße geübt wird, welches durchweg in umgekehrtem Verhältniß steht zu dem Maß, in welchem die Betreffenden von ihrem Recht, den Gottesdienst zu besuchen, Gebrauch machen. Dieses Recht der Kritik soll selbstverständlich keinem unserer Glaubensgenossen bestritten werden, und man wird sogar anerkennen müssen, daß die Fortschritte auf dem Gebiete der gottesdienstlichen Veranstaltungen zum Theil sicher auf die oft genug laut und vernehmlich geäußerte Kritik der früheren Zustände durch das Publikum zurückzuführen sind. Aber es möge auch nicht vergessen werden, daß der Besuch des Gotteshauses oder vielmehr die Erbauung, welche der Mensch dort sucht, die Andacht, der er sich hingiebt, sein Verkehr mit dem Allerhöchsten Dinge von so zarter Natur sind, daß sie leicht darunter leiden, wenn die Formen, unter welchen sie sich vollziehen, allzu sehr in den Vordergrund gestellt und durch eine allzu reichliche Kritik über ihre eigentliche Bedeutung hinausgehoben werden. Wer die Andacht sucht und dazu ins Gotteshaus geht, wer sein religiöses Bedürfniß in dem. Besuch gottesdienstlicher Veranstaltungen zu befriedigen sucht, der kann — hier in Berlin wenigstens — durch die Formen, in welchen diese sich vo llziehen, sicherlich nicht gestört werden, ja. diese Formen sind sogar der Art, daß Andacht und Erbauung durch sie vielfach angeregt und gefördert werden können. Mehr kann man aber wahrlich nicht verlangen! Wer ganz außerordentlicher Mittel bedarf, um „in Stimmung zu kommen", für den ist der „Erfolg" der gottesdienstlichen Veranstaltung doch immerhin ein so unsicherer, daß er eine besondere Berücksichtigung feiner Ansprüche und Bedürfnisse nicht wohl beanspruchen kann. Im Großen und Ganzen vollzieht sich der Gottesdienst in den Gotteshäusern unserer großen Berliner Gemeinden in würdigster und feierlichster Weise. Aber das kann nicht einem jeden Besucher garantirt werden, daß ihn der Vortrag des Vörbeters ganz besonders anspricht, oder daß die Gesänge des Chores musikalische Leistungen allerersten Ranges sind, oder daß endlich die Predigt inhaltlich und oratorisch vollendet ist. Wer wollte auch entscheiden, ob sie das ist! Hört man doch gerade über die Predigt regelmäßig so widersprechende Urtheile, daß schon daraus unwiderleglich erhellt, daß es ganz unmöglich ist, es Allen recht zu machen. Und gerade hier ist es besonders unbillig, so scharf zu urtheilen und so hohe Ansprüche zu stellen. Mit der Thatsache, daß man die Predigt als dir Hauptsache und den Mittelpunkt des ganzen Gottesdienstes betrachtet — ob mit Recht oder Unrecht, bleibe an dieser Stelle dahingestellt —' rechnen ganz gewiß auch unsere Geistlichen, und man. darf deshalb . sicher sein, daß sie in ihren Predigten ihr Bestes geben. Wer also mit Form oder Inhalt derselben nicht zufrieden sein zu können glaubt, der nehme auch mal mit dem guten Willen statt der That vorlieb. Die Würde des Gottesdienstes und die Möglichkeit, sich an ihm zu erbauen, ist. in erster Reihe abhängig von dem Verhalten des Publikums selbst. Hier ist scharfe Selbstkritik geboten. Wer innerlich und äußerlich durch den Gottesdienst nicht gefesselt wird, der ist leicht geneigt, auch seiner Umgebung nicht mehr die nöthige Rücksicht zu zollen. Diese Rücksicht aber erfordert vor allen Dingen, daß man weder durch Sprechen noch durch laute Bewegungen noch durch irgend etwas Anderes, was man vermeiden kann, seine Umgebung störe. Ob diese Rücksicht in unseren Gotteshäusern hinlänglich geachtet wird, das entscheide Jeder, der sie besucht hat, am wenigsten aber lasse er hier die Schärfe seiner Kritik dadurch beeinflussen, daß er vielleicht selbst diese Rücksicht hin und wieder zu wenig geachtet hat. Pünktlich kommen und vorallen Dingen nicht zu früh, nicht vor Schluß den Gottesdienst verlassen — das sind Gebote, von deren Befolgung die Andacht und die Erbauung ganz wesentlich abhängen. Besonders das Verlassen des Gottesdienstes vor Schluß desselben ist eine nicht oft genug zu tadelnde Unsitte, welche dem Charakter einer in sich abgeschlossenen gottesdienstlichen Verrichtung ganz und gar widerspricht, welche aber leider bei uns in hohem Grade eingerissen ist. Es mag wohl sein, daß dem Einen oder Anderen der Gottesdienst mal zu lange dauert, darüber aber, ob er ihn deshalb verlasse, sollte niemals der eigene Wunsch, sondern lediglich die Rücksichtnahme auf die Anderen entscheiden. Wie bei so vielen anderen, so wird auch bei diesen Dingen das gute oder schlechte Beispiel von größter Bedeutung sein. Möge ein Jeder, der das Gotteshaus besucht, sich eindringlich klar machen, daß es nicht so sehr von den ihm gebotenen Veranstaltungen abhängt, ob ihm der Gottesdienst das gewähre, was er von ihm erwartet, als vielmehr von seinem eigenen Empfinden und Verhalten. Möge aber auch vor allen Dingen Keiner vergessen, daß, wo die äußere Form allzu sehr beachtet wird, gar oft der innere Kern gefährdet ist. Vas jüdische Bewußtsein. Von Emanuel Baumgarten. f er unvergeßliche Präses des Wiener israelitischen Kultusvorstandes, Dr. Ignatz Kuranda, feierte seinen siebzigsten Geburtstag. Allerseits gab sich das Bestreben kund, dem hochverdienten Manne Huldigungen aufrichtiger Verehrung zu bringen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.