Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1897)
- Date
- 1897-09-24
- Page
- Seite 461 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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461 So wird es jetzt bereits energischer Kraftaufwendungen bedürfen, um diesem sich ausbreitenden Nebel zu steuern, da man rechtzeitig des Spruches: „Principiis obsta!“ nicht eingedenk war; hat ja nicht der Zionismus an sich die in letzter Zeit ergangenen Erklärungen gegen ihnhervorgerufen, sondern erstder Z ionistenkongreß, mit dem wir uns hier gar nicht beschäftigen wollen. Nun heißt es, die Hände nicht in den Schooß legen, sondern sie wacker rühren! Nicht mehr vornehm ignoriren oder gar die wenn auch irregeleitete, so doch immer wohlthuende Begeisterung der Jugend wohlwollend mit anschauen, sondern belehrend und mahnend wirken, dem Irrenden den rechten Weg zeigen, dem Irreleitenden aber seine Maske vom Gesicht reißen! Das ist unsere Aufgabe, wenn wir die Gefahr in ihren Anfängen beseitigen wollen. Wie das nun angefangen werde, mit welchen Waffen gegen den Wahn und den Jrrthum zu kämpfen sei, hierfür möchten wir ims einige Vorschläge erlauben. Zunächst hilft gegen jede Schwärmerei, die sich doch immer in ein gewisses geheimnisvolles Dunkel zu hüllen genöthigt ist, das Helle, volle Tageslicht. Gehen wir' nun einmal scheinbar auf die Pläne der Zionisten ein und prüfen wir dieselben nur auf ihre Durchführbarkeit. Es stellen sich uns dann zwei Fragen entgegen: Erstens: Giebt es eine jüdische Nation? Zweitens: Ist es möglich, für dieselbe ein gemeinsames Vaterland, und zwar Palästina, als solches zu gewinnen? Die Beantwortung der ersten Frage wird wohl mancherlei Schwierigkeiten bieten. Zunächst das hauptsächlichste Merkmal einer Nation, die Gemeinsamkeit der Abstammung, muß wenigstens der Theorie nach zugegeben werden. In Wirklichkeit freilich steht cs auch hiermit ganz anders, wie es besonders durch eine Abhandlung Ernst Renans, die Anfangs der siebziger Jahre in dieser Zeitung abgedruckt war, evident nachgewiesen worden ist. Daß als zweites Merkmal einer Nation die Gemeinsamkeit der Sprache zu betrachten sei, welche doch den Juden ganz abgeht, wird zwar mit Hinweis auf die Schweizer Nation bestritten werden; aber gerade diese eine Ausnahme bestätigt die Negel. Fehlt aber dieses Merkmal, so müssen die folgenden, nämlich: Gemeinsamkeit der Sitten und der Geschichte in um so höherem Grade zutreffen, wie dies ja eben bei den Schweizern der Fall ist. Nun wird man sich wohl nichts Verschiedeneres denken können als die Sitten, Lebensgewohnheiten und Lebensanschauungen der Juden der verschiedensten Länder — ganz ebenso verschieden wie die der Völker, in deren Mitte sie wohnen. Oder sollte es wirklich möglich sein, einen deutschen, einen englischen, einen französischen Juden mit solchen ans Barnow, Wilna, Briesk, Sulmersitz rc. zu einer Lebensgemeinschaft zuso.mmenzuschweißen. Nein, nimmermehr! Da nun in einem eventuellen Judenstaate die Glaubensgenossen aus den — meist slavischen — Ländern mit rückständiger Kultur die erdrückende Mehrzahl bilden würden, so schaudert uns bei dem Gedanken, als versprengte 2 heile westeuropäischer Civilisation in deren Mitte leben, mit ihnen eine politische Gemeinschaft bilden zu müssen. Man schelte uns darum nicht kalt und herzlos. Auch wir fühlen warm für unsere Glaubensbrüder in jenen uncivilisirten Ländern; wir empfinden mit ihre Leiden, am allerwenigsten verkennen wir den edlen Kern, der auch in ihnen, trotz der bisweilen abstoßenden Außenseite, enthalten ist; wir sind gern bereit, ihnen zu helfen, wo inimer es in unserer Macht steht-aber sie Kraft des nun einmal modernen Majoritätsprinzips in einem staatlichen Gemeinwesen über uns herrschen lassen, uns in ihre Kultur einordnen, ihre Sitten annehmen-nein, nimmermehr! Und ebenso wie mit den Sitten steht es mit der Geschichte. Seit Jahrhunderten durchleben wir westeuropäischen Juden eine andere Geschichtsentwickelung als jene in den slavischen Ländern. Und zwar ist die eines jeden der westeuropäischen Länder wiederum verschieden von der der anderen. Ja, selbst die Leidensgeschichte der Juden ist für jedes Land eine andere. Somit steht fest, daß seit fast zwei Jahrtausenden die Juden der ganzen Welt eine politische Geschichte nicht mehr gemeinsam haben, sondern nur ihre Religionsgeschichte; — und auch diese hat, je nach den verschiedenen Ländern und Verhältniffen, in denen die Juden lebten, ihre verschiedene Entwickelung. Aus allen diesen Gründen ist also die erste und wichtigste Frage, nämlich die nach einer jüdischen Nation, entschieden zu verneinen. Ebenso entschieden muß die Möglichkeit, daß Palästina für eine etwa noch zu bildende jüdische Nation als Vaterland erworben werde, bestritten werden. Palästina ist nämlich nicht nur uns, sondern auch den Christen aller Konfessionen, ja selbst den Muhamedanern das „heilige Land". Ist es nur irgendwie denkbar, daß diese Konfessionen ihre heiligen Stätten unter die Herrschaft eines auf einer ihnen fremden Religion basirten Staates — denn ohne Judenthum kein Judenstaat — werden kommen lassen? und gar unter die Herrschaft der von ihnen bisher so gering geschätzten Juden? Welche christliche Kirche würde dieses zugeben? Welcher christliche Staat würde solchen Zustand anzuerkennen wagen?*) Man werfe nicht ein, daß ja auch jetzt das heilige Grab und Orte von ähnlicher Bedeutung unter der Herrschaft der sogenannten Ungläubigen stehen. Wir wissen es ja genau, daß nur der Eifersucht der verschiedenen christlichen Bekenntnisse und Mächte untereinander die Türken es zu danken haben, wenn sie bisher im Besitze Palästinas geblieben sind. Aber ein Anderes ist es, den seit Jahrhunderten bestehenden Zustand nicht aufzuheben, und ein Anderes, einen neuen sich bilden zu lassen und ihn anzuerkennen. Selbst die intimsten Judenfeinde, die uns ja täglich ihr „zurück nach Jerusalem" zurufen, und deren Christenthum doch nur ein sehr äußerliches ist, würden, wenn wir mit der Besitzergreifung Palästinas Ernst machen wollten, dies nicht ruhig mit ansehen. Auch dem Sultan und dem Khedive gegenüber ist der Plan, einen jüdischen Staat in Palästina begründen zu wollen, ganz unausführbar. So fällt das Phantasiegebäude der Gründung eines Judenstaates in sich selbst zusammen, und so schwinden alle diese Phantome, wenn wir sie nur recht beleuchten. Zeigen wir sie nun aller Welt in ihrer ganzen Lächerlichkeit! — und Lächerlichkeit ist es ja, die tödtet. Nehmen wir aber unserer Heranwachsenden Jugend durch diese grelle Beleuchtung den Gegenstand ihrer Begeisterung, so dürfen wir in ihrem Gemüthe keine Lücke und keine Leere entstehen lassen. Wir müssen vielmehr an Stelle des Falschen das Wahre setzen. Wir müssen ihre Begeisterung auf die Religion Judas lenken, auf seine Litteratur und seine Religionsgeschichte. Sorge man für gehörige Verbreitung derselben unter dem Heranwachsende!; Geschlechte, belehre man dasselbe, daß die Religion Judas keine abgestorbene, keine der Vergangenheit angehörige Bildungsschicht sei, sondern daß in religiöser Beziehung das Judenthum noch immer berufen ist, an der Spitze der Civilisation zu marschiren. Zeige mail an der Hand der Geschichte, daß das Judenthum eigentlich nie eine staatenbildende Kraft besessen habe, sondern daß ihm vom Lenker des Alls eine Z Diese Zeilen waren bereits dem Druck übergeben, als uns die in voriger Nummer b. Ztg. mitgetheilte Note der römischen „Jtalia" bezüglich der Schritte des Vatikans gegen die Wiederherstellung einer jüdischen Nationalität in Jerusalem zu Gesichte kam. Der Vers.