Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1897)
- Date
- 1897-09-24
- Page
- Seite 460 (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228242--54016-3267973- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 1× ep/1000834
OCR text
460 Nestle und M. Gibson, vor. Nachdem M. de Laigun seine interessante Abhandlung über das phönizisch-punische Spanien und das semitische Agadir vorgelesen, folgte ein äußerst anregender Vortrag vonHalevy- Paris, der aufs Neue auf die ungemein wichtige Bedeutung hinwies, die der, wie schon erwähnt, neu entdeckte Text des Leelesiastieus für die gesummte biblische Litteraturgeschichte hat. In der weiteren Ausführung citirt er beispielsweise den zweiten Theil des Zacharias, dessen Datum in die makkabäische Epoche gesetzt werde. Diese Hypothese sei angesichts des Stils und der Ideen des Leelssig,8tieus, welcher dem Jahre 290 v. Ehr. angehöre, nicht mehr aufrecht zu erhalten. Während Dr. H. Müller-Wien seiner lebhaften Freude Ausdruck verleiht, daß er in dieser Frage in der Lage sei, sich den Ausführungen seines alten wissenschaftlichen Gegners voll anzuschließen, warnt Budde-Straßburg nachdrücklich vor dem allzu voreiligem und oberflächlichen Abschluß solcher überaus wichtigen Fragen, deren Erledigung nur auf Grund einer reiflichen Abwägung aller Gründe und Gegengründe erfolgen könne, und spricht sich sehr entschieden gegen die neuerdings beliebte Methode aus, Fragen von grundlegender Wichtigkeit mit schnell fertigen Hypothesen abthun zu wollen, eine Methode, wie sie in England besonders von Sayce, in Frankreich von Halövy, in Deutschland von Hommel operationsweise in Anwendung gebracht werde. An diese Ausführungen schloß sich eine ebenso energisch vorgetragene Abwehr von Seiten Halevys, der ausdrücklich gegenderartige Unterstellungen Verwahrung einlegt. D. H. Müller spricht des Weiteren über die Konstruktion des „Deborahliedes", macht insbesondere auf die künstlerische Komposition aufmerksam und legt strophenweise die Disposition dar. Auf Anregung von Guidi, Haupt und Müller wird von Neuern dem lebhaften Wunsch der Sektion Ausdruck gegeben, die schon von Nöldeke und Müller aus dem siebenten internationalen Orientalistenkongreß in Wien befürwortete neue kritische Ausgabe des Talmud so bald wie möglich ins Leben zu rufen. Die Nachricht verschiedener russischer Blätter, daß die Jewish Colonisation Association, infolge von Meinungsverschiedenheiten mit dem Vorsitzenden des Petersburger Centralkomitees, Baron Ginzburg, weitere Beziehungen mit dem Petersburger Komitee abgebrochen und beschlossen habe, die Unterstützung fernerhin mit Uebergehung des Komitees direkt denjenigen russisch-jüdischen Institutionen zuzusenden, die ihrer bedürfen, entspricht, wie wir vorausgesagt haben, nicht den thatsächlichen Verhältnissen. Das Petersburger Centralkomitee besteht nach wie vor, und die Unterstützungen, welche die I. C. A. in ihrer letzten Generalversammlung für die Gesellschaft Trud in Odessa mit 50 000 Rubeln und für Errichtung einer Ackerbauschule in Cherson mit 75 000 Rubeln bewilligt, sind im Einverständniß aller betheiligten Faktoren erfolgt. Die Auswanderung nach Argentinien bleibt nur für so lange sistirt, bis das dortige Kolonisationswerk gesichert feststeht. Inzwischen soll aber den Juden in Rußland dadurch geholfen werden, daß alle Bestrebungen zur Heranbildung von Ackerbauern und Handwerkern im Lande gefördert werden. Diese Grundsätze sind, wie gesagt, schon im Winter festgesetzt worden; seither hat eine neue Generalversammlung überhaupt nicht stattgefunden, und es ist geradezu unbegreiflich, wie derartige Gerüchte entstehen konnten. Videant consules! Bon A. Levy. II. aben wir nun die Gefahren des Zionismus in ihrem ganzen Umfange erkannt: die Gefahr für unsere Gleichberechtigung als Bürger des Staates, dem wir durch Geburt, Sprache, Gesittung u. s. w. angehören, vor allem aber für unsere väterliche Religion, wie bereits ausgeführt, und haben wir erst eingesehen, daß es unsere Pflicht ist, mit aller Macht dagegen anzukämpfen und die dem Judenthum drohende Gefahr abzuwenden, so werden wir auch die rechte Kampfesweise finden. Steht ja die Bewegung noch in ihren Anfängen, und da dürfte es nicht allzu schwer fallen, durch Belehrung und Ermahnung aufklärend zu wirken und Manchen von der Schwärmerei, die ihn befallen, zu heilen, so lange noch die Krankheit in ihren Anfangsstadien sich befindet. Andere, welche das süße Gift nicht erkannten, können noch durch rechtzeitige Warnung davor bewahrt werden. Man finde sich nur nicht mit der Entschuldigung ab, daß eine ernste Gefahr nicht bestehe, daß der Zionismus zu wenige und zu wenig bedeutende Anhänger zähle, um alle die geistigen Güter, die wir durch ihn bedroht glauben, auch wirklich bedrohen zu können. Ganz so sprach man, als der Antisemitismus im Entstehen begriffen war, und man meinte deswegen auch, ihn vornehm ignoriren zu dürfen. Wie sehr man sich irrte, hat man zum eigenen Schaden erst später eingesehen. Nein, gerade weil eben die Bewegung des Zionismus sich noch in ihren Anfängen befindet, ist es unsere Pflicht, ihr energisch zu Leibe zu gehen, ehe es zu spät wird. Unterschätzen dürfen wir auch jetzt den Gegner keineswegs. Nicht nur die Mitglieder der betreffenden Vereine, Studentenverbindungen rc. sind Anhänger des Zionismus oder des Nationaljudenthums, sondern dieser, wie wir bereits dargethan habein so verführerische und bestrickende Gedanke macht seine werbende Kraft überall geltend. Vor allem tritt der Zionismus mit möglichst viel Geräusch und Anspruch auf. Man wird dadurch auf ihn aufmerksam, hört auf seine Schlagworte, denen man wohlwollende Beachtung schenkt, — endlich erregt die wahre oder falsche Begeisterung seiner Anhänger Bewunderung und — — ein Narr macht viele — — man wird offener oder geheimer Anhänger desselben. Seine Apostel werben mit dem ganzen Fanatismus der Sektirer neue Rekruten. So darf uns die bis jetzt noch verhältnißmäßig geringe Zahl Derjenigen, die sich offen zu ihm bekennen, nicht darüber hinwegtäuschen, daß Derer, die, vielleicht ohne sich selbst darüber klar zu sein, ihm schon halb oder vielleicht fast ganz anhängen, bereits eine ganz stattliche Schaar ist. Andere, die ihm noch nicht angehören, kokettiren mit ihm; hören wir ja bereits auf den Bänken der Hochschulen wie in den Büreaus der Banken, iix den kaufmännischen Magazinen und in den Handwerkerwerkstätten von Zionismus sprechen. Er hat also die Aufmerksamkeit auf sich gelenkt, und das ist für eine junge Bewegung schon ein bedeutender Erfolg. Auf die Jugend, die sich ja so gern und so leicht begeistert, übt er eine ganz besondere Anziehungskraft, weil das, wofür wir uns in unserer Jugend begeisterten: alle die edlen Güter unserer deutschen Nationalität und unseres Vaterlandes, ihr von anderer Seite so oft streitig gemacht wird. Hinwiederum ist der größte Theil dieser Jugend in so krasser Unwissenheit über das Judenthum, seine erhabene Glaubenslehren, seine hochentwickelte Ethik, seine Geschichte und Litteratur aufgewachsen, daß dafür sich zu begeistern, er ganz und gar außer Stande ist. Was Wunder also, daß er gern diesem an sich so schönen Träumen einer jüdischen Nationalität nachhängt und darob die wahren geistigen Güter aus den Augen verliert? Und nun noch eins! Unsere Zeit steht im Zeichen des Sports. Auch mit dem Zionismus wird bereits ein Sport getrieben. Es gereicht manchem Jüngling zur ganz besonderen Befriedigung, alle die Hindernisse, welche der gesunde Menschenverstand diesem Gedanken entgegenstellt, mit leichtester Eleganz zu nehmen. Ja, je größer die Hindernisse sind, desto größer der Ruhm, sie überwunden zu haben. Es siegt die Schwärmerei über den Intellekt, und jeder neue Sieg gewinnt ihr neue Anhänger.