Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1897)
- Date
- 1897-09-24
- Page
- Seite 459 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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Glücklicherweise ersparen die Thatsachen und die Zahlen, welche die Berufsstatistik eben veröffentlicht, jede weitere Antwort, indem sie Nachweisen, daß die Zahl der Juden im preußischen Heere sich seit 1882 geradezu verdoppelt hat, während die Zahl der Soldaten in der gleichen Frist sich nur etwa um 60 Prozent überhaupt vermehrt hat. * Der Zionisten-Kongreß beschäftigt noch immer die Blätter. Zu der Nachricht öon der Intervention des Papstes bemerkt die „Kölnische Volkszeitung": „Daß dem Oberhaupte der katholischen Kirche der Plan, die heiligen Stätten in israelitische Hände zu bringen, nicht gleichgiltig sein kann, ist ganz natürlich. Der Meldung, daß der Sultan schon Versprechungen im zionistischen Sinne gemacht habe, können wir aber, so viel wir den Sultan kennen, keinen.Glauben schenken! Selbst wenn der Sultan, was wir nicht annehmen — denn er müßte kein Moslim sein! — zu solchen Versprechungen geneigt sein sollte, dann würde, ganz abgesehen von anderen Mächten, wie England, vor allem das die Juden verfolgende Rußland seinen heute in Konstantinopel als der maßgebendste sich erweisenden Einfluß gegen jede derartige Konzession mit entscheidender Gewalt in die Waagschale werfen. Daß Msgr. Benetti in Konstantinopel die Sache zur Sprache gebracht hat, ist möglich, unwahrscheinlich dagegen, daß, wie die Daily News es andeutet, die päpstliche Diplomatie daraus eine Haupt-Aktion gemacht habe. Man weiß in Rom sehr wohl zwischen wirklichen Gefahren und chimärischen Phantasien zu unterscheiden. Im Vatikan läuft man selbst aber auch keinen Chimären nach. Und eine solche ist der von den, Daily News behauptete Plan, Geld für den Ankauf des h. Landes aufzutreiben und es den Ungläubigen zu entreißen. Für wen sollte der Papst das h. Land ankaufen wollen? Etwa, um es unter seine eigene Verwaltung zu stellen? Die Daily News glaubt doch wohl selbst nicht, daß z. B. das protestantische England das zulassen würde. Und noch weniger würde das „orthodoxe" Rußland es zulassen. Namentlich bei der jetzigen Russenfreundschast Frankreichs hat, wenn einmal Palästina in andere Hände übergehen sollte, vorläufig nach menschlichem Ermessen das mächtige Rußland Aussicht auf seinen Erwerb. Damit sollen die Hoffnungen nicht aufgegeben sein, welche die Katholiken auf die Wiedervereinigung des schismatischen Orients und Rußlands mit der katholischen Kirche hegen und hegen müssen." * Der Großrabbiner von Frankreich, Zadoc Kahn, den die Zionisten gar zu den Ihrigen zählen, ist jüngst von einem Pariser Journalisten interviewt worden. Nach dem „Journal" sagte der Großrabbiner Folgendes: „Ich kenne Herzl; sein Enthusiasmus ist mir sympathisch, doch seine die Detailfragen des Judenstaates mit wichtiger Miene behandelnde Methode erinnert mich an jene drollige Konversation der Eltern, die ihren ungeborenen Kindern die Karriere vorzeichnen wollen. Herzl griff die Idee aufdie vor einem halben Menschenalter der Odessaer Dr. Pinsker zu propagiren suchte. Damals entstanden in Palästina jüdische Bauernkolonien, welche ohne Hilfe des Großkapitals trotz Fleißes, der Kolonisten zu Grunde gegangen wären. Darum war es Undank seitens der Baseler Herren,. gegen die Financiers loszuwettern. Herzl ist eigentlich nur ein Ralliirter des Zionismus; sein Apostolat ist aus der Nationalökonomie hervorgegangen. Argentinien oder Palästina — :]{ dieser Eventual-Messianismus charakterisirt die ganze Richtung. Wir \.j Franzosen halten treu und ohne Reserve fest an dem Fundamentartike des Sanhedrin von 1807. Jeder Franzose ist religieusement verpflichtet ':j; Frankreich als sein Vaterland zu betrachten. Wir verkennen nicht, daß '; in Rußland, Rumänien und auch anderswo noch mittelalterliche Zu- 1 stände herrschen, aber auf der Suche nach einem Vaterlands sollen nicht , alle Wege nach Palästina führen. Soziale und sprachlich homogene Gruppen möge.man zielbewußt nach Palästina dirigiren: Ich denke vorerst nur an die osteuropäischen Juden nichtdeutscher Zunge. Diese .! Gruppen mit der Bevölkerung von Palästina sich assimiliren lassen — dazu sage ich Amen, aber der »Versuch der Bildung eines Staates birgt!' unendliche Gefahren in sich, deren nicht geringste die der Intoleranz eines theokratischen Despotismus wäre, so daß die Juden nur die J Tyrannei eingetauscht hätten. Die orientalische Intoleranz ist viel . [ gefährlicher und rücksichtsloser als eine europäische. Die Lösung I des Judenstaat - Problems erscheint mir minder wichtig — und hierbei blickte Zadoc Kahn auf den Kanal la Manche hinaus — als eine f Brücke über den Kanal m , ' K Ein recht albernes Märchen ließ sich die „Jndependance Belge"; über die Vorgeschichte des Kongresses auftischen, indem sie erzählt: „Als vor 16 Jahren der Schah Nasr Eddin von Persien seine f Europareise machte, bat Alphons Rothschild, der öfter die Vorsehung J für seine Konfessions-Verwandten spielt, ihn um eine Audienz, um ihm | die in Persien angesiedelten Juden ans Herz zu legen, da ihnen die Regie- § rung manchmal Schwierigkeiten mache. Nasr Eddin soll damals schelmisch geantwortet haben: „Sie sind reich, und auch unter Ihren Leuten H fehlt es nicht an großen Vermögen. Warum sollten Sie nicht einen;■;[ Theil derselben für die Erwerbung des alten Judäa verwenden, um { dort die Einwanderung Ihrer Rasse und die Wiederaufrichtung des ~J| alten Königreiches Israel zu organisiren?" Die „Jndependance" fügt \ noch hinzu: „Unter dem diplomatischen Gesichtspunkte, wo zu allen Zeiten die Frage der heiligen Orte eines der Elemente der stets wieder 11 auftauchenden Orientfrage war, kann die Errichtung eines jüdischen Staates in Palästina mit Jerusalem als Hauptstadt und dem heiligen Grabe als Hauptanziehungspunkt als eine der tollsten Chimären gelten, die jemals in einer aus dem . Gleichgewicht gekommenen Phantasie aus» | geheckt worden sind." ' If Der Orientalistenkongreß, der in der vorigen Woche zu f Paris abgehalten wurde, hat auch für den Kreis der biblischen und . jj rabbinischen Studien wieder viel Jntereffantes geboten. Man berichtet uns darüber: In der ersten Sitzung der semitischen Sektion (aramäisch, hebräisch, phönizisch, äthiopisch) verliest zuerst Lamy-Paris seinen Bericht über die syrischen Studien, woraus Ginsburg ein Fragment der von den Damen - A. Smith, Lewis und Dunlop Gibson entdeckten Handschrift des Ecclesiasticus vorlegt. Madame S. Lewis-Cambridge macht noch einige I Bemerkungen über den Antheil, den ihre Schwester, Madame Gibson, v an dieser Entdeckung genommen habe. Ueber die anderen Fragmente desselben Werkes referirt der Besitzer derselben, S. Schechter-Cambridge. M. Chabot-Paris verliest sodann den Bericht von M. Conti-Rossini über „Die äthiopischen Studien" sowie seinen eigenen Bericht über „semitische Epigraphik". D. H. Müller-Wien macht Mittheilungen über eine in Aussicht stehende Publikation über Südarabien mit Bezug - auf die im Museum in Wien befindliche Sammlung Glaser und überreicht die Facsimiles einer sich auf die Reinigungen beziehenden Inschrift. Ferner berichtet er über eine alte hebräische Hagada, die reich mit Figuren geschmückt sei, dem Museum von Bosnien-Herzegowina in Serajewo gehörig. Auf Befehl des österreichischen Finanzministers bereitet er mit Dr. Julius von Slossar eine Publikation der Handschrift vor. Ginsburg spricht von ähnlichen Handschriften, die sich im . Britischen Museum in London befinden. Kautzsch-Halle verliest eine Abhandlung von Nestle-Ulm über „Beiträge zur Geschichte der hebräischen Grammatik". In einer weiteren Sitzung legte Madame Lewis-Cambridge ein „palästinisch-syrisches Lexikon", verfaßt von A. S. Lewis,