Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1897)
- Date
- 1897-09-24
- Page
- Seite 458 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Es giebt kein anregenderes, kein erbaulicheres Büch als die Blätter unseres eigenen Lebens. Es ist ein entscheidender Vorzug des Menschen vor dem Thiere, vor allen anderen Geschöpfen und Dingen, daß der Mensch weiß, was er thnt; der Stein bewegt sich, und der Mensch bewegt sich, aber nur der Mensch weiß, daß er sich bewegt, alle die Vorgänge der Wirklichkeit finden eine Spiegelung in seinem Kopfe; sein Thun wird begleitet durch das Bewußtsein dieses Thuns. Und wie sehr steigert sich dieser Vorzug, wenn wir nicht .nur im Augenblicke leben, wenn wir mit unserer Seele unser ganzes. Dasein umspannen. Ein genialer und trivialer Mensch, wenn, beide dasselbe erleben und beide davon erzählen, so kann dasselbe Ereigniß in der Schilderung des Einen bedeutend, ein hochwichtiges Zeugniß des menschlichen Geistes sein, im Munde des Anderen wird es. eine leere Alltagsgeschichte werden. Der Rückblick im die . Vergangenheit ist dem Verständigen ein unerschöpflicher Quell der Unterhaltung; in mannigfacher Abwechselung wird er auf die göttliche Gnade gewiesen, die hier von einem jähen Abgrund ihn weggezogen, dort durch Schlucht und Gestrüpp ihn geleitet hat; selbst die Thorheiten, die wir in dem Leichtsinn der Jugend begangen haben, bereiten uns in der Erinnerung zuweilen fröhliche Stunden, und es ist beinahe wahr, was der Dichter in einem gewissen Uebermuth ausspricht: Wenn man in der Jugend keine Thorheiten begangen hätte, wovon sollte man im Alter erzählen; ja, das Heranwachsende Geschlecht hört sogar gern zu, wenn Männer und Greise erzählen, wie sie manch tollen Streich verübt haben, und wie ihnen das Leben manch tollen Streich gespielt hat, und dann gehen die Jungen fort und thun desgleichen. Dagegen sind die Einfältigen wie Einer, der in Finsterniß dahinschreitet; was hat es für ihn zu bedeuten, daß er durch blühende Fluren, über himmelragende Berge, durch Wüsten oder üppige Gefilde schreitet; er ist blind, und wenn die Reise lange dauert, dann spürt er es höchstens ander Müdigkeit in den Gliedern. Gewiß gleicht Erfahrung zumeist der Weisheit der Herren, die vom Rathhaus kommen. Dennoch ist es ein unendlicher Segen, von der hohen Warte eines geklärten Greisenthums weit hinauszublicken und viele Jahrzehnte mit klugem Geist zu umspannen. Es ist eine Ironie des Geschickes, daß Einer als Greis die Kunde hat, die ihm als Jüngling so gut wäre zu Statten gekommen; aber wenigstens den Vortheil haben wir dadurch, daß wir die Schwächen der Jugend mild und nachsichtig beurtheilen. Vor allem aber lehrt uns die Nichtigkeit oder, genauer, die Geringwerthigkeit der Lebenserfahrung, auf die ewigen Regeln der Tugend und des Rechtes zu achten, die dem Jüngling wie dem Greise gleich gut bekannt sind, die der Kompaß sind, den Gott selbst unserer Seele giebt. Klugheit, praktischer Sinn, das sind nicht zu unterschätzende Vorzüge; aber die sicherste Zuversicht, gut durch die Welt zu kommen, darf Der hegen, der Gott vor Augen und die Tugend im Herzen hat. All die Klugheitsregeln sind doch nur ein armseliger Behelf gegenüber diesem sicheren Kompaß auf dem Lebensmeere. Wer nur auf Erfahrung pocht, erfährt die Wahrheit des Dichterwortes: Was man nicht weiß, das eben brauchte man; was man weiß/das kann man nicht gebrauchen; wer der Stimme in seinem Inneren lauscht, der wird ein Zeugniß dafür,, daß der gute Mensch sich stets des rechten Weges wohl bewußt ist. Nicht, daß das Gute immer siege; oft vielmehr wird der Gute ein Opfer der Weltklugheit; aber selbst wenn , er unterliegt und leidet, ist er immer noch glücklicher als der Schlaue, der ihn überwindet. Nüivetät, Natürlichkeit, Ursprünglichkeit ist nicht nur ein Vorzug auf dem Gebiete der Dichtung, es ist auch ein schönes Kennzeichen eines edlen Charakters, wenn Einer, unbekümmert um alle Weltklugheit, ohne viel zu wägen und zu erwägen, schlicht und naiv das thnt, was Pflicht und Gewissen von ihm fordern. Wir alle möchten gern einen Ausgleich finden zwischen den Forderungen des Rechtes und des eigenen Vortheils; dazu kann uns Weltklugheit manches nützen. Wer aber seine Lebensweise einzig nach dem Kompaß der Pflicht richtet, der braucht gar nicht so erfahren zu sein, und wenn er dennoch die Augen offen hält und scharf sich umschaut, so geschieht dies in der Erfüllung des altem Satzes: Der Weise hat die Augen im Kopfe, er prägt alles, was er erlebt und erlitten hat, in seine Seele. Es giebt ein Wunderwort, das alles klärt und alles läutert, das auch den Schleier hinwegzieht von dem Reiche der Zukunft; dies Wort ist Gott! Der König David ruft: „Wen habe ich im Himmel, und wenn Du bei mir bist, so verlange ich nichts auf Erden," so. verlange ich nichts, so brauche ich nichts? Es ist der Ruf der thierischen Natur in uns, der Leben heischt, und auch dieser Ruf hat seine Berechtigung, aber der Besonnene erkennt sogleich, daß dies Gebet, das von allen Lippen ertönt, nicht Allen erfüllt werden kann; über diese letzte Station hilft keine Welterfahrung, keine Lebensklugheit.. Am Beginn eines neuen Jahres wollen wir nicht den Kranken gleichen, die dem Arzte sagen, welches Rezept er ihnen verschreiben soll. Wir wollen leben, aber wissen zugleich, daß dieser allgemeine Wunsch und Wille der-Sterblichen ein Protest ist gegen die allgemeine Weltordnung; wir wissen , nichts ist so sicher, als daß dieser Wunsch eines Jeden einmal einem Jeden unerfüllt bleiben wird, und unsere Einsicht lehrt uns , unserem sehnenden Herzen zum Troß, es ist gut so. Darum sprechen wir demüthig in heiliger Stunde: Nicht unser Wille, sondern Dein Wille geschehet B erl i u, 21. September. f er „Köln. Ztg." wurde vor einigen Tagen aus Berlin gemeldet: „In Bezug auf die Ausweisung russischer Unterthanen ist seit Kurzem ein völliger Umschwung eingetreten. Zahlreiche bereits verfügte Ausweisungen sind auf Anordnung von höherer Stelle wieder zurückgenommen. Aufenthaltserlaubnisse, auch wo deren Entziehung bereits angedroht war. sind ohne erhebliche Schwierigkeiten verlängert worden." Das „Volk" bemerkte hierzu: Wie es heißt, ist dies auf eine Einwirkung von russischer Seite her (während der Kaisertage) zurückzuführen, und ein anderes Antisemitenblatt wußte gar Folgendes zu sagen: „Verständlich wird die Meldung, wenn man hinzufügt — wovor liberale Blätter sich natürlich scheuen — daß es sich um russische Juden handelt. Die wollen die Russen beileibe nicht zurückhaben, und darum die „Einwirkung" von ihrer Seite. Wir können es den Russen lebhaft nachfühlen und bedauern nur, daß das seinerzeit von den Konservativen und Antisemiten im Reichstage beantragte Judeneinfuhrverbot nicht Gesetz geworden ist." O, sie sind gewaltige Politiker, unsere, guten Antisemiten! Mit großem Scharfblick und einer ungewöhnlichen Kenntniß der thatrip säch! ihre die grof Jen das mit deut vom Ster solfl Tha öff-i der hat, etwc Zu Stäi ist g im i Sul wir Vers andr Ruß weis Gew die <t gegei dara zrvis. scheii Und für 1 entre Etw, glau! das es zr hat, laust seine rvelck und Zioi Jom Groj die Met! ihrer griff Dr. jüdij der