Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 39 (24.9.1897)
- Date
- 1897-09-24
- Page
- [Seite] (sequence 1)
- Language
- German
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61. Jahrgang. Nr. 39. Berlin, 24. September 1897. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition in Berlin unter Streifband bezogen vierteljährl.3 M. Nedacteur: Gustav Karpelcs. Begründet von * Rabbiner D* Ludwig PHUippson-Konri. Verlags-Expedition: ißerlht, Jerusalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem.' Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Masse, Berlin. Leitartikel: Neujahr. — Die Woche. — Yiileant consules! II. Von A. Le vH.—Kritik des Gottesdienstes an den hohen Feiertagen. Von Dr. Albert Le dH. — Das jüdische Bewußtsein. Von Emanuel Baumgarten.— Elia Menachem Chalfan über den Unterricht Andersgläubiger durch Juden im Hebräischen. Von Professor Dr. David Kaufmann. — Lesefrüchte. II. Von Prof. Dr. L ud iv i g Geiger. — Feuilleton: Der M ilchmann. Novelle von R. Brainin. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Breslau, Posen, Hannover, Aurich, Frankfurt a. M., Freiburg i. B., Nürnberg, Wien, Budapest, Petersburg, New-York. — Bon Nah nnd Fern. Neujahr. Berlin, 20. September, rfahrung heißt der Weisheitsschatz, der den Menschen als der werthvollste Ertrag aller ihrer Thaten und Leiden gilt. Nur hat es mit dem Nutzen, den dieser Schatz uns bietet, eine eigenthümliche Bewandtniß; vielleicht kommen wir mit einem Gleichniß der Sache näher. Gesetzt, ein Mann unternähme eine Reise in ein fremdes Land, dessen Sitten und Gewohnheiten er nicht kennt; wie oft wird er sich eine Blöße geben, wie oft wird er zu Schadeil kommen und lächerlich werden; erst nach vielen Jrrthümern, nach mancherlei Beschwerden wird er vertraut geworden sein mit der Eigenart der Bewohner, mit den Einrichtungen des Landes, mit den Erfordernissen des Klimas; die Erfahrung könnte ihm nun sehr wohl zu gute kommen, wenn er noch ferner dazu berufen wäre, durch diese Gegend zu reisen: dann könnte er die Fehler vermeiden, die er in seiner Unkunde begangen hat; aber siehe da, kaum ist er dazu gelangt, in diesem Lande heimisch zu werden, so wird er sofort gezwungen, andere Zonen aufzusuchen, wo. ihm wieder alles neu ist, wo all das Elend, das den Unkundigen begegnet, wieder von vorn anfängt, wo er die früher erworbene Erfahrung absolut gar nicht verwerthen kann. Noch eine Möglichkeit giebt es, seine Erlebnisse, auch wenn er sic selbst nicht verwerthen kann, weil er dies Land nie wieder betritt, doch wenigstens für Andere nutzbar zu machen, indem er, was ihm begegnet ist, aufzeichnet, damit Diejenigen, die nach ihm die Reise unternehmen, sich warnen und belehren lassen. ' Aber wie wäre es, wenn. Diejenigen, die die Wanderung antreten, alle von dem wunderlichen Dünkel befangen wären, die Erfahrungen Anderer zu verachten und nur ihrem eigenen Urtheil zu trauen. Dann, so scheint es, wäre der Schatz von Erfahrung, den der Reisende um den Preis vielfacher Mühen und Sorgen und Gefahren sich erworben Hot, geradezu vergebens angehäust,. es-.toörc ein todtes Kapital, das Keinem frommt. Machen wir die. Nutzanwendung von diesem Gleichniß auf Diejenigen, die durchs Leben wandern. Es schreitet Einer durch seine Jugendzeit wie durch ein unbekanntes Land. Wie könnte er so rasch sich zurechtsindeu; bald wird er verspottet, weil es ihm an Menschenkenntniß fehlt, oder weil er glaubt, die Güter der Erde liegen nur so zu seiner Verfügung da, daß er mit seinen Händen danach greifen könne; bald lockt ihn das Vergnügen hinweg von der geraden Bahn, und aus den Höhlen und Schluchten findet er oft erst nach unsäglichen Beschwerden sich wieder zurück zu der geebneten Heerstraße. .Wie leicht und bequem dachte er sich die Wanderung, als er auszog — und dann wird ihm so oft bang um das Heil seines Körpers und seiner Seele; in allen diesen Kämpfen ist die Jugendzeit zu Ende gegangen; könnte er noch einmal jung werden, könnte er die Reise noch einmal beginnen, o, wie klug würde er die Klippen und Schluchten vermeiden, wie würde er sich hüten, Rast zu machen, wo die Verführung ihn ladet, wie würde er unbeirrt sein Ziel im Auge' haben und sich manche Stunde des Schreckens und der Verzweiflung sparen; jetzt lacht er über Gefahren, die ihn früher erschüttert haben, er ist beschämt über Freuden, die ihn vordem entzückt haben. So sagt wohl ein Jeder von uns: Könnte ich noch einmal jung werden, ich würde so manche Thorheit vermeiden und alles besser ordnen. Aber wir durchwallen jedes Lebensalter nur einmal; die Jugend kehrt nicht wieder, und nahezu unfruchtbar für uns ist die Erfahrung, die unser Jünglingsleben uns gebracht hat, denn das Mannesalter ist wieder ein ganz anderes, ein ganz neues Gebiet. Jndeß, ist es nicht möglich, daß wir die Jünglinge um uns sammeln und ihnen gleichsam ein Reisehandbuch übergeben, um sich zurechtzufinden im Wirrsal der Jugendzeit? Dann hätten wir zum mindesten die Freude, daß Andere durch unseren Schaden klug werden. Nun, es giebt ja hin und wieder einen Besonnenen, der besser wird, wenn wir ihm unsere Thorheit beichten; aber dies sind nur seltene Fälle; die meisten Jünglinge werfen dies Reisebuch, das ihnen vom reiferen Alter in die Hand gegeben wird, keck von sich; sie mißtrauen unseren Rathschlägen, oder sie vertrauen mit übertriebenem Wagemuth der eigenen Kraft und dem eigenen Urtheil und müssen alle selbst ein schweres Lehrgeld an Gut und Blut und Glück bezahlen, bis sie gereift und gewitzigt werden. Einzelnes lernen wir aus den Erlebnissen der Jugend, was uns im Mannes- und Greisenalter nützlich werden kann; Einzelne lernen von uns, um unsere Fehler zu vermeiden. Aber im Großen und Ganzen ist her Eintritt in die Mannes- und Greisenjahre wie der Eintritt in ein fremdes Land; im Allgemeinen lernen die Jüngeren auf dem Gebiete der Lebenserfahrung nichts von den Reiferen; wir gleichen dem Reisenden, der so lange im Lande bleibt, bis er mit den Mitten desselben bekannt geworden ist. und der dann, wenn er sich eingelebt hat und die Früchte pflücken könnte, ein neues , Land aufsucheu muß, in dem er wieder fremd ist. Wenn