Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1897)
- Date
- 1897-09-17
- Page
- Seite 456 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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456 ruhige Person und gesund ist und nicht gern sorgt. Ihre Milch ist besser als die der Kuh, und so will ich sie, weil sie mir leid thut, als Amme für ineine Tochter nehmen und ihr guten Lohn zahlen.".-! „Und was soll mit meinem Jungen geschehen?" gurgelte der Meier in einer Art hervor, als würde er gewürgt. „Euer Junge? Ist das auch eine Frage? Ihr seid wirklich ein Einfaltspinsel! Ich werde Euch sagen, was mit ihm geschehen soll. Einmal wird man ihm warmes Wasser mit Milch geben, ein anderes Mal Milch mit süßem Master, ein drittes Mal mit . . . mit. . . womit immer. Und wenn er etwas größer geworden sein wird, kann er mit Euch mitesten." Der Milchmann war ganz bestürzt, sein Hirn — auch er hatte eins, das zwar selten und langsam arbeitete — fing jetzt ein wenig zu arbeiten an, und das Ergebniß dieser Arbeit war ungefähr folgender Gedanke: Ich habe eine Kuh, ich gebe ihr zu essen, tränke sie, warte sie, und Niemand im Hause kostet auch nur einen Tropfen ihrer Milch, weil ich sie verkaufen muß. Hinde aber ist schwanger gewesen, hat Geburtswehen gehabt und einen einzigen Sohn geboren. Wollt Ihr auch die Mutter von ihrem Kinde trennen? Habt Ihr nicht genug an der Milch meiner Kuh? Wollt Ihr auch noch die Milch ineines Weibes mit eurem Gelde kaufen? — Nein, daraus wird nichts! „Nein," so schloß der Milchmann laut seinen Gedankengang, „daß kann ich nicht thun." „Wenn Ihr nicht wollt, so werde ich eine andere Amme finden und auch eine andere Kuh. Ihr braucht mir keine Milch mehr zu bringen." „Warum bringt Ihr heute nur eine halbe Maß?" fragte Jente, die Vorsteherin, den Milchmann. „Hinde ist niedergekommen. So habe ich ihr ein bischen Milch gegeben," vertheidigte sich der Milchmann. „Guter Gott!" schrie Jente. „auf Kosten Anderer! . . . Bin ich schuld, daß Euer Weib geboren hat?" „Ich möchte um etwas Geld für die Milch bitten," bettelte der Milchmann an der Thür der Frau Zire. „Fürchtet Ihr, daß ich Euch davonlaufen werde? . . Ihr könnt ganz ruhig sein." „Ich weiß, daß Ihr sicher seid, Frau Zire, aber Hinde, mein Weib, hat einen Jungen gekriegt." „Masel tow! Masel tow! Hör' doch," rief sie ihrem Schwiegersohn zu, der in der anstoßenden Stube saß. „Hinde, die Milchfrau, hat einen Jungen gehabt." „Masel tow!" rief der Schwiegersohn, auf den Milchmann zutretend. „Gewiß habt Ihr kein Geld für den Briß Miloh?" sagte er. „Das wird sich finden," sagte der Milchmann, „nicht jedes Jahr hat Hinde einen Sohn." „Doch werden Euch einige Rubel nicht schaden, die ich Euch für den Briß geben will." „Ich brauche gottlob keine Geschenke," antwortete der Milchmann, roth vor Scham oder Zorn. „Ich will Euch auch nichts schenken, Ihr Esel, ich will Euch nur dafür bezahlen, daß Ihr mich Euren Jungen beschneiden lasset. Ich lerne das jetzt und will mich üben. Und wiewohl ich mich darin bisher nicht verficht habe, so bin ich doch sicher, daß ich ihm keinen Schaden thun werde." „Nicht um eine Million Rubel möchte ich mein Kind in Gefahr bringen. . . Um keinen Preis! . . ." (Schluß folgt.) SprertzsaaU Geehrter Herr Redakteur! ine englische Anschauung über die gegenwärtig herrschende Zionistenfrage dürfte den Lesern, mögen sie für oder wider dieselbe sein, interessant erscheinen. Die „Manchester Weekly Times" schreibt in ihrer letzten Nummer vom 3. d. M. „Diejenigen, welche Thränen haben, mögen sich darauf gefaßt machen, sie bald zu vergießen; denn die Juden drohen, uns zu verlassen. Sie beabsichtigen nichts weniger, als Palästina den gottlosen Türken abzukaufen und insgesammt nach dem gelobten Lande zurückzukehren. Ein lobenswerthes und patriotisches Begehren in der That, und Keiner würde daran denken, sie hierin zu entmuthigen. Wir fürchten jedoch, daß der Wunsch des jetzt in Basel tagenden Zionistenkongresses nicht die Zustimmung aller Glaubensgenossen findet. Die Rückkehr der Juden in das Land ihrer Väter ist schon früher ins Auge gefaßt worden; ja seit beinahe 2000 Jahren hat man daran gedacht, und wenn auch die Idee poetisch ist und angenehm berührt, so sieht sie in der Wirklichkeit doch anders aus. Baron Hirsch gab schon Millionen aus, und was er erreicht, war nur eine kleine Bewegung, die Wenige zum Verlassen ihrer Heimath veranlaßt; ebenso, glauben wir, wird auch diese Bewegung, so hübsch sie auch angelegt und gedacht ist, ohne Zweifel in dem Sand verlaufen. Der Grund ist, weil die Juden selbst über diese Frage in zwei Lager gespalten sind. Die^Einen sind der festen Meinung, daß sie von Gott, selbst eine Aufforderung zur Rückkehr erhalten werden, sobald die Zeit hierfür gekommen sein wird. Andere dagegen wollen die von ihnen einmal adoptirte und liebgewonnene Heimath nur ungern verlassen. Wir in unserem freien England besitzen die Meisten der letzteren Klasse, zu unserer Ehre sei es gesagt, und wir würden ungern ihren Fortzug sehen. Denn, wir gestehen es gern ein, die Juden sind nicht das schlechteste Element in unserem Lande, und nach einem Jahrhundert werden sie infolge der ihnen angeborenen industriellen Eigenschaften ein mächtiger Faktor unseres Reiches sein. Die gegenwärtige Agitation ist eine Verkörperung von Ideen, die schon lange auf dem Kontinent gähren, und ihr Ziel ist die Lösung eines großen sozialen Problems. Die Juden sind über die ganze Erde zerstreut, und wohin sie gelangen, bleiben sie ein Volk, welches sich nicht amalgamirt; aber, es ist auch wahr, in jedem Lande, mit Ausnahme Englands, sind sie ungern gesehen und Mißhandlungen unterworfen. Kein Wunder denn, daß sie die Idee einer Emanzipation aus der Tyrannei aktiven -Neides und passiver Verachtung liebgewinnen und am Ausgang des 20. Jahrhunderts Zeichen sehen wollen, welche die Prophezeiungen als reif hinstellen könnten. Für eine Summe von Lstr. 10 000 000 glauben sie, würde der Sultan das gelobte Land hergeben, und falls diese Sumrne aufgebracht wird, ist die Erfüllung der Prophezeiung bedeutend näher gerückt. Dann mag das auserwählte Volk sich von uns verabschieden mit den Worten: au revoir, aber nicht ä dieu." Isidor Sternberg. * n einer der letzten Nrn. Ihrer geschätzten Zeitung behauptet Herr Dr. Levi), Rabbiner zu Lauterburg, daß sämmtliche Träger des Namens „Feibisch" ... den hebräischen (?) Namen führen. Diese Behauptung ist irrig. Der Rufname Feibusch ist nach dem Namenverzeichniß von B. Samuel im Sch.-A. Aben Haeser 8 129 nur als Beiname zu den wirklich hebräischen Pamen Elieser, Samuel und Simson zu betrachten. Der Name Scheraga kommt daselbst gar nicht vor, sondern als hebräischer Name zu Walk oder Falk. Bei der Schreibweise von Feibusch ist unsicher, ob der Anfangsbuchstabe ein Waw oder q sei. In Deutschland schreibt man Waw und in Polen 2- Als hebräische Grundnamen zu den deutschen VII-'I sind in der einschlägigen Litteratur angegeben: Uri, Elieser, Aljakim, Meschulam, Urschraga, Samuel, Chiskijahu und Chaim. Vergleiche Brechath Ha-Maim von N. Michel b. R. Josephs, Edition Frankfurter, Wien 1862. Die Bedeutung von Scheraga zeigt sich schon aus der Zusammensetzung mit dem hebräischen Ur. Vergleiche Aruch z. St. Straßburg (Elsaß). Rabbiner Dr. Aschkauaze. Druck und Verlag von ätuoolj Viosie in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.