Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1897)
- Date
- 1897-09-17
- Page
- Seite 455 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Runzeln und Warzen, darauf aschfarbene, zerstreute Härlein, ein buckliger pfeifender Berg, darunter ein langer Spalt, zwei triefende Löcher als Andeutung von Augen, trichterförmige Lappen auf beiden Seiten des Kopfes — wollt ihr das ein Gesicht nennen? Sein Alter . . . auch das kenne ich nicht. Er hat niemals seinen Geburtstag gefeiert und sein sogenanntes Aussehen verrieth nichts davon. Solche Menschen sind alt auch in der Jugend und nicht die Jahre, sondern ihre zahllosen Leiden, Schmerzen imb Unglücks - fälle bilden die Merlsteine ihres Lebens. Dieser Mann ohne Namen, ohne Gesicht, ohne Alter war arm und mit vielen Töchtern beladen. Alles, was er sonst besaß, war sein schwarzes Weib Hinde und eine rothe Kuh. Die aß von seinem Brode, trank aus seinen Töpfen und wohnte im Flur seines Hauses. Er hielt sie wie eine Tochter. Zeiten aber, wo er oder seine Frau nichts verdiente, ernährte sie das ganze Haus. Er erwies ihr besondere Liebe, weil er sie seiner ältesten Tochter Mirjanl als Mitgift bestimmt hatte. Der Milchmann — das war sein landläufiger Namechei den Leuten —, Hinde und Beider Töchter waren an Armuth und Mangel " gewöhnt und lagen dem lieben Gott darob nicht in den Ohren. Was aber diesen genügsamen Leutchen sehr wehe that, das war. daß sie keinen Sohn hatten. Sieben Töchter hatte ihnen der Himmel bescheert — und keinen „Erben". „Was soll dem Menschen das Leben, wenn er nach seinem Tode nicht eimnal einen „Kadisch" zurückläßt? Die Töchter vergesien ja ganz den Todestag ihrer Eltern." pflegte Hinde zu klagen. „Wenn mir nur Gott einen Sohn schenken würde, daß er Thora lernen könnte. Ich beneide Niemanden um Schätze, aber ich beneide — möge es mir nicht als Sünde angerechnet werden — Jeden," der Söhne hat," so pflegte der Milchmann zu sprechen. Namentlich an Sabbathen und Festtagen, wo sie Zeit hatten, sagten sich das die Eheleute. Aber ihrem Wunsche sollte endlich auch die Erfüllung werden. Als eines Tages der Milchmann mit dem Milchkrug von seinen Kunden heimkam, empfing ihn die Hebamme an der Schwelle mit dem frohen Zuruf: „Ein Sohn, ein Sohn! Masel tow! Masel tow!" „Und ich wußte gar nicht, daß mein Weib heute Geburtswehen hatte." jL „Du! Komm doch her!" rief die Wöchnerin, die des Morgens ihre Schmerzen dem Manne verschwiegen hatte, mit ihn nicht in seinem Tagewerke zu stören, „sieh Dir doch unser Söhnchen au!" Der Milchmann wandte seinen Kopf dem Kinde zu, das noch nicht gewaschen war, und betrachtete es. „Wie schön es ist! Die Schechinah ruht auf ihm," sagte er thräuenden Auges. Sein stammelndes Genäse! klang jetzt angenehm und zart. Die Furchen seines Gesichtes waren ein wenig geglättet. .In den beiden Löchern unter der Stirne blitzte etwas. Auch die Töchter standen rings um den Neugeborenen, betrachteten ihn rmd zwitscherten zu ihm. Eine jede von ihnen pries seine Schönheit. Es war Licht und Freude in der Hütte dieser Armen. „Warum bringt Ihr die Milch so spät heute?" herrschte Frau Chappmanu den Milchmann an. „Auch er ist ein „Porez" (gnädiger Herr) und sitzt sich mit den Händen in der Tasche, auf dem Ofen, während ich keinen Tropfen Milch habe. Die gnädige Frau ist wohl noch nicht aufgestauden?" „Hinde soll leben, hat mir — zu Masel — einen Sohn geboren ... sie ist etwas unwohl. .. Darum habe ich mich ein wenig verspätet . . . denn . . ." „Immer ein anderer Jomtow. Heute kommt die Milchfrau nieder — thut sich was! — und morgen wird wieder was anderes los sein. Was können meine armen Kinder dafür? Für mein gutes Geld giebt mir Jeder Milch, auch Reb Loser, der Wucherer." „Ah, seid Ihr schon da," sagte Frau Chaserczik. „Willkommen! Eure Milch ist ohnehin nichts werth, ist abscheulich! Und da kommt Ihr noch so spät. Soll ich Boten nach Euch schicken?" „Mein Weib . . . Hinde . ..." stammelte der Milchmann. „Was geht mich Euer Weib an? Seid Ihr ihr Bedienter? Oder habt-Ihr Euch unterhalten mit einander?" „Sie hat einen Jungen bekommen . . . einen Jungen hat sie bekommen." „Da seht Euch die Freude von dem Milchmaun an! Habt Ihr noch zu wenig Kinder? ... Da geh Einer Gott fragen! Zirele, meine Schwiegertochter, ist gesund und reich und hat keine Kinder, und diese Milchfrau, die gar kein Leben mehr in sich hat, ein solches Exemplar, kommt jedes Jahr nieder, als wenn es nicht schon genug Hungerleider geben würde." „Der Milchmann kommt gekrochen," ruft Frau Dina^ „macht Platz! Zuletzt hat er doch Mitleid mit uns gehabt. Nachdem wir den Thee schon ohne Milch getrunken haben, kommt er damit! Habt Ihr ein anderes Geschäft, daß Ihr das so vernachlässigt?" „Hinde ..." „Ich glaube doch, daß Eure Kuh und nicht Hinde die Milch, giebt." „Die hat einen Jungen gehabt — einen Jungen." „Hinde ist niedergekommen. . . Das ist zum-Erbarmen. . . Sie hat gewiß noch keine gute Kost gehabt — gewiß nicht ein Stückchen gebratenes Huhn. . . Noch ein Kind! Arme Hinde. . . Was wird sie machen, die Unglückliche? . . Das ist zum Erbarmen." „Hinde ist glücklich. Es ist doch ein Sohn, ihr einziger Wunsch." „Ach, hört doch, Milchmann, Hinde wird nicht satt werden von dem Jungen. Im Gegentheil, sie braucht jetzt bessere Nahrung, und Ihr verdient ja so wenig." „Ich weiß, daß Hinde jetzt ihre Gesundheit pflegen muß. Sie wird auch gottlob nicht verhungern/ .- . Die Freude an dem Sohne wird sie kräftigen." „Ich fürchte dennoch um Hinde. Ich weiß, daß Euer Weib eine —