Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1897)
- Date
- 1897-09-17
- Page
- Seite 454 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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454 wendet immer wieder diesen Pfiffigen Gaunerfamilien das Mitleid der Getäuschten zu. Unterscheiden, das weiß man ja, ist nicht Sache des Publikums;! aber von den Vereinen kann man doch verlangen, daß ihre Organe ' so grobe Verwechselungen nicht begehen und diese herumziehenden Personen behandeln, als wären sie „Ausgewiesene", dieselben Personen, die, mögen sie sich noch so verschiedene Namen geben und noch so geschickt ihre Papiere unter einander austauschen, dennoch Won jedem nur einigermaßen geübten Auge an ganz bestimmten; Kennzeichen sofort als das erkannt werden müssen, was sie sind. Wann wird eine alte, abgegriffene, auf Leinwand gezogene, beschmutzte Empfehlung endlich von Jedermann für das angesehen werden, was sie in Wirklichkeit ist: Ein Dokument, das seinem Besitzer fortgesetzte, langjährige, professionsmäßige, vagirende Bettelei bezeugt? Und was beweist die Thatsache, daß ein solches Dokument seinen Mann besser nährt als die treueste, fleißigste'Arbeit? Daß man beim Geben einerseits von falschen Gefühlen geleitet, andererseits von egoistischen Motiven getrieben wird. Das falsche Gefühl ist das übel angebrachte Mitleid, das egoistische Motiv der Wunsch, den lästigen Anblick sich vom Halse zu schaffen und nebenbei noch die Gunst des Himmels sich durch die milde Gabe zu erkaufen. Wenn es heißt, wer schnell giebt, giebt doppelt, so giebt der, der richtig giebt, hundertfach. Richtig aber giebt nur der, der beim Geben nicht an sich selber denkt, sondern an die Noth, die es 311; heben oder zu lindern gilt. Unsere Fremden-Armenkassen jedoch fassen weder die Noth ins Auge, der sie ftenern wollen, noch untersuchen sie irgend einen Fall; ihnen liegt nur daran, möglichst schnell die Durchreisenden weiter zu bringen, und ihr einziger Gedanke ist: „Fort von uns, mögen sie wo anders hin!" So kommt der Durchreisende bald per Bahn in die nächste Gemeinde, an die nächste Kasse, wo es ebenso gemacht wird, dann an die dritte und so fort, bis er am Ende wieder an der ersten angelangt ist, und zwar genau zu dem Zeitpunkt, wo statutenmäßig derselbe Mann wieder bedacht werden darf, nicht früher und nicht später, denn die Vereine und ihre Statuten haben sich ja darauf eingerichtet, daß er wiederkommt. In diesem unfruchtbaren Zirkel bewegt sich die „Wohlthätigkeit" unserer Fremden- Bereine — die Wohlthätigkeit! Wer möchte dieses schöne Wort hier nicht als Hohn empfinden? Der Schaden, der aus solchem „Wohlthun" den Gemeinden erwächst, besteht-nicht allein in den enormen Summen, die damit vergeudet und den wirklichen Armen entzogen werden, sondern es^ ergiebt sich noch eine ganze Reihe größerer Schäden, die es im Gefolge hat, und die zum Theil schon oben angedeutet wurden. Außerdem wird der bessere Zuzug, der Zuzug solcher Familien, die sich anderswo nicht fortbringen konnten und ihr Heil nunmehr, oft mit gutem Erfolge, in einer deutschen Gemeinde suchen, mit scheelen Augen betrachtet, mit wenig Wohlwollen behandelt aus dem einfachen Grunde, weil man ihn mit den unsauberen Elementen verwechselt, die sich wie oben geschildert oft einnisten und überall uns zur Schande gereichen: im Hause, wo Schmutz und Unordnung. Zank und Streit herrschen, in der Schule, wo die anderen Kinder mit Recht sich gegen ihre Nachbarschaft sträuben, in den Krankenhäusern, wo an ihnen manches „studirt" wird, was bei keinem anderen Patienten vorkommt. Diese Bilder weiter aufzurollen, ist nicht nothwendig und würde an dieser Stelle viel zu weit führen. Es kann sie jeder Kundige sich selber ergänzen. Sodann erwächst daraus ein mittelbarer Schaden unserem hart geprüften, braven, schwer bedrückten Brüdern in Rußland, Galizien 2c.; denn, da die oben geschilderten schlimmen Gesellen, die durch ihr freches Auftreten schließlich das mildeste Herz in ein hartes verwandeln können, oft die einzigen Repräsentanten dieser. Länder sind, die den in den Kulturländern lebenden glücklichen Glaubensgenossen zu Gesichte kommen, so schöpfen diese daraus jenes unausrottbare Vorurtheil, das sie blind macht gegen die Tugenden, Vorzüge und die in manchen Stücken nicht wegzuleugnende Ueberlegenheit der vielen Tausende, die dort in Leiden schmachten und blos ein wenig Luft brauchten, um mit dem Glanze ihrer so lange niedergehaltenen Fähigkeiten die Welt in Erstaunen zu setzen. Zum Schluffe möchte ich noch auf eine Abzweigung der hier geschilderten Organisation der Bettler Hinweisen, die gewiß schon von manchem Leser dieses Blattes alljährlich um diese Jahreszeit nnaugenehm empfunden worden ist, ich meine diejenigen Wanderbettler, denen von der obersten Leitung die Sparte: Kurplätze zugetheilt ist, eine Spezialität, die meines Wissens bei anderen Konfessionen gar nicht vorkommt (wie überhaupt die unendlich weiten Reisen armer Kranker, die ihnen in den meisten Fällen weit mehr schaden als nützen, aus guten Gründen nur in unseren Reihen möglich sind). Der Schaden, den jene Kraukheitsschwindler stiften, liegt auf der Hand: die wirklich Kranken und Hilfesuchenden werden mit Mißtrauen betrachtet, es wird ihnen durch die Menge der professionsmäßigen Vagabunden der beste Theil der Unterstützung entzogen, es werden hier wie in den Gemeinden die Wohlthaten .mißbraucht, die Wohlfahrtseinrichtungen ausgenutzt, und auch hier sind es alljährlich immer wiederkehrende Namen, die erst dann, wenn sie in einem Kurplatze als Schwindler sich entpuppt haben, einem anderen sich zuwenden. Das Aufrollen all dieser unerquicklichen Bilder hätte aber wenig Zweck, wenn es Glicht zum Nachdenken veranlassen und manchen mit öffentlicher Wohlthätigkeit sich befassenden Leser aus seiner Saumseligkeit aufrütteln würde. In Folgendem möchte ich mit einigen Strichen anzudeuten versuchen, auf welchem Wege vielleicht Abhilfe zu schaffen wäre: Vor allen Dingen müssen alle Fremden-Armenvereine zu einem großen Verbände zusammentreten; denn wenn irgendwo, so muß hier einheitlich und geschloffen vorgegangen werden. Ein gegenseitiger Austausch der gemachten Erfahrungen, ein gegenseitiger Austausch von Listen derjenigen Namen, die bereits als Schwindler überführt sind, Aufstellung allgemeiner Grundsätze und fester Normen, von denen kein einzelner Verein abgehen darf. Zu diesen gehören: Die . gewährten Unterstützungen dürfen niemals in Baar verabreicht, sondern Nahrung, Obdach, Arbeit muß gewährt werden. Dadurch allein werden schon die schlimmsten Elemente von der Bildfläche verschwinden; denn diesen ist es ja nicht um menschenwürdiges Wohnen und Esten zu thun, sondern nur darum, ungesehen und ungehindert ihr wüstes Treiben fortführen zu können, während den ordentlichen, wirklich Bedürftigen auf der Reise nichts erwünschter ist, als das; sie wissen, wo sie ihr Haupt niederlegen und sich stärken können. Mit den' Bahnen wird dann vielleicht auch irgend ein Abkommen zu treffen sein, daß man Fahrkartenvorräthig kaufen oder sonstwie die Leute an ihr Reiseziel befördern könnte; das Herumziehen hört danüt auch auf; sobald man sie kennt und ihnen näher tritt, ist ihnen dieses Handwerk naturgemäß gelegt. Also kurz und gut: Auch hier gilt, wie bei der Armenpflege überhaupt, der Grundsatz: Ein Almosen ist noch keine Wohlthat und ein Bettler selten ein Armer. Nicht blos Geld geben, sondern dem Armen Zeit und Kraft widmen, nicht blos fromme Stiftungen machen, sondern, sich mit seiner ganzen Person, seinem ganzen Können und Wiffen, seiner ganzen Erfahrung in den Dienst der Nothleidenden stellen — das ist Wohlthätigkeit.