Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1897)
- Date
- 1897-09-17
- Page
- Seite 453 (sequence 9)
- Language
- German
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453 Worte sprechen: „Lorneb attob adonaj inekaddeseb basebabbotb": Gelobt seist Du, Ewiger, der Dü den Sabbath heiligst, oder: „^Vesebomruli bene Jisrael rc.": Und es sollen die Kinder Israel den Sabbath beobachten, so daß alle ihre Geschlechter den Sabbath als ewigen Bund feiern." Abgesehen von dieser allgemein traditionellen Bedeutung des Sabbaths, ist doch auch an gewisse regelmäßig wiederkehrende und hervorgehobene Sabbathe des Jahres zu erinnern, deren spezifisch liturgische.Färbung dieselben ganz direkt als Sabbathe bezeichnet und eine Verlegung auf den Sonntag unmöglich macht. So z. B. der Leliabbotb Rosch cliaudesch, Schabboth naclimoh, Schabboth cliason, Schabboth liagodaul. Das sind die Schwierigkeiten, die sich der Ausführung des den edelsten Motiven entsprungenen Antrags entgegenstellen. Ob dieselben zu überwinden sein werden? Ich glaube, es istnach den dargelegten Verhältnissen kaum Aussicht dazu vorhanden. Sollte aber eine größere Anzahl von Gemeindemitgliedern sich durch ihre Unterschrift mit dem an den Vorstand zu richtenden^Ant rag einverstanden erklären, so mag derselbe immerhin den Versuch wagen, neben dem Sonnabendgottesdienst einen am Sonntag probeweise einzurichten und ihn so zu gestalten, daß er bei frommen Gemüthern keinen Anstoß erregt. Ist derselbe genügend besucht, so ist dieNothwendigkeit eines solchen erwiesen, und er mag als dauernde Einrichtung erhalten bleiben. Und nun noch ein Wort an Diejenigen, welche Denen, die am Sonnabend verhindert sind, die Synagoge zu besuchen, den Rath ertheilen, am Sonntag in der Reform ihr religiöses Bedürfniß zu befriedigen. Es ist nicht zu leugnen, der Gottesdienst in der Reform ist ein edler, alle Faktoren vereinigen sich, um ihn zu einem erhebenden, weihevollen zu gestalten. Das neue Gebetbuch schließt sich streng an Siddur und Machsor an, wir haben das „Schmäh", die „Schemone esreh", die „Keduschah", das „Kadisch-Gebet", die „Abodah", das „Kol nidre", „wenißlach" u. a. Aber alles das bietet Denjenigen keinen Ersatz, die einen überwiegend hebräischen Gottesdienst haben wollen, denen der Sabbath'als eine geheiligte Ueberlieferung gilt, welche die Bedeckung des Hauptes als einen unerläßlichen Theil der Andacht betrachten. U Gegen tief eingewurzelte Gewohnheiten ist eben nicht anzukämpfen, und als Beweis dafür, wie solche selbst vernünftige Erwägungen ertödten und Eindrücke, die als erhebende empfunden wurden, in ihrer nachhaltigen Wirkung beeinträchtigen, mag folgendes Erlebniß dienen. Eine Freundin meines Hauses, orthodoxer Richtung, besuchte vor einiger Zeit den Gottesdienst der Reform. Sie ivar begeistert von dem Eindruck, den sie empfangen, pries die Predigt, die schönen, allgemein verständlichen Gebete, die Gesänge, die Ruhe und Andacht, die während des ganzen Gottesdienstes durch nichts gestört wurden, und doch meinte sie nach Beendigung desselben, sie müsse noch einmal nach der Synagoge in der Oranienburgerstraße, sie habe noch die Schemone esreh zu beten, die fehle ihr. Trotzdem ich ihr nachwies, daß sie dieselbe soeben Wort für Wort deutsch gebetet habe, ließ sie sich von der Ausführung ihres Vorhabens nicht abhalten. Arber Fremdrn-Armenverrrne. Von Rosalie Perles. (cjJSIte Wanderbettler bringen, von Haus zu Haus, von Dorf zu Dorf, von Stadt zu Stadt ziehend,'einen ganz falschen Eindruck von Uebervölkenmg hervor, gerade so, wie eine kleine Zahl als Soldaten verkleideter Schauspieler, die um die Bühne eines Theaters ziehen, die Illusion eines Heeres bewirkt. An diesen von Roscher aus Guy citirten Satz knüpfte ich die Bemerkung,daß das traurige Kapitel der Fremden-Armenvereine in unseren jüdischen Gemeinden abgesondert von dem übrigen jüdischen Armenwesen besprochen werden muß. Diese besondere Behandlung soll in den folgenden Zeilen ihm gewidmet, die hier in Betracht kommenden Uebelstände beleuchtet und zur Bekämpfung derselben angeregt werden. Wenn man die Grundsätze einer vernünftigen Armenpflegealle durchgeht, wie sie Roscher so überzeugend nachgewiesen und über' sichtlich zusammengestellt hat, und dabei die Praxis unserer Kassen für Durchreisende und die Durchreisenden selber beobachtet, so kommt man zu dem niederdrückenden Resultat, daß hier nicht etwa einer oder der andere dieser Grundsätze, sondern alle zu gleicher Zeit verletzt werden. Man gewahrt auf der einen Seite ein ununterbrochenes, prüfungs- und kopfloses Austheilen reicher Baargeldmittel, auf der andereil Seite eine lachende Schaar von Wanderbettlern, die, wie oben so treffend ausgedrückt, periodisch auf ihren Touren wiederkehrend, eine große, unendliche Menge zu sein scheinen, in Wirklichkeit aber nur eine gut organisirte, in ihrer Art sogar stramm disziplinirte Gesellschaft bilden, der wir ohne Organisation hilflos gegenüberstehen. Durchreisende jüdische Arme gab es immer, und Verthold Auerbach schildert dieselben sehr ergötzlich und naturgetreu in „Dichter und Kaufmann". Diesen Leuten kann man nicht gram sein, imb auf diese Zeit passen vielleicht auch die Vereine, deren Gründer von dem Bestreben geleitet waren, den Privaten in ihren Häusern die Belästigung zu ersparen, von den umherziehenden Bettlern angegangen zu werden. Jedermann weiß, daß in der Zeit der Eisenbahnen nicht einmal dieser minimale Vortheil erreicht wird, daß unsere heutigen Durchreisenden außer der von der Kasse gewährten Unterstützung nicht nur auch alle anderen bestehenden Kassen bestürmen, alle Wohlfahrtseinrichtungen durch den damit getriebenen Mißbrauch schädigen, sondern auch alle Privathäuser „mitnehmen", von beneit etwas zu erwarten ist. Ist doch eine förmliche „Börse" zu ihrer Verfügung, auf welcher alle „guten" Adressen verzeichnet sind, und zwar mit Note I, II oder III, je nach der Höhe der Gabe, auf die gepocht werden muß. Man kann wohl sagen, daß, von wenigen Ausnahmen abgesehen, durch die Summen, welche die Vereine für Durchreisende jahraus, jahrein verausgaben, lediglich dreierlei erreicht wird: 1. den Eisenbahnen fließt Geld dadurch zu, 2. die Spelunken und Gasthäuser niedrigster Art werden mit Kundschaft versorgt, welche das vom Verein eben erhaltene Geld dort verjubelt, ja, manchmal wird mit dem Gelde noch Schlimmeres, werden alle Laster damit gefördert; 3. ein fortwährender Zuzug der ' schlimmsten Elemente wird veranlaßt, die oft monatelang oder für immer ihre Zelte in der Großgemeinde aufschlagen und den festen Mittelpunkt bilden, der die Anderen herbeizieht, festhält, ihnen die Wege weist, um für das Führeramt und die gründliche Anweisung dann auch die Prozente zu erhalten. Es gehört nicht viel Unterscheidungsvermögen dazu, die Mitglieder dieser Organisation als solche zu erkennen. Sie besteht aus Männern, Frauen und Kindern, sämmtlich wohlgenährt, die zur besseren Erregung des Mitleids mit Vorliebe Bresthafte, Krüppel und Blinde mit sich führen, den Fuß zwischen die Thür stemmen, das Durchlesen der erhandelten, ertauschten und gefälschten Zeugnisse erzwingen möchten und — jetzt kommt der Haupt-Geschäftskniss — sich ' für ausgewiesene Russen erklären. Das Zauberwort „ausgewiesen" wirkt sicher, wird für sie zur unversieglichen Einnahmequelle und i) Siehe Nr. 37 des vorigen Jahrganges: „Einige Gedanken über Armenpflege."