Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1897)
- Date
- 1897-09-17
- Page
- Seite 452 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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452 ,es geradezu unhaltbaren Zustandes; denn selbst dem eifrigsten Jünger -Pestalozzis entfällt der Muth, wenn er sieht, wie die Schwierigkeiten keineswegs geringer werden, womöglich sich häufen, und daß nicht den geringsten Antheil daran Eltern und Behörden haben. Für diese Schule aber muß der Lehrerwechsel geradezu verhängnißvoll wirken. Die vielen Schwierigkeiten, mit denen die Schule nach innen wie nach außen — wir haben hier nur einige erwähnt — zu kämpfen hat, können nur durch dauernde planmäßige, zielbewnßte Arbeit des Lehrers gehoben werden, gerade unter solchen Umständen ist es höchst nothwendig, daß wenigstens eine Kraft dauernd für die Schule gewonnen wird. Die Zustände, unter denen die Schule leidet, drücken das Niveau derselben tief herab. Es ist erklärlich, daß der Besuch derselben für minder wichtig gehalten wird als der anderer Schulen, und daß der Besuch immerhin ein mangelhafter ist. Aber nicht blos in den Augen der Gemeinde sinkt das Ansehen der Schule, sondern auch in den Augen der Behörden. Hieraus ist wohl das mangelhafte Interesse seitens derselben zu erklären, die in der Elementarschule vielleicht eine Art des Cheder sehen, wie sie in Memel noch'in voller Blüthe stehen. *) Leider scheint es, als ob in absehbarer Zeit eine Aeuderung dieses Zustandes nicht herbeizuführen wäre, denn der Schule, die, wie oben augedeutet, ihre eigene Verwaltung hat, fehlen die nöthigen Mittel. Das ist um so schlimmer, als durch derartige Einrichtungen, das Ansehen des Judenthums in den Augen unserer Mitbürger herabgesetzt wird. Abhilfe könnte nur durch Beschaffung eines geeigneten, den Anforderungen der Zeit entsprechenden Schulhauses (jedoch nur Schulzwecken dienstbar) geschaffen werden; auch wäre die Einrichtung einer öffentlichen jüdischen Schule wie sie die bei Weitem kleinere katholische Gemeinde am Orte hat, ins Auge zu fassen. Nur dann kann die Schule ihre Aufgabe voll und ganz erfüllen, nur dann kann der Posten, der der deutschen Schule hier an der Grenze des Reiches zugewiesen worden, gehalten werden. Ssnntagsgottesdienst. Von Professor Emil Breslaur. für den an den Gemeindevorstand zu richtenden Antrag, neben dem Gottesdienst am Sonnabend auch einen solchen am Sonntag in den Synagogen einzuführen, habe auch ich mich erklärt, nicht aber, ohne in Kürze gewisse Bedenken gegen die Ausführbarkeit des Vorschlages zu äußern. Sei es mir gestattet, diese Bedenken ausführlich darzulegen und sie zur Prüfung bezw. Widerlegung jenen Kreisen zu unterbreiten, welche die Anregung zur Einführung eines Sonntagsgottesdienstes gegeben haben. Da ist zuerst die pekuniäre Seite der Frage, die in Betracht kommt. Soll ein solcher Gottesdienst eingerichtet werden, so müssen Prediger, Kantoren, Chorleiter, Chormitglieder, Balgentreter und Synagogendiener honorirt werden, denn man kann ihnen nicht zumuthen, sich Jahr ein, Jahr aus einer so anstrengenden und zeitraubenden Thätigkeit ohne genügende Entschädigung zu unterziehen. *) Daß selbst in der jüdischen Gemeinde die Schule vielfach dafür angesehen wird, beweist der Umstand, daß einige Herren, Führer der Gemeinde, sich sehr erstaunt zeigten, als sie gelegentlich erfuhren, daß auch die in anderen Schulen gepflegten Disziplinen (Geschichte, Geographie, Physik, Mathematik rc.) Berücksichtigung finden. Sie hatten geglaubt, es würde nur Hebräisch und daneben vielleicht „etwas" Lesen und Schreiben gelehrt. . Nach ungefährer Schätzung würden die Ausgaben für eine Synagoge im Jahre 8800 Mark betragen?) Nun ist es doch sehr fraglich, ob die Gemeindebehörden, namentlich in ihrer jetzigen Zusammensetzung, eine so große Ausgabe zu bewilligen bereit sein werden. Sympathisch wird Vielen ein Sonntagsgottesdieust sein nicht nur aus den in dem Aufruf dargelegten Gründen, sondern auch eines anderen, besonders schwerwiegenden Umstandes halber. Es wird immer wieder hervorgehoben, wie nothwendig die Kenntniß der hebräischen Sprache für unsere Jugend sei, und daß dahin gestrebt werden müsse, die Knaben und Mädchen zu befähigen, die Hauptgebete fließend zu lesen und auch zu verstehen. Vorausgesetzt nun, sie seien dazu im Stande, so wird das Gelernte doch bald vergessen sein, wenn sie sich nicht durch regelmäßigen Besuch des Gottesdienstes in der nöthigen Uebung erhalten. Es könnte sonst leicht dahin kommen, daß die Jünglinge nicht einmal mehr den Segen über die Thora' zu sprechen vermögen. Da nun die Kinder, mit Ausnahme der Schüler in der Gemeinde-Knaben- und -Mädchenschule, in denen am Sonnabend nicht unterrichtet wird, an diesem Tage den Gottesdienst nicht besuchen können, so dürfte die Einrichtung eines Sonntagsgottesdienstes, der ja nach dem Sinne des Aufrufs von dem am Sonnabend nicht abweichen soll, einen sehr günstigen Einfluß auf dieselben ausüben, die Kenntniß der hebräischen Sprache befestigen, die Schüler aber außerdem befähigen, mit der Liturgie vertraut zu werden, sich im Gebetbuche zurecht zu finden, dem Kantor zu folgen und die Gemeindegesänge sich anzueignen, was durch den Jugendgottesdienst, der seit einigen Jahren am Sonnabend Nachmittag abgehalten wird, nicht erzielt werden kann. Enthält derselbe doch nur das Minchagebet, und auch dieses nicht einmal in der ursprünglichen Form?) Deni stellt sich aber ein schwer zu überwindendes Hinderuiß entgegen, nämlich, daß gerade am Sonntag Vormittag in den vier Religionsschulen der jüdischen Gemeinde Unterricht ertheilt wird, die Schüler dieser Schulen also auch am Sonntag vom Besuche des Gotteshauses abgehalten werden. Eine andere Schwierigkeit besteht darin, daß es fraglich erscheint, ob es nicht einige der Herren Prediger aus religiösen Bedenken ablehnen möchten, bei einem Sonntagsgottesdienste zu predigen. Und noch auf ein Bedenken ist hinzuweisen, das manche Gemeinde- . Mitglieder vom Besuche eines solchen Gottesdienstes abhalteu dürfte, und zwar diejenigen, die es nicht über sich gewinnen könnten, alle auf den Sabbath. den siebenten Tag der Woche, bezüglichen Stellen im Gebetbuche am Sonntag, dem ersten der Woche, zu beten. Anstoß dürfte es bei Solchen bestimmt erregen, sollten sie am Sonntag die 0 Ich nehme so: Der Prediger 30 M., Chordirektor und Organist je 10 M. 20 M., 24 Ehrenmitglieder je 5 M. -- 120 M., Balgentreter 1 M., 5 Synagogendiener je 1 M. — 5 M., Summa 8800 M. 2) „Sich im Gebetbuch zurechtfinden lernen." Ja das schreibt man so leicht hin, aber ist es auch überall zu erreichen? Die Kinder werden, falls der Gottesdienst in den beiden Synagogen der Oranienburger und Linden - Straße abgehalten wird, in dem in diesen benutzten Gebetbuche recht bald Bescheid wissen; aber sie werden rathlos dastehen, falls sie einmal die Synagoge in der Heidereutergasse besuchen, oder wenn sie in die Synagogen anderer Städte, z. B. Breslau, Stettin, Hamburg, kommen, wo wieder andere Gebetbücher eingeführt sind. In Bezug auf die Verschiedenheit der Gebetbücher herrscht jetzt eine Zerfahrenheit, die zum Himmel schreit, es wird bald so viel Gebetbücher geben, als es Gemeinden giebt. Es wäre eine sehr dankenswerthe Aufgabe der Rabbiner-Verbände, ein für alle jüdischen Gemeinden, in denen der alte Siddur nicht mehr in Gebrauch ist, geeignetes Gebetbuch zu verfassen. Jeder Rabbiner müßte sodann bemüht sein, di? Einführung desselben in seiner Gemeinde durchzusetzen, damit endlich dieser Zustand der Zerklüftung ein für alle Mal aufhört.