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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-17 · Heft 38 (17.9.1897) · p. Seite 451

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 38 (17.9.1897)
Date
1897-09-17
Page
Seite 451 (sequence 7)
Language
German
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Dieser wollte den am Orte und in der Nähe der Grenze wohnenden russisch-jüdischen Armen Gelegenheit geben, ihre Kinder zll brauchbaren Menschen, zu tüchtigen Bürgern des Staates zu machen. Anfangs lediglich auf die Unterstützung wohlhabender Glaubensgenossen angewiesen/) gelang es genanntem Seelsorger, einen Fonds zu beschaffen, der den Bestand der Schule sichert. Leider reicht dieser Fonds nur so weit, daß die Schule ein kümmerliches Dasein fristet. Es herrschen an der Schule Zustände, die uns ein Jahrhundert zurückversetzt wähnen, und wie wir sie wohl an keiner jüdischen Schule Deutschlands finden. Sehen wir ums in der Schule ein wenig um! Kämen wir aus der Schwüle der Großstadt, wir müßten uns freuen ob der Idylle, die wir hier gleich beim Eintritt vorfinden: Katzen, Hühner, Gänse marschiren stolz an uns vorbei, hier ihr Heimathrecht behauptend, durch ihr anmuthiges, harmonisches Konzert die Aufmerksamkeit der Kinder in der Schule ablenkend — Pardon! die Langeweile der Kinder beseitigend. Wird's durch die Thierchen auch etwas unsauber, ist's für eine Schule auch nicht ordnungsmäßig — thut nichts, dafür sind wir nicht weit von der russischen Grenze. Die Kinder, die theilweise in der Unordnung daheim ausgewachsen, würden vielleicht über ihre Verhältnisse hinaus an Ordnung gewöhnt werden. In der ersten Klasse fällt uns zunächst die größere Anzahl der Mädchen auf. Des Räthsels Lösung findet sich bei den „Kleinen". Hier sitzen neben sechs- und siebenjährigen Abc-Schützen Jungen im vorgerückten Alter, und hierbei erfahren wir, daß es gar oft vorkommt, . daß Knaben 12 und 13 Jahre alt werden, ehe sie in die Schule eintreten. So zeigt sich das Interesse der Eltern für die Schularbeit! Freilich müssen wir auch fragen: Giebt es keine Schulbeh örde? Während des Unterrichts öffnet sich plötzlich die Thür, und ein schmutziger Kopf mit wirrem Haar wird zur halbgeöffneten Thür hereingesteckt. Dieses wiederholt sich in kurzer Zeit mindestens ein halbes Dutzend Mal. Ab und zu zeigen sich solche Erscheinungen einzeln oder in Gruppen am Fenster, Männer und Frauen, Alt und . Jung, schmutzig, zerlumpt, zerrissen. Es ist der Anfang des jüdischen Monats, der Tag, an dem die' Armen aus den russischen Grenzorteu herüberkommen, um sich die monatlichen Zinsen zu holen. Da das Haus nicht nur Schulzwecken dient, muß es für Jedermann, . also auch für diese Leute, offen stehen. Daß an solchen Tagen auch -t einmal Sachen der Kinder (Hüte, Mäntel, Tücher 2C.), die draußen hängen, verschwinden; darf uns nicht Wunder nehmen. Von Zeit zu Zeit hören wir draußen laut disputirende Stimmen.. Da wir-, -1) 2Bir erwähnen hier vor allem den leider zu früh verstorbenen Baron Hirsch.; _ . die Thür öffnen, sehen wir die vorhin erwähnter: heftig gestikulik die den Gestalten, die bei unserem Erscheinen auseinanderstieben. Schadete daß an solchen Tagen in der Schule die Zeit vergeudet wird, denn ein Unterricht ist nicht gut möglich. Doch was fast noch schlimmer ist: Was mühsam aufgebaut, wird mit einem Male niedergerissen, für viele Tage, ja Wochen. Die für eine Schule geradezu empörende Unordnung und Unsauberkeit dieser Gestalten, die Spuren, die sie im Hause zurücklassen, sind geeignet, die Arbeit des Lehrers bei den Kindern, die gleiche Unordnung oft im Elternhause sehen, illusorisch zu machen. Daß wir auf dem Hausflur Waschfaß, Backtrog oder andere Hausgeräthe stehen sehen, daß von Zeit zu Zeit Kinder an der Schulthür vorbeijagen (durchaus nicht pianissimo), stört uns nicht mehr; es ist halt russische Wirthschaft. Abhilfe ist nur möglich, wenn Räumlichkeiten beschafft werden, die lediglich .Schulzwecken dienen. Sehen wir einmal bei den Kleineren hinein. Doch wehe uns! Wir kommen aus dem Regen in die Traufe. Eine verpestete Luft strömt uns entgegen. In einem kleinen, niedrigen Raum sind etwa 30 Kinder zusammengepfercht. während er vielleicht für die halbe Anzahl Platz bietet. Ventilation ist nicht vorhanden. Schlaff sitzen die Kinder da, gedrängt, eines dicht neben dem anderen. Arme .Kinder! Ihr müßt große Energie haben, wenn ihr hier dem Unterricht folgen wollt! Doch noch eines! Vor Kurzem berichteten die Tagesblätter von jenem gräßlichen Unglücksfall bei Prenzlau, bei welchem eine Lehrersfrau in den Flammen elendiglich umkam und die Kinder in der Schule nur dadurch mit dem Schrecken davonkamen, daß sie in größter Eile die Klaffe verlassen konnten. Würde ein ähnlicher Fall bei der Armenschule zu Memel eintreten, so wären wohl Alle, Schüler und Lehrer, unrettbar verloren. Wir wundern uns nicht mehr, daß der Schulhof — wenn wir den sehr kleinen Raum hinter dem Hause überhaupt so neunen können — eher einem Schlachthofe gleicht. Es ist ein beliebtes Thema unserer Zeit, von der Verrohung der Jugend zu sprechen. Wird dieser nicht geradezu Vorschub geleistet, wem: die Kinder auf dem „Schulhof" dem Schächten zuschauen oder doch die Spuren desselben finden? Hervorgehoben seien auch noch die Klosetverhältnisse. Für etwa 55 bis 60 Kinder sind nur zwei Klosets vorhanden zu gleichzeitiger Benutzung für Knaben und Mädchen, Schüler linb Lehrer resp. Lehrerin! . Ganz in den Rahmen des „Schulgebäudes" paßt auch die Lehrerwohnung. Wenn auch die Memeler Lehrer sich mit den übrigen jüdischen Lehrern trösten müssen, daß die Gehaltsverhältnisse noch lange einer gesetzlichen Regelung entbehren, so müssen sie doch haben, was sie als Menschen, als Lehrer ihrer Kinder beanspruchen können und müssen: Ein Heim. Der erste Lehrer der Schule . erhält „möblirte Amtswohnung im Schulhause". Wir glauben nicht, daß es mit Orte einen einzigen Lehrer giebt (bis zum letzten hinab), der eine derartige Wohnung hat, wie sie dem jüdischen Lehrer, dem alleinigen am Orte, als Amtswohnung zugewiesen worden. „Sein Heim!" Der durch die Decke dringende Regen verdirbt Hefte, * Bücher, Kleidungsstücke. Von Möbeln in dieser . möblirten Wohnung ist nicht viel zu sehen (beispielsweise dürfte .wohl in keiner Wirthschaft ein Kleiderspind fehlen). „Sein Heim!" Im Sommer friert der Lehrer nicht, und im Winter braucht er nicht zu schwitzen, denn die Wände sind dünn, und der Ofen verträgt das Heizen nicht. ' Häufiger Lehrerwechsel ist> wie dem aufmerksamen Leser des Annoncentheiles dieses Blattes nicht entgangen sein wird, die Folge

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