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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-17 · Heft 38 (17.9.1897) · p. Seite 450

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 38 (17.9.1897)
Date
1897-09-17
Page
Seite 450 (sequence 6)
Language
German
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fe - 450 - Jedoch nicht nur in seinen Folgen, sondern auch noch mehr in-, folge der ganz anderen Art und Weise, wie er in die Erscheinung! tritt, ist der Zionismus gefährlicher als der Antisemitismus. > Zunächst hat jener selbst, indem er an unsere heiligsten Gefühle anknüpft, für einen Jeden von uns etwas Bestrickendes und Verlockendes. Welcher wahre Jude ist nicht begeistert für das Zion, „von welchem die Lehre ausgeht", und für Jerusalem, das uns „das Wort des Herrn" spendete? Die Propheten und heiligen Sänger, welche noch heute uns geistige Nahrung reichen, unser religiöses Empfinden gestalten und regeln sind ja von Zion und Jerusalem ausgegangen. Nicht nur das Judenthum, sondern auch die mit ihm verwandten oder aus ihm hervorgegangenen Religionen mit ihren Hunderten von Millionen Anhängern betrachten Palästina als das „heilige Land". In wem von uns lebt nicht, wenn auch im geheimsten Winkel des Herzens, die Sehnsucht, einmal die Stätten zu sehen und genauer kennen zu lernen, die dadurch geweiht sind, daß die Vesten aller Menschen sie einst betreten haben, das Land, welches die Wiege der Religionen war, auch einmal betreten zu dürfen, die Luft 31t athmen, welche mit religiöser Begeisterung geschwängert erscheint? Aber es. ist dennoch nur ein Spiel mit Worten, welches diese neue Bewegung uns vorführt. Nicht das geschichtliche Zion ist es, das sie auf den Schild erhebt, nicht die einst von dort ausgegangenen religiösen Ideen sind es, für die sie sich begeistert, sondern sie will etwas ganz Reales und Materielles unter diesem Namen verstanden wissen. Die Begriffe Nationalität und Vaterland in ihrer modernsten Auffassung will sie für uns unter dem Namen „Zion" umfassen. Eine Utopie, aber eine in ihren Folgen höchst gefährliche! Indem sie uns ein noch zu erwerbendes Vaterland vorgaukelt, das — 'worauf wir später zurückkommen wollen — ebenso schwer zu erreichen ist, als wenn es im Monde läge, nimmt sie uns das Vaterland, dem wir durch Geburt, Erziehung und Geschichte angehören; indem sie uns eine Nationalität aufdrängen will, wofür den meisten von uns jede Vorbedingung fehlt, setzt sie voraus, daß die Nationalität, der wir bis jetzt anzugehören glaubten, gar nicht die unsere sei. Und dennoch, trotz Antisemitismus und Zionismus, bleibt das Wort Ernst Moritz Arndts ewig wahr: „Wo dir, 0 Mensch, Gottes Sonne zuerst schien, wo seine Donner dir zuerst ins Ohr tönten — re. rc. . , . da ist deine Liebe, da ist dein Vaterland." Es ist also nichts als ein Mißbrauch unserer hohen Begeisterung für Zion und für die aus ihr hervorgegangene Religion, wenn diese auf Erringung materieller Vortheile gelenkt werden soll — noch dazu, da dergleichen Hoffnungen sich nie erfüllen können; es ist eine Irreleitung unseres Nationalgefühles, wenn ihm ein Surrogat — und noch dazu eins, das aus dem Reiche der Phantome hergenommen ist, — untergeschoben wird. ‘ Alles in allem — es ist eine Schwärmerei, und leider eine recht verlockende Schwärmerei, welche uns herrliche Phantasiegebilde vorgaukelt, uns in entzückende Träume wiegt, aus denen nur ein schreckliches Erwachen möglich sein dürfte. Liegt demnach einerseits die Gefahr des Verlockenden und Bestrickenden in dem Namen und den Schlagworten des Zionismus selbst, besonders für die Unerfahrenen und in der Geschichte des Judenthums wenig Bewanderten, so liegt sie anderseits ebenso sehr in den Personen, welche ihn vertreten und seine Fahne Hochhalten. Denn es sind die Schlechtesten gerade nicht, die als seine Apostel und Anhänger auftreten. Und wenn auch unverkennbar einige Geschäftsantise — will sagen Geschäftszionisten sich in die Führerschaft eingedrängt haben, so sind die meisten Namen der an der Spitze Stehenden von bestem Klange, sie gehören Männern an, denen wir trotz aller prinzipiellen Gegnerschaft von vornherein zugestehen müssen, daß sie von reinster Begeisterung getragen, von der Erreichbarkeit ihrer Pläne wie von der Notwendigkeit und Nützlichkeit der Bewegung selbst im innersten Herzen überzeugt sind. Trotzdem verliert diese Bewegung nichts an ihrer Gefährlichkeit, ja die oben angeführten Umstände erhöhen dieselbe noch. Daß der. Zionismus unsere Zugehörigkeit zu unserem bisherigen Vaterlande und zu unserer Nation in Frage stellt und daher die edlen : Güter „Vaterland" und „Nationalität" in uns bedroht, bedarf wohl nach dem Vorausgegangenen erst keines Beweises. Aber noch mehr und anderes wird von ihm bedroht und steht bei seiner Ausbreitung für uns auf den: Spiele. So paradox es auch klingen mag, so wahr ist es doch, daß allermeist die jüdische Religion, das Judenthum selbst durch den Zionismus gefährdet wird. Bisher war es die Religion Judas, für die wir uns begeisterten, seine Geschichte, die ja die Geschichte der religiösen Entwickelung der ganzen Menschheit ist, seine Litteratur, welche allen Völkern und Nationen den Stoff für religiöse Erbauung und Belehrung zuführt, dieses alles zusammen war und ist uns, was wir unter dem Namen „Judenthum" .verstehen. Der hehre Beruf, Priester der wahren Gotteserkenntuiß für alle Völker des Erdballes zu sein, Diener, Träger und Vermittler des göttlichen Wortes für alle Nationen, das Bewußtsein dieses Berufes hat uns religiös und sittlich gehoben. Wie in allen Tugenden, wollten wir auch in Vaterlandsliebe und Hingebung an die Nation, der wir durch Sprache, Gesittung, Bildung und gemeinsame Geschichte angehören, vorbildlich sein; auch das gehört mit zu unseren religiösen Pflichten. Und diese religiösen Pflichten, welche das Judenthum feinen Bekennern auferlegt, siud in ihrer Gesammtheit nicht gering und nicht leicht, wie auch das Studium der Geschichte und Litteratur — die höchste religiöse Pflicht — ein hohes Maß von Energie unb Anstrengung erfordert. Nun tritt der Zionismus mit der Be- ■ Häuptling auf. er sei das Judenthum. Da es nun leichter ist, für politische Utopien zu schwärmen, als den ganzen Lebenswandel dem göttlichen Gebote gemäß einzurichten, leichter, bramarbasirende Reden zu halten, als sich in die verschiedenen Gebiete der jüdischen Wissenschaft zu vertiefen, was Wunder also,' wenn diese schwärmerische Bewegung leicht Anhänger gewinnt, und am leichtesten in den Reihen Derer, die bisher vom Judenthum nicht viel wissen wollten, dennoch aber auch dem eigentlichen Judenthum, unter welchem wir die jüdische Religion und die jüdische Wissenschaft verstehen, bedeutenden Abbruch thut? Der Zionismus macht es Einem ja so leicht, Jude zu sein! Man braucht die 613 Gebote nicht nur nicht zu beobachten, ja man braucht sie nicht einmal zu kennen, und man ist doch Jude mit Leib und Seele. Man schwärmt für Zion, das man nicht kennt, man trinkt für Zion, duellirt sich auch für daffelbe (Faktum!), zahlt einen Schekel (sie!) jährlich Beitrag und ist ein Kapitaljude. Man ist ' zwar kein religiöser — nicht etwa zu verwechseln mit orthodoxer —, man ist auch kein für die Wissenschaft des Judenthums strebender und lebender Jude, aber man ist mehr als dies: mau ist ein nationaler Jude. Wahrlich, die Gefahr für das Judenthum. für seine Religion und Wiffenschaft ist keine geringe, die vom Zionismus droht. Es sei im nächsten Artikel unsere Aufgabe, zu erforschen, wie dieser Gefahr mit Erfolg begegnet werden kann.

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