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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-17 · Heft 38 (17.9.1897) · p. Seite 449

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 38 (17.9.1897)
Date
1897-09-17
Page
Seite 449 (sequence 5)
Language
German
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449 Protokoll der 2. Versammlung des „Freien Vereins jüdischer Lehrer Hannover-Bremen". Anwesend sind die Herren: Spanier-Stolzenau, Levy-Hannover, - Levisohn-Hannover, Apt-Pattensen. Capell-Wunstorf, Cohn- Barsinghausen, Federlein-Neustadt, Ginsberg-Gehrden, Haas- Gleidingen, Lomnitz-Eldagsen, Meyer-Hannover, Rothschild-Achim. Als Gäste: Mandel-Dülken, Wolf-Geseke. Der Vorsitzende, Kollege Spanier, begrüßt in herzlichen Worten die erschienenen Gäste und wünscht der Versammlung einen guten Erfolg. Darauf verliest der Vorsitzende die Tagesordnung: 1. Verlesung des Protokolls der konstituirenden Versammlung. 2. Beschlußfassung über die Stellung des Vereins zu dem Provinzialverein der jüdischen Lehrer Hannovers. 3. Lehrprobe im Gebctübersetzen. Referent Kollege Levy- Hannover. 4. Vortrag: Die Bruchrechnung in Bezug auf das praktische Leben. Referent Hofmaun-Twistringen. 5 Freie Besprechung. Das von dem Schriftführer verlesene Protokoll wird debattelos genehmigt. Zu Punkt 2 der Tagesordnung wird nach längerer Debatte, bei welcher Kollege Meyer-Hannover als Delegirter den Provinzialverein vertritt, folgende Resolution angenommen: „Der „Freie Verein jüdischer Lehrer Hannover-Bremen" konstituirt sich als Zweigverein des Vereins jüdischer Lehrer in der Provinz Hannover. Die Mitglieder des neugegründeten Vereins bleiben nach wie vor Mitglieder des Provinzialvereins und betrachten es als Ehrenpflicht, die Interessen beider Vereine nach Kräften zu fördern." — Alsdann behandelt Kollege Levy- Hannover in der Oberklasse der Gemeindeschule Wunstorf das Gebet: Leho daudi. Trotzdem der Stoff für den Rahmen des Volksschulunterrichts etwas schwierig war, gelang es doch dem Referenten, das durchgenommene Gebet den Kindern zum bleibenden Eigenthum zu machen. In der sich darauf entspinnenden Debatte gab der Referent folgenden angewandten Gang gn: Einleitung (Arten der Gebete), Vorlesen, Nachlesen, Abfragen der den Kindern bekannten Worte, Vorübersetzen, Nachübersetzen, Abfragen der Vokabeln (deutsch und hebräisch). Erklärung des Inhaltes. Zum Schluß einige grammatische Uebungen. Punkt 4 der Tagesordnung mußte wegen Erkrankung des Referenten ausfallen. Bei den freien Besprechungen wird namentlich das neue Besoldungsgesetz zum Gegenstand der Diskussion genommen. Allgemein wird der Hoffnung Ausdruck gegeben, daß auch den jüdischen Lehrern die den christlichen Kollegen zur Seite stehenden Rechte zuerkannt werden. Der Vorsitzende theilt ein Schreiben des Verbandsvorsitzenden Dr. Adler mit, nach welchem in Erwägung, gezogen werden soll, ob auch den Zweigvcreinen seitens des Verbandes eine Subvention gewährt werden könne. Als nächster Versammlungsort wirb Hannover bestimmt. Die Lehrprobe übernimmt Kollege Meyer-Hannover; der Bortrag bleibt derselbe. Mit einem Hoch auf seine Majestät den deutschen Kaiser schließt der Vorsitzende die Versammlung. Wunstorf, 2. September. Der Schriftführer: Levisohn. Videant consules! Von A. Levy. I. Motto: Jes. 42, 9. tc)\i ypebcrgrofec Ängstlichkeit, allzu weit getriebene Vorsicht gelten mit Recht als verächtliche Zeichen von Feigheit. Gegen Gefahren ankämpfen, welche nur in der Einbildung bestehen, überall Feinde wittern, wo solche nicht vorhanden sind, geben uns der Lächerlichkeit preis. Wir alle kennen ja jene ergötzliche Schilderung des Ritters von der traurigen Gestalt, der gegen Windmühlen kämpfte und an einer Heerde friedlicher Wolltrüger seine Tapferkeit erprobte. Wir kennen jenen Edelsten ‘ der spanischen Nation und haben aus seiner Geschichte die Nutzanwendung für das Leben gezogen. Aber noch weit gefährlicher ist es, vor einer drohenden Gefahr die Augen zu verschließen und eine uns in unseren vitalsten Interessen bedrohende Bewegung gering zu schätzen, weil — nun weil deren Träger uns als keine ebenbürtigen Gegner erscheinen, gegen die einen Kampf aufzunehmen es sich lohne. Diese vornehme Selbstüberhebnng, die sich einbildet,--die drohende Gefahr todtschweigen zu können, oder die Vogelstraußpolitik, die glaubt, daß, wenn man die Augen schließt und den Gegner nicht sehen kann, sei er auch nicht vorhanden, rächt sich immer aufs Bitterste. Oder gar die Flinte ins Korn werfen wollen, wenn nun doch einmal der Anfangs gering geschätzte Gegner mächtig geworden ist-pfui der Feigheit! So war es, um ein allen Lesern bekanntes Beispiel anzuführen, mit dem uns bedrohenden Antisemitismus der Fall. Als vor circa 20 Jahren die Bewegung entstand, belächelte man sie mitleidig; dann glaubte man am besten zu thun, wenn man sie nicht beachtete. Aber das Lächerliche hat sie nicht getödtet, und das Todtschweigen hat ihre Entwickelung nicht gehemmt. Erst als wir uns aufrafften und der Gefahr muthig ins Auge sahen, als wir den Kampf auf der ganzen Linie aufnahmen, dem Antisemitismus unverzagt zu Leibe gingen, da — ja dann begann er muthig zurückzuweichen und sich hinter anderen Parteien zu verstecken. Wir haben den Kampf gegen ihn aufgenommeu, und wir werden siegen, das ist für uns nicht im geringsten zweifelhaft, wenn es anch der ernstesten Kämpfe noch bedürfen wird, um ihm vollends den Garaus zu machen. Aber kaum ist die Gefahr des Antisemitismus im Schwinden begriffen, so entsteht uns eine viel größere und ernstere, die in ihren Urkeimen aus jenem hervorgegangen ist. Der Zionismus ist für uns ungleich gefährlicher. Angesichts dieser beiden Gefahren für das Judenthum kann mau wohl mit Recht ausrufen: „Gott behüte mich vor meinen Freunden, vor meinen Feinden werde ich mich selbst schützen." Hat der Antisemitismus die Juden nur in ihren staatsbürgerlichen und materiellen Interessen bedroht, so bedroht der Zionismus das Judenthum in seinem ganzen Bestände. Es sei uns fern, hier den Propheten spielen zu wollen und warnende Kassandrarufe auszustoßen, die nichts nützen und nichts helfen können. Ist ja nach dem Talmud seit Zerstörung des Tempels der Prophetenberuf sehr in Mißkredit gerathen, und den Unheilvertündern ist es von jeher schlecht ergangen. Aber die Geschichte des Judenthums bietet uns leider Beispiele die Menge, zu welchem Ende solche Bestrebungen geführt haben, welch unermeßliche Leiden und das Judenthum in seinen Grundfesten erschütternde Gefahren sie immer im Gefolge hatten. Wer nur irgendwie die jüdische Geschichte, die ununterbrochene Leidenskette der Juden und des Judenthums kennt, dieselbe einigermaßen richtig erfaßt hat, der wird mir zugeben, daß alle jene Schwärmer, falschen Mefsiasse und dergl. von den ältesten Zeiten an mehr Leid über unseren Volksstamm gebracht und Gefahren für unseren Glauben herbeigeführt haben, als die ärgsten Feinde es je zu thun vermochten. Ein Barkochba und ein Sabbatai Zwi haben dem Judenthum mehr geschadet, ihm tiefere und dauerndere Wunden geschlagen als sämmtliche offenen und geheimen Feinde desselben. Besonders die Geschichte des Letzteren zeigt soviel Symptomatisches, das auch auf die moderne Zionistenbewegnng zutrifft, daß eine ungeschminkte Darstellung derselben sich jetzt wohl verlohnen würde, und wir behalten uns die allgemein verständliche Bearbeitung dieser Geschichte für diese Blätter vor, wenn sich keine geeignetere Kraft für diese Arbeit finden sollte. Für jetzt genüge es, den verehrten Leser auf den Namen Sabbatai Zwi hinzuweisen und zu bemerken, daß jene ums Jahr 1660 entstandene Bewegung noch jetzt ihre unheilvollen Wirkungen innerhalb eines Theiles der Judenheit ausübt.

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