Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1897)
- Date
- 1897-09-17
- Page
- Seite 448 (sequence 4)
- Language
- German
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448 neue Ansteckung mit demselben Gift nicht; das lehren uns die Aerzte. Die deutsche Nation scheint sich betreffs des Antisemitismus in gleichem Falle zu befinden. Der Antisemitismus versumpft. Seine fühlbarste Wirkung ist, daß sich eine Anzahl Juden lind Jüdinnen in die Arme der herrschenden Religion flüchten und es durch einen Akt der Untreue zu hervorragenden Stellungen bringen. Wir beklagen jeden einzelnen Uebertritt auf das Tiefste. Der Handel mit den: Heiligstell ist empörend unb ebenso entwürdigend für den Thäter, wie für den Helfer mtb den Anstifter. Aber als Gailzes betrachtet, ist diese Erscheinung für das Judenthnm eher ein Gewinn als ein Verlust. Auch der Gärtner beschneidet die Fruchtbäume, die im nächsten Jahre reichlich tragen sollen. Durch eine seltsame Ironie des Schicksals wird nach unserer Meinung durch 'diesen Prozeß gerade diejeilige Entwickelung befördert, welche die beiden Flügel der Alltisemiten verhindern wollten. Die deutsche Nation lvird durch die Apostaten verjudet, und das dogmatische Christenthum wird durch sie seiner Auflösung entgegeligebracht. Aber eine andere Frage ist es. die wirkich brennend ist, und die jeder jüdische Vater unb jede jüdische Mutter in Deutschland lnit dem größten Ernste und der größten Gewissenhaftigkeit verfolgen sollte: es ist diejenige der Erziehung der jüdischenJllgend. Hier ist durchaus nicht alles so, wie es sein sollte. Etwas eingehender erörtert worden ist diese Frage bisher nur nach einer Richtmlg hin, nach derjenigen des Religionsunterrichts. Aber auch da ist man nur zu häufig in Schlagwortcu Hub Scheinerfolgen stecken geblieben. Wir selbst haben immer den Standpunkt vertreten, daß es weniger darauf ankomnit, ob derselbe obligatorisch oder fakultativ, ob er orthodox oder reformistisch ertheilt wird. Wir haben immer versucht, den Gesichtspunkt hervorzuheben. daß dieser Unterricht nur eine einzige Seite der Gesammterziehung darstellt, und daß er sich in Harmonie mit derselben befinden muß. Zu einer vernünftigen Erziehung aber gehört es, daß das Kind auch wisse, welchem Bekenntnis; es angehört und welche Lehren die hauptsächlichsten dieses Bekenntnisses sind. Wir glauben nicht, daß es nöthig ist, diese Sätze unter Beweis zu stellen; sie sprechen für sich selbst. Bei dem Versuch, diese Grundsätze in die Praxis zu überführen, sind wir zwar auf die heftigsten Allgriffe von rechts und links gestoßen. Wir haben diese Angriffe, die sich nicht nur gegen unsere Bestrebungen, sondern auch gegen unseren Charakter richteten, mit kühlem Blut angesehen. Wer im öffentlichen Leben steht, muß sich ouf dergleichen gefaßt machen. Aber wir wollen von unserem Hauptthcma nicht zu weit abweichen. Und dies lautet: „Was ist in der Erziehung der israelitischen Jugend in Deutschland unrichtig, und wie ist den Fehlern abzuhelfen?" Diese Frage wünschen wir auf breitester Grundlage zur Diskussion gestellt zu sehen. Schon vor länger als Jahresfrist war dies Thema einmal auf unsere Veranlassung in einer Tagung der „Freien israelitischen Vereinigung" zum Gegenstand eines Vortrages des Herrn Dr. Loewenberg aus Hamblirg gemacht worden. Der Vortrag war sehr gut, aber Zeit, Ort und das erschienene Publikum waren nicht geeignet, ihni die Bedeutung zu sicheril, die er verdiente. Es fehlten die wichtigsten Personen: die Mütter in Israel, hauptsächlich der sogenannten oberen Klassen. Und was diese thun, ahmen die Uebrigeu nach. Ihr Beispiel wirkt langsam, aber sicher. Jeder Fehler, der in jenen Regionen begangen wird, rächt sich bitter an der Allgemeinheit. Quidguid delirant reges, plectantur Acliivi. Möchte das kommende Jahr, eine Wiederaufnahme dieser Untersuchungen auf breitester Basis .ermöglichen. Man wird nicht nur jüdische Pädagogen zu hören haben, sondern auch christliche, die mit dem Unterricht jüdischer Kinder beschäftigt sind — nicht nur Schulmänner von Fach, sondern auch die Eltern. Man wird die Untersuchung nicht nur daraus zu erstrecken haben, was die Schüler lernen, sondern auch, welche Art von Erziehung sich im späteren Leben am besten bewährt hat. Man wird sich vor Phrasen und vor „Geistreichigkeiten" zu hüten haben; keine rhetorischen Hebungen, sondern überlegte Urtheile müssen verlangt werden. Man wird auf die Entwickelung des jüdischen Erziehungswesens im letzten Jahrhundert zurückgehen müssen, die Unterschiede der Ziele aufzudecken haben. Vor drei Generationen lebten, die Juden nach eigenem Familien- und Vermögensrecht. Heute sind nur noch wenige Spuren davon vorhanden, und auch diese werden mit Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuches am 1. Januar 1900 fast völlig verschwinden. Damals lebten die Juden in dumpfen Ghettos zusammengepfercht, und auf Gefälligkeit der Formen und Schönheit der Erscheinung konnte wenig geachtet werden. Heutzutage fehlt es nicht an jüdischen Männern und Frauen, die als Muster von Schliff und Eleganz gelten können. Sind es aber immer geschliffene Edelsteine, mit denen man diese Personen vergleichen kann? Man wird auch auf die Verhältnisse des jüdischen Lehrerstandes einzugehen haben. Die Frage wird gestellt werden müssen, ob man überhaupt einen jüdischen Lehrerstand braucht, itub mau wird, wie ich nicht bezweifle, zu dem Resultat kommen, daß eine religiöse Minorität gerade einen ganz hervorragenden Lehrerstand nöthig hat. Uns will es scheinen, wenn wir die jüdischen Schulmänner, mit denen wir zu thun haben, mit den Schilderungen früherer Zeiten vergleichen, als wenn wir uns in einem lebhaften Fortschritt zum Besseren befinden. Aber es wird noch großer Opfer bedürfen, bis im Ganzen ein voll befriedigendes Resultat erreicht wird. Viele jüdische Geldmittel, die jetzt zu einem wahnwitzigen und wahnwitzig machenden Luxus vergeudet werden, würden hier fruchtbar verwendet werden können. Zwei schwierige Punkte sind besonders hervorzuheben. Zunächst Folgendes: Wenn man einen Erziehungsplau aufstellt, nniß man wissen, zu welchem Berufe, zu welcher gesellschaftlichen Stellung erzogen werden soll. Ein zukünftiger Gelehrter oder Heerführer muß anders erzogen werden als ein zukünftiger Handarbeiter, eine Prinzessin anders als eine Dienstmagd. Die Ausnahmen, wo sich das Genie trotz allem Bahn gebrochen hat, sind nicht für die Gesammtheit maßgebend. Und hierin liegt die Hauptschwierigkeit bei der Erziehung jüdischer Kinder. Werden dieselben eine der Erziehung angemessene Existenz im späteren Leben finden? Der andere Punkt ist der, daß die Erziehung der jüdischen Jugend nicht aus dem Rahmen der in unserer Zeit geltenden allgemeinen Erziehungsgrundsätze herausfallen darf, und daß betreffs dieser in Deutschland, speziell in Preußen, sich zwei Richtungen scharf bekämpfen, ohne bisher zu einem Ausgleich gelangt zu sein. Doch, wie schwierig die Materie auch sei, sie muß in Angriff genommen werden, und zwar zunächst für uns Juden durch uns Juden. Was bei uns gelingt, wird für das große Ganze Früchte tragen. Hier liegt das Blachfeld, in welchem der Kampf mit dem Antisemitismus auszufechten ist: hier liegt auch das Zion, das zunächst zu erbauen ist. — Haben wir hier einigen Erfolg, so. können wir uns rühmen, dazu beigetragen zu haben, daß die ein wenig aus den Fugen gegangene Gesellschaft auf dem Grunde der Sittlichkeit und Religiosität, ohne die es nun einmal nicht geht, wieder gefestigt werde.