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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-17 · Heft 38 (17.9.1897) · p. Seite 447

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 38 (17.9.1897)
Date
1897-09-17
Page
Seite 447 (sequence 3)
Language
German
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Selbst der Vatikan ist durch den Zionistenkongreß in Aufregung gerathen. Die römische,-Italic" bringt folgende hochoffiziöse Alarmuote in dieser Angelegenheit: „Nach dem Kongreß zu Basel hat Ce. Heiligkeit als Oberhaupt der katholischen Kirche es für seine Pflicht gehalten, alle Maßregeln zu ergreifen, um die Wiederherstellung einer jüdischen Nationalität in Jerusalem zu verhindern. Se. Heiligkeit wird in wenigen Tagen einen Kurier nach Konstantinopel mit dem Aufträge senden, dem Sultan einen eigenhändigen Brief mit der dringenden Bitte zu überreichen, selbst nicht für eine Reihe von Jahren Palästina den Juden abzutreten, die hoffärthig genug sind, die Prophezeiung Lügen zu strafen, nach welcher sie über die ganze Erde zerstreut sein und niemals wieder eine Nation bilden sollen." Anderweitiger Mittheilungen zufolge hat deff Papst Msgre. Bonetti, den apostolischen Delegaten in Konstantiuopel, mit dieser Mission betraut und außerdem der französischen Negierung, die ja die katholischen Interessen im Orient vertritt, dahingehende Vorstellungen gemacht. Das sind nun die praktischen Resultate des Zionismus. Wir fürchten, daß noch andere und weit schlimmere folgen werden. Abgesehen davon, erscheint es uns seltsam, daß in jenem offiziösen Kommunique von einer Verheißung des Propheten mit solcher Sicherheit gesprochen wurde, die wir in keinem der prophetischen Bücher haben finden können, die auch in der ganzen Bibel nicht enthalten ist. * Wenn die russischen Blätter gut unterrichtet sind, so dürfte sich innerhalb der Jewish Colonisation Association in nächster Zeit eine Wandlung vollziehen, die wir mit aufrichtiger Geuugthuung begrüßen würden. — An die Thatsache der Berufung des Herrn D. Feinberg nach Paris knüpfen jene Blätter nämlich die Mittheilung, daß unter den russischen Juden selbst zwei verschiedene Richtungen bisher hervorgetreten, von denen die eine, durch Staatsrath Poljakoff in Petersburg vertreten, dahin ging, die Auswanderung nach Argentinien in der bisherigen Weise zu fördern, während die andere, von Herrn L. Brodsky in Kiew vertreten, verlangte, die Auswanderung zu sistiren und vielmehr statt dessen Handwerkerimb Ackerbauschulen in Rußland selbst zu errichten. Wie es weiter heißt, soll es nun Herrn Brodsty bei seiner letzten Anwesenheit in Paris gelungen sein, Frau Baronin Hirsch von der Nothwendigkeit der Durchführung seines Projekts zu überzeugen, und es sollen schon in nächster Zeit nach dem Vorbild der von der Gesellschaft Trud in Odessa begründeten mehrere jüdische Handwerker- und Ackerbauschulen in verschiedenen russischen Städten errichtet werden. Wir registriren diese Mittheilungen, ohne eine Gewähr für deren Richtigkeit zu übernehmen. Wir hoffen aber, daß von zuständiger Seite bald eine authentische und sachgemäße Aufklärung über diese wichtige Angelegenheit erfolgen wird. * In der Camera dos Deputados zu Lissabon kam es am . 2t. v. Mts. zu einem antisemitischen Zwischenfall. Ein Mitglied des Parlaments, der Dr. Luciano Affonso da Silva Monteiro, sprach anläßlich der Berathung des Tabakmonopols in verächtlicher Weise von den Juden, die er eine vaterlandslose Nation nannte, welche die Strafe eines historischen Verbrechens abzubüßen habe. Darauf hat der Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Lissabon in einem Schreiben an jenen Deputirten in sehr würdiger und entschiedener Weise gegen jene Ausdrücke Protest eingelegt. Er berief sich dabei auf die Bibel und auf moderne Autoren, vor allem auf das glänzende Zeugniß, das Emilio Castalar in seiner Antwort an den Pater Monterola in der spanischen Kammer am 12. April 1896 den Juden ertheilt, ferner auf den berühmten portugiesischen Historiker Ribeiro dos Santos, der in seiner Literaturgeschichte die große Zahl jüdischem Gelehrter und Schriftsteller mit hoher Anerkennung -genannt hat, die in der Litteratur seines Vaterlandes sich hervorgethan haben. Dieser Protest wurde in den Lissaboner Blättern veröffentlicht und hat allgemeinen Beifall gefunden. Wenn nur der Doktor Luciano Affonso de Silva Monteiro nicht am Ende selbst von den ihm so verhaßten Juden abstammt! Der Name klingt sehr verdächtig. & Selbst aus den Ruinen des Karäerthums erschallt heute der Ruf nach Reformen, und auch der halbverdorrte Zweig sehut sich nach neuem Leben! Air die karäischen Gemeinden aller Länder erging in diesen Tagen ein Rundschreiben des Chachams Pampulow aus Eupatoria, das jede derselben aussordert, zwei Deputirte zu einem karäischen Gemeinde tage nach Eupatoria zu entsenden, der über folgende Angelegenheiten entscheiden soll: 1. über zeitgemäße Aenderunge-u im Gebetritual und Begründung von Synagogen-Chören und anderen Reformen im Gotteshause, 2. über Anordnungen, den Religionsunterricht der Kinder, insbesondere den Unterricht in der hebräischen Sprache betreffeub, deren Kenntniß Pflicht jedes Karäers sei, 3. über den Druck der wichtigen Handschriften und alten Werke, die sich auf die Geschichte des Karäerthums beziehen und gegenwärtig zumeist in der kaiserlichen Bibliothek zu Petersburg liegen. Man darf auf die Ergebniffe dieses Kongreffes wohl gespannt sein. sLM; Ium Jahresschlüsse. Bon Georg Minden. Schluffe des synagogalen Jahres ziemt sich wohl eine Betrachtung darüber, auf welches Gebiet die deutsche Juden- 0 heit ihre Aufmerksamkeit und ihre Kräfte konzentriren soll. Geht man nur nach dem äußeren Eindruck, so müßte infolge des Baseler Kongresses der Zionismus unser ganzes geistiges Leben beherrschen. Das ist aber nur eine Täuschung. Die Zahl der Juden von irgend welcher Brauchbarkeit in Deutschland, die im Ernst an eine Auswanderung nach Palästina denken, kommt nicht in Betracht. Vor einigen Jahren' wurden wir allerdings von einem heißblütigen Theile unserer Jugend mit der kategorischen Frage begrüßt, ob wir Zionisten oder Assimilanten seien! Nun; wir sind weder das Eine noch das Andere oder — was dasselbe sagen will: Beides. Wenn es Zionismus ist, daß man für russische Juden, die sich in Palästina ansiedeln, warmes Mitgefühl und von Zeit zu Zeit eine offene Hand hat, so sind wir fast alle Zionisten. Und Assimilanten in dem Sinne, daß sie die uroderne deutsche Kultur in sich ausgenommen haben und sie ihren Kindern zu erhalten wünschen, sind gewiß alle jüdischen - Gemeinden, auch die orthodoxesten, zwischen Alpen und Ostsee. Aber weitergehende Konsequenzen aus dem einen oder dem anderen Prinzip zu ziehen, sind wir nicht geneigt. Wir sind Deutsche und wir sind Juden und werden mit Gottes Hilfe beides bleiben. Nicht als Fremde fühlen wir uns in Deutschland, sondern als 'legitime,' nur zeitweise von einer bösen Stiefmutter bedrängte und zurückgesetzte Kinder des Landes, deren Recht endlich einmal anerkannt werden wird, wie dasjenige Aschenbrödels im Volksmärchen/ Eine zweite' Frage, die wir ähnlich betrachten, ist diejenige nach der „Abwehr des Antisemitismus". Wenn ein Körper mit einem giftigen Ansteckungsstoff gesättigt ist, so schadet ihm meistens eine

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