Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1897)
- Date
- 1897-09-10
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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61. Jahrgang. Nr. 37. Berlin, 10. September 1897. Weikage zur „Allgemeinen Zeitung öes IuöentHums". Korrespondenzen und Nachrichten. Deutschland. L2 Berlin, 7. September. Hiesige Blätter erinnern daran, daß Kaiser Wilhelm der zweite deutsche Kaiser sein wird, der Jerusalem besucht. . Der erste deutsche Kaiser, der nach Jerusalem kam, war Friedrich II., der Hohenstaufe, der einen Kreuzzug nach dem heiligen Lande unternahm, in Askalon aber mit dem Khalifen Kramil von Aegypten einen Vertrag abschloß, in dem dieser ihm die heilige Stadt sammt ihrem Gebiete und einen Küstenstreifen dazu abtrat. Hierauf hielt Friedrich seinen feierlichen Einzug in Jerusalem, wonach ihn der lateinische Patriarch zum König von Jerusalem krönte. Mit der deutschen Kaiserkrone ging später auch der Titel König von Jerusalem von den Hohenstaufen auf die Habsburger über. Franz Joseph war jedoch der einzige habsburgische Kaiser und Titularkönig von Jerusalem, der die heilige Stadt besuchte, und zwar 1869. Das deutsche Reich war übrigens in Jerusalem schon seit -den Tagen Karls des Großen vertreten, der daselbst einen Konsul bestellte. Es war dies der erste Geschäftskonsul, den die Geschichte kennt. Karl der Große hat auch am Hofe des Souveräns von Jerusalem, des Khalifen Harun al-Raschid in Bagdad, einen Gesandten bestellt. Es war dies der Jude Jsak (Magister Jsaccus), den die arabischen Chronisten Scheich Jschchek nannten. Dieser hat in Bagdad mehrere fromme Stiftungen zu seinem Seelenheile gemacht und auch eine Synagoge dort erbaut, die noch heute besteht. S2 Berlin, 7. September. Die Gebetordnung für den Jugend gottesdienst in der jüdischen Gemeinde ist soeben im Druck erschienen. Eine Prüfung derselben ergiebt das Resultat, daß. sie sich ziemlich genau an das traditionelle Gebetbuch anschließt. Die Gebetagende für das Neujahrsfest setzt mit Ma tobu und Adon Olam ein; dann folgen die üblichen Morgengebete, das Schema, die achtzehn Benediktionen mit dem Priestersegen, das Abinu Malkenu, das Ausheben der Thora, die Vorlesung aus I. B. M. Kap. 22, das Gebet für den Landesherrn, das Schofarblasen, die beiden Predigtlieder, das Kaddischgebet für Leidtragende. Die Agende für den Vormittagsgottesdienst am Versöhnungstage setzt ebenso ein wie die vorhergegangene, nur daß die Schemone Esra natürlich eine andere ist und aus der Thora der Abschnitt HI. B. M. Kap. 16, 1—10 verlesen wird. Der Nachmittagsgottesdienst beginnt mit Aschre; dann folgen Predigtlieder und Predigt und die Schemone Esra für Neilah. Den Schluß bilden das Abenu Malkenu, natürlich im Auszug, und das Schema. Prüft man die Agende auf ihren Inhalt vom religiösen wie vom pädagogischen Standpunkte aus, so muß man sich darüber wundern, daß um dieser Gebetordnung willen die sogenannte konservative Partei in der Repräsentanten-Versammlung derartige Lärmscenen provozirt hat, wie sie zu Ende der vorigen Session mehrere Male hintereinander stattgefunden haben. Die ganze Agende ist sorgsam für den wichtigen Zweck ausgearbeitet und verdient volle Anerkennung. Die deutschen Gebete und Uebertragungen sind durchwegs dem jugendlichen Verständniß angepaßt. Möge dieses Festgebetbuch für unsere Jugend seinen hohen Zweck erfüllen e/s Berlin, 6. September. Ueber die Vertheilung der preußischen Bevölkerung nach dem Religionsbekenntnisse enthält die „Etat. Korr." einen Aufsatz, in dem sie die bereits früher bekannt gewordenen Thatsächen bespricht, daß in der letzten Zählungsperiode 1890 bis 1895 die katholische Bevölkerung stärker als die evangelische gestiegen ist und die jüdische sich weit geringer als die christlichen Konfessionen vermehrt hat. Die auffallend geringe Zunahme der Juden beruht zum Theil auf Auswanderung, an der die preußischen Juden von jeher stärker als die Christen betheiligt gewesen sind, hauptsächlich aber aus den zahlreichen Ausweisungen und erst in dritter Reihe auf den Uebertritten aus dem Judenthum zu anderen Bekenntnissen. Hierbei sind die Uebertritte'szur evangelischen Kirche aller Wahrscheinlichkeit nach größer als die zur katholischen gewesen; verhältnißmäßig viel Uebertritte scheinen aus dem Judenthum zu den Dissidenten stattgefunden zu haben, wodurch die starke Zunahme dieser Bekenntnißgruppe, die 364,18 vom Tausend betragen hat, zum Theil veranlaßt sein mag. Schon seit 1880 hat sich der aus die Juden entfallende Bevölkerungsantheil beständig vermindert, er betrug damals 13,33 vom Tausend und sank im Jahre 1885 auf 12,94, 1890 auf 12,42 und 1895 auf 11,92 vom Tausend herab. Diese Zahlen geben zu denken. 22 Berlin, 7. September. Auf eine Beschwerde des Centralvereins deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens beim Polizeipräsidium wurde der Verkauf und das Ausrufen antisemitischer Flugschriften in der Friedrichstraße polizeilich verboten. Wer da weiß, in wie häßlicher Weise Juden, namentlich zur Zeit der Hochfluth der antisemitischen Bewegung, gerade in der belebtesten Straße Berlins durch Flugschriften und Karrikaturen verhöhnt und geärgert wurden, der wird diese Maßregel im Interesse des friedlichen Zusammenlebens und der Ruhe mit Genugthuung begrüßen. Hätte man sie bereits im Jahre 1887 erlassen, so wären manche Straßenaufläuse und Prügelszenen verhindert worden. Man darf daher dem Polizeipräsidium für diese Maßregel dankbar sein, die gleichberechtigte Staatsbürger vor den Insulten eines Straßenpöbels schützt. 22 Berlin, 5. September. Zu den dankenswerthesten Bestrebungen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes gehören die aus Handwerk und technisches Studium unter den deutschen Juden sich erstreckenden. Das letzte Heft der Mittheilungen brachte darüber sehr werthvolle Aufschlüsse. Wir holen heute noch aus dem Berichte der „Abtheilung für Handwerk und technische Gewerbe" an den VII. ordentlichen Gemeindetag einige Mittheilungen über die Kristeller-Stiftung nach, die bisher nur wenig bekannt geworden. Dieselbe hat in drei Fällen Darlehen an Handwerker gewährt, auf deren Rückzahlung streng gehalten wird. Die Ausgaben für Handwerkslehrlinge und für Studirende technischer Gewerbe zu bestreiten, ist sie bei Weitem nicht im Stande. Da muß der D.-J. G.-B. eintreten. Mit besonderer Vorliebe hat sich Herr Geheimrath Kristeller gerade diesem Zweige der Bundes-Thätigkeit gewidmet. In seinem Sinne führt sein bisheriger Mitarbeiter, Herr Maurermeister Adler, diese Wirksamkeit fort. Die Erfolge rechtfertigen die gehegten Hoffnungen. Es ist eine wahre Freude, die Berichte der Pfleger über ihre Lehrlinge zu lesen, denn mit verschwindenden Ausnahmen können sie die besondere Zufriedenheit der Meister sowohl rückstchtlich der Führung als auch der Fortschritte melden. Nur in zwei Fällen sah sich die Verwaltung veranlaßt, Knaben aus ihrer Pflege zu entlassen. Das eine Mal zeigte sich ein Lehrling unfolgsam, in dem anderen Falle hatten Angehörige eines Bäckerlehrlings diesen durch eine an den Meister geleistete Entschädigung von der Verpflichtung, in der Frühe Backwaaren auszutragen, befreit. Mit gleicher Strenge besteht die Handwerksabtheilung auf Jnnehaltung folgender Bestimmungen des Lehrvertrages: die Pfleglinge müssen eine mindestens dreijährige Lehrzeit absolviren; es darf kein Lehrgeld bezahlt werden; wo Gelegenheit zum Besuch einer Fortbildungsschule vorhanden ist, muß sie benutzt und halbjährlich ein Zeugniß vorgelegt werden; wo eine Innung vorhanden ist, hat Einschreibung und Freisprechung zu erfolgen. In neuerer Zeit hat die Handwerksabtheilung die Genugthuung, ihre Bedingungen ohne Weiteres berücksichtigt zu sehen; ein Beweis dafür, daß sie allgemein bekannt geworden sind. Nie bisher hatte sie noch Mangel an Lehrlingen gehabt, sie hat vielmehr Mühe, die Mittel zur Unterstützung geeigneter Bewerber aufzubringen. Bis jetzt hat der D.-J. G.-B. insgesammt 147 Lehrlinge unterstützt, von ihnen haben 106 bereits ihre Lehrzeit beendet, unter letzteren befanden sich 8 Sattler, 9 Schuhmacher, 18 Schneider, 10 Bäcker, 7 Schlosser, 3 Lederarbeiter, 3 Bildhauer, .3 Metzger, 1 Konditor, 1 Photograph, 3 Barbiere, 1 Klempner, 1 Drechsler, 1 Holzbildhauer, 1 Pianosortearbeiter, 1 Kürschner, 1 Brauer, 1 Bauhandwerker,