Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1897)
- Date
- 1897-09-10
- Page
- Seite 443 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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443 Das müssen wir aber nochmals durchdenken. Daran läßt sich doch nicht tippen, daß es auf Erden immer mehr Arme giebt als Reiche. Und auch ist doch unbestreitbar, daß jeder Reiche seinen Reichthum gern los werden möchte, nur daß ihn ihm kein einziger Mensch abnehmen will. Richtig!! Einer, ein Einziger wird's nicht thliu wollen. Aber viele, ein ganzes Heer von Armen muß den Reichen — so ganz allmälig — von seinem Uebel befreien. Das ist die Lösung. Aber das muß nochmals gründlich durchdacht werden. Also der Reiche vertheilt seinen Reichthum an die armen Leute. Dann ist doch Beiden geholfen: Der Eine ist sein Unglück los und. die Anderen ihr eigenes Unglück auch los geworden, ohne daß sie ein anderes auf sich zu nehmen brauchen. Ja, ja, nun wird man erst verstehen, was König Salomo sagte: „Reichthum ixnb Armuth gieb mir nicht." Und je mehr er sich die Tragweite seines Planes klar machte, umsomehr wurde er erschreckt; so jener wohlige Erfinderschreck, der Einen durchzuckt, ^wenn er einen welterlösenden Gedanken gefaßt zu haben glaubt. Es mußte ordentlich nach Athem ringen; kalter Schweiß drang ihm aus allen Poren, sein Auge leuchtete glückselig. Auch dieser erste Anfall ging vorüber. Und nun trat so jenes selbstfreudige Gefühl hervor, jenes zufriedene Schmunzeln zuckte um die Lippen. Warum denn nicht? Wenn einer die soziale Frage gelöst hat, ohne Rest! „So bleibt die Geschichte!'' rief er triumphirend aus, und er setzte sich schaukelnden Kopfes an den Tisch, säuberte sich stillvergnügt mit besonderer Sorgfalt — geradezu andächtig — die Nase, wischte sich den Schweiß von der Stirn, kniff seine Aeuglein zusammen: Nu, er hatte eben das Unglück aus der Welt geschafft. . . So saß er eine Weile da, ganz seiner Freude hingegeben. Da siel ihm wieder etwas ein — ein arges Bedenken, das seinen ganzen Plan, diesen feinen, weltrettenden Plan, über den Haufen rannte. . . In der heiligen Thauro heißt es doch, daß es in Israel immer Arme geben muß. Und nach seiner Sozialreform ist doch die Institution der Armuth aus der Welt geschafft. Dazu kommt noch ein anderes Bedenken: Wenn es keine armen Leute mehr giebt, dann kann man ja auch die fast vornehmlichste Pflicht der jüdischen Religion nicht erfüllen, daß man nämlich Zedoko geben soll, mildthätig sein. Anfangs war er vor ängstlichem Schreck ganz starr, aber bald hellten sich seine Züge auf. Ein findiger Kopf, wie Reb Nachumchen, weiß bald einen Ausweg. Er hat die Stirn gerunzelt, die lieben Zeigefinger bald auf die Nase, bald auf die Augen, bald auf die Stirn gelegt, sich gründlichst ven Kopf gekratzt und dergestalt philosophirt: Woher weiß man denn, daß das Geld der Reichen genügen werde, um — alle Armen zu befriedigen? Ein paar Arme werden dann immet noch bleiben, und diesen kann man Gutes erweisen. Nun bleibt nur noch die Frage übrig, an welche von den Armen soll der Reichthum vertheilt werden? Wieder eine Schwierigkeit — nein, es ist doch eine Kleinigkeit. Erst kommen die Rabbonim heran, dann die übrigen Gelehrten, die Tag und Nacht über die heiligen Dinge sinnen und studiren, dann die Anderen — so wie's trifft. So war nun sein Plan endgiltig fertig. Er dachte ihn nochinals durch und sah, daß er gut war. „Deboreleben!" hat er da ansgerufen, „Deboreleben, mein gutes Weib! Nun weine nicht mehr und jammere nicht. Es wird alles gut werden. Wirklich gut. Ich hab'n Plan. Es wird alles gut werden." „Was rufst Du denn da!" schrie Debore, ,,'n Plan?" „Geh" schon," sagte Reb Nachumche, „geh' schon und schweig... für Frauengehirne ist mein Plan nichts." Sie ging kopfschüttelnd, und kopfschüttelnd hat er weiter philosophirt: Der Plan ist -ja sehr gut — aber, — wo nimmt man die Reichen her. Denn in ganz Pumpian hat's überhaupt keine unglücklichen Menschen gegeben; dort hat Keiner etwas besessen. -Also muß man in eine große Stadt fahren! Am Sonnabend theilte der Schammes allen Gemeindemitgliedern mit, daß der Rebbe einen wichtigen Vortrag halten wolle. Der Abend kam — und die Mitglieder auch. Der Rebbe setzte ihnen seinen Plan auseinander, und wie die ganze Welt für ewig beglückt wäre, wenn er zur Ausführung käme. Dazu müsse er aber in eine große Stadt reisen, wo es ja so viele unglückliche Menschen gäbe. Etwa nach Wilna. Und so bäte er sie denn, ihm Reisekosten und Zehrgeld zu geben, denn von seinen 25 polnischen Groschen Gehalt für die Woche konnte er solche Reisen nicht machen. Man überlegte nicht lange. Denn wer wird nicht seinen letzten Groschen für solche wichtige Sache opfern? — Am Sonntag früh miethete man einen einspännigen Bauernwagen. Und der Rebbe fuhr nach Wilna. . . Während des ganzen Weges dachte er immer wieder seinen Plan durch. Und je inehr er sich in dieses traumhaft schöne Zukunftsglück verlor, umsomehr jubelte und jauchzte sein Herz, und um so feinere, spitzigere Wendungen ersann er, die er den armen Reichen vorführen würde. Endlich kam das Wägelchen nach langer knochenzerschubsenden Fahrt in Wilna an. „Wo wollen wir nun einfahren?" fragte der Fuhrmann. „Natürlich bei einem Juden! Denn welcher Jude auf Gottes Erdboden würde mich, den Pumpianer Rebbeu, nicht über Nacht aufnehmen?" „Das ist ja ganz gut, aber wo bleibe ich mit meinem Pferd und Wagen?" Der Rebbe blieb ganz sprachlos stehen — an diese Nothwendigkeit hatte er weder im Traume noch im Wachen gedacht. Doch als ihn ein Jude bedeutete, daß Wilna nicht Pumpian sei, und man hier in eine Ausspannung fahren müsse, gab der Rebbe klein bei. „Wilna ist nicht Pumpian." — Dies Wort heftete sich ihm fest. Wilna ist nicht Pumpian! Zum ersten Male sah er eine große Stadt mit breiten, mächtigen Straßen und hohen zwei- und dreistöckigen Häusern, die ihm nur einige Millimeter vom Himmel entfernt schienen. Und als er sich diese schönen Häuser mit den künstlerischen Giebeln, den breiten Fanden, den prunkvollen Säulen, den hellglänzenden Fenstern mit den weißen Vorhängen ansah, da zog ein unsägliches Mitleid ihm durch die Brust, und er stöhnte: „O weh, o weh, hier sind die Menschen aber unglücklich! Ich versteh' nur nicht, wie ein Mensch hier leben kann. Ich werde ihnen geradezu wie ein Messias, wie ein erlösender Engel erscheinen."