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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-10 · Heft 37 (10.9.1897) · p. Seite 442

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 37 (10.9.1897)
Date
1897-09-10
Page
Seite 442 (sequence 10)
Language
German
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442 Allzu viel Arbeit hat er ja gerade nicht. Pumpiau ist ein ruhiges Städtchen, die Leute sind brav, und Zwistigkeiten hat er nicht zu schlichten. Auch rituelle Fragen kommen nicht vor, wie etwa ob der milchige Topf treife ist, nachdem ein Tröpfchen Wasser aus einem anderen Topf mit kochendem Fleisch ihn bespritzt. Ganz einfach, man kocht eben in Pumpian kein Fleisch. Höchstens zum Sabbath. Im Januar auch nicht einmal. . . So hatte er natürlich Muße zum Grübeln und zum Studiren. Und war er auch nie vier Ellen über die Grenze des Städtchens gekommen, so war er ein Weltkundiger, ein feiner Kenner ihres Inhalts und Getriebes. Er wußte z. B., daß es auf Erden geschehen könne, daß Rubens Ochse Simons Kuh stoßen kann. Entschieden auch ein Beweis seiner Lebensweisheit. Er wußte, daß aus einer Schmiede ein Feuerfunke hinausspritzen könne und dort einen Wagen voll Heu in Flammen zu setzen vermag. Entschieden auch ein Beweis für seine Lebensweisheit. Er wußte, daß Reb Leser ben Charsum tausend Städte und tausend Meeresschiffe besaß, er mußte also so eine Art Rothschild gewesen sein, denn Rothschilds Ruhm war selbst nach Pumpian gedrungen. Und hierbei blieb er immer stehen. „Der Reichthum, der Reichthum, ja der Reichthum," und so kam er auf den Unterschied von Reich und Arm. . . Er grübelte hin und her, machtvoll schaukelte sein Oberkörper, die Augen leuchteten, die Linke mit dem abgestreckten Daumen schlug die kühnsten Kreise, die konzentrisch immer sich vergrößerten. Endlich sprang er auf . . . er hatte das große Geheimniß entdeckt, das große Geheimniß: Reichthuin ist die größte Plage. Und wie er nun darüber nachsann, da fand er, daß ja selbst der weise König Salomo immer betete: „Reichihum gieb mir nicht", da fand er ja, daß schon die Gemoro sagte: Für die Juden paßt der Reichthum wie für einen Schimmel ein rother Zügel. Mit Grausen erinnerte er sich noch jener Schilderung, die ein alter Lehrer von den Leiden der Reichen im Jenseits gegeben. Wenn er daran dachte, dann fuhr ihm ein Schrecken in die Knochen, daß er kaum sich aufrecht halten konnte. Allein, mit seiner Entdeckung mochte er sich nicht begnügen, er grübelte fort und fort. Wenn der Reichthum wirklich solch elendes Unglück ist, wozu ist 'er da nütze? Wie kann es da Leute geben, die so beschränkt und thöricht sind, dieses Unglück auf sich zu laden und zu bewahren? Schließlich schien es, als ob er zu einem Resultat gekommen sei. „Der Reichthum ist ja eine Strafe Gottes, was kann der Reiche sich da helfen? Er sinnt ja Tag und Nacht, wie er den Reichthum, dieses Unglück, los werden könne. Aber welcher vernünftige Mensch wird ihm denn dies Unglück abnehmen?" Aber ein arger Zweifel plagte ihn doch und ließ ihn immer wieder an seinen Deduktionen stutzig werden, er suchte nach einem plausiblen Grunde, warum die Reichen ihren Reichthum behalten müssen. „Ich Esel!" sagte er sich dann immer. „Wenn der liebe Gott — Gott behüte — über Jemand eine Krankheit oder ein anderes Uebel schickt, so muß er diese Strafe für begangene Sünden schon auf sich nehmen, damit er dereinst reinen Herzens ins Jenseits eingehen kann. Ebenso ist's doch mit dem Reichthum: Wem Gott ein solches Uebel zusendet, der kann es keinem Anderen übertragen, der muß sich sein ganzes Leben elendiglich damit Herumplagen. Sonst kann er ja nicht selig werden." Und so hat er gegrübelt, gegrübelt und philosophirt über die Welt und ihren Inhalt. Er war eben ein großer Weltkenner — alles durch das Studium der Thora und der heiligen Schriften. Und felsenfest, absolut über jeglichen Zweifel erhaben war es ihm, daß eben der Reichthum ein furchtbares Unglück ist, schon darum auch, weil Keiner dem Reichen das Unglück abnehmen will. . . Jahre vergingen. Jahre . . . Jahre. Sein Sabbathrock, den er einst als Bräutigam erhalten, fing an zu reißen, erst an der einen Stelle, dann an der anderen, an den Aermeln, am Futter ... sein Wochentagsrock war schon lange nicht mehr zu gebrauchen, er hatte ihn so lange getragen, bis er sich in sich selbst aufgelöst hatte. Die Kinderschaar wurde immer größer. Alle Jahre segnete ihn Gott — fein Name sei gepriesen — mit einem neuen Sprößling. Einige seiner Mädchen waren allmälig herangewachsen, so daß man schon nach einer passenden Partie sich umschauen mußte. Und die Mitgift. Was heißt Mitgift?! Sie hatten ja nicht mal einen ganzen Rock auf'm Leib. Und die anderen, kleineren Kinder hockten auf der Erde herum, mit schmutzigen Nasen und mit nackten Füßchen, im Hemde, das ihnen schon längst ausgewachsen war. Seine 25 polnischen Groschen, die er, wie einst sein Vater — Gott Hab' ihn selig die Woche bezog, reichten kaum zum Brod. Und nun seine Frau?! Den ganzen Tag lag sie ihm in den Ohren und klagte, weinte, jammerte: „Von mir will ich ja gar nicht reden .. . aber die Kinderleben laufen barfuß und nackt herum. . ." Aber es kamen noch ärgere Zeiten ... es fing bald an selbst an Brod zu fehlen. Und sie waren gezwungen, fortab einen Tag über den anderen zu fasten. Die Frau setzte ihm die Hölle zu: „Warum ersinnst Du nicht irgend einen Rath, ein Mittel? Du sitzt den ganzen Tag und lernst und redest kein Wort. Siehst Du denn gar nicht," und die hellen Thränen perlten ihr das Gesicht herunter, „daß wir vor Hunger umkommen?" „Die Kinder sind ja überhaupt nur Haut und Knochen, die Seele hat ja keinen Platz in ihnen." Und nun fing Reb Nachumchen wieder zu grübeln an, zu philosophiren, und jetzt philosophirie er schon über die Armuth. „Ganz arm," so wagte er allmälig, aber auch nur zaghaft einzugeftehen, „ganz arm zu sein, muß doch wohl auch ein Unglück sein." Warum hieße es denn sonst in den Sprüchen des weisen Salomo: Reichthum und Armuth gieb mir nicht?" Dann bemerkt auch die heilige Gemoro schon, daß die Armuth den Meilscheu vom guten Pfad abdrängt und ihn seiner Vernunft beraubt. Es scheint also, daß es auf Erden zwei furchtbare Unglücke giebt: Der Reichthum ist traurig und die Armuth ist bitter. Das hatte er am eigenen Leibe ja erfahren müssen. Sollte es dagegen gar kein Mittel geben, gar keine Hilfe? Und Reb Nachumchen fing wieder zu grübeln all, hastig lief er im Zimmer umher, mit großen mächtigen Schritteil, die Lippen murmelten leise unverständliche Worte, während die Arme lustig in die Luft hineinfuchtelten. Tausend Gedanken fuhren ihm durch den Schädel. Bibelstellen, talmudische Sentenzen, halachische Diskussionen, Erzählungen aus dem gesummten jüdischen Schriftthum ... all das brauste aus seiner Erinnerung hervor, alle die Partien, die eben handelten — von Reich und Arm. Er schien fast den Kopf zu verliereu, so sauste ihm alles durch einander. Plötzlich blieb er mitten im Zimmer stehen und moilologisirte jetzt schon laut: „Ich hab's. Ja, ja ich hab's. Einen famosen! Plan, einen feinen Plan, ein gutes Mittel."

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