Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1897)
- Date
- 1897-09-10
- Page
- Seite 440 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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unterrichten zu lassen. Es würden Statuten entworfen, nach welchen fünf Mitgliedern der Gesellschaft durch Stimmenmehrheit die Aufsicht über das Institut übertragen ward. Die Vorsteher boten alle ihre Kräfte auf, ihrer Schule Dauer , und Festigkeit zu verschaffen, und hielten es nicht für unwürdig, einen jeden Menschenfreund um Unterstützung zu Litten. Den ersten Vorstand bildeten Anselm Herz, Salomon Lax, Lippmann Jsaac, S. Benjamin Schwabe, Anselm Wolff;*) diese vereinigten in Dessau 183 „Interessenten", welche sich zu einem Jahresbeiträge von 207 Thalern, 2 Groschen und 2 Pf. verpflichteten; auch die zu Anhalt-Dessau gehörenden Landgemeinden wurden zu Beiträgen herangezogen, so Gröbzig mit 7 Thalern, Sandersleben 15 Thaler 13 Groschen, Jeßnitz 16 Thaler 8 Groschen; Köthen zahlte an Beiträgen und Geschenken 43 Thaler 17 Groschen, Bernburg 13 Thaler 14 Groschen, Wörlitz 8 Thaler 15 Groschen. Da auch die Geschenke aus anderen Städten Deutschlands eingingen, hatte die Schule eine erste Jahreseinnahme von 394 Thalern 15 Groschen 2 Pfennig; ausgegeben wurden 395 Thaler 13 Groschen und 4 Pf. Die Kinder bekamen Bücher, Tinte, Papier und Federn unentgeltlich. Die Jahresrechnung von 1802 weist dafür eine Ausgabe von 20 Thalern 20 Groschen auf. Als Lehrbücher werden genannt: L’ami des enfants, Bruel Grammaire und Gasparius Handbuch. Deutsches Lesen wurde nach der Methode des Professor Olivier gelehrt; dieser berühmte Schulmann beförderte mit vielem Eifer die junge Anstalt; er besuchte sie oft, überzeugte sich von der Handhabung seiner Lehrweise und lud oft Lehrer zu sich, um sie in der Pädagogik zu unterrichten. Durch regsten Eifer der Lehrer begann sich auch bald das innere Schulleben zu heben. Trotz geringes: Besoldung arbeiten jene Leute mit vielem Interesse. Für ihre Mühe erhielten Joseph Wolff, Gotthold Salomon und Samson monatlich 5 Thaler; etwas besser waren Moses Philippson und Neumann gestellt; sie empfingen monatlich 8 Thaler. Die Handarbeitslehrerin mußte sich mit monatlich 1 Thaler 6 Groschen begnügen. Dr. Schützes halbjährliches Salair betrug 60 Thaler, der Gesanglehrer Mette bekam 15 Thaler für sechs Monate. So wirkte die Schule im Stillen, bis sich nach einjährigem'Bestehen am 6. April 1801 die Schulvorsteher an den Fürsten Franz mit nachstehender Bitte wendeten: Durchlauchtigster Fürst! Gnädigster Fürst und Herr! Supplikanten bitten unterthänigst um gnädigste Confirmation einer unlängst errichteten jüdischen Frei-Schule. Es hat immer noch der hiesigen jüdischen Gemeinde an Gelegenheit gefehlt, ihren Kindern einen zweckmäßigen Schulunterricht zu verschaffen. Ignoranz, Roheit und Unsittlichkeit waren die leidigen Folgen hievon. Dieses hat einige junge Menschenfreunde, denen das Wohl ihrer Mitbrüder sehr am Herzen liegt, bewogen, eine Gesellschaft zu errichten, durch deren gemeinschaftliche Beiträge ein Institut unterhalten wird, wo besonders Kinder armer Eltern in den nöthigsten und unentbehrlichsten Wissenschaften unentgeldlich unterrichtet werden. Wir würdennicht ermangelt haben, dieses Höchstdenenselben unserer Schuldigkeit gemäß schon längst anzuzeigen, da diese Gesellschaft bereits seit IVa Jahren existirt, wenn dieselbe nicht bis jetzt noch immer sehr unvollkommen und ungewiß gewesen wäre. Da dieselbe aber seit Kurzem einen ansehnlichen Zuwachs an Mitgliedern erhalten, so daß nunmehr an die Aufrechterhaltung und Vervollkommnung dieser edlen Stiftung nicht mehr zu zweifeln ist, so wagen wir es, Ew. Hochfürstliche Durchlaucht pflichtgemäß anzuzeigen und fügen unsere unterthänigste Bitte hinzu: Höchstdieselben wollen die hohe Gnade haben, uns zu dieser etablierten' Frei-Schule Dero gnädigstes Privilegium huldreichst zu ertheilen. 0 Akten des herzoglichen Haus- und Staatsarchivs zu Zerbst, Abth. Dessau 616. Da die Errichtung derselben mit Genehmigung der hiesigen Aeltesten der Judenschaft geschehen, und da unser Endzweck bloß dahin geht, gute und moralische Bürger und treue Unterthanen zu bilden, so schmeicheln wir uns einer zuverlässigen Erhörung unserer unterthänigsten Bitte und ersterben in tiefster Submission Ew. Hochfürstliche Durchlaucht Dessau, unterthänigste Knechte 6. April 1801. S. Lax, Ascher Wolff, Liepmann Jsaac, W. Hirsch, H. Benjamin, Selig Benjamin, Jsaac, Salomon Cohen, D. Moses, Aelteste. Vorsteher der Gesellschaft. Der gütige Fürst wies die Bittenden nicht von sich; er verfügte: „An die Regierung zum gutachtlichen Bericht. Dessau, 9. April 1801. L. Fr. Frantz, Fürst zu Anhalt." Schon am 21. April 1801 mußte der Vorsteher S. Lax zur Regierung kommen, um dort die Statuten des Vereins zu übersetzen — das Original ist hebräisch geschrieben. Nach ungefähr ^vier Wochen berichtete die Regierung Folgendes dem Landesherrn: Unseres unterthänigsten Ermeßens hat es kein Bedenken, dem unterthänigsten Gesuche der hiesigen Schutzjuden um gnädigste Bestätigung ihrer ohnlängst errichteten Freyschule, über welches Gesuch Ew. Durchlaucht unseren gutachtlichen Bericht gnädigst erfordert haben, zu willfahren. — Um das Gesuch näher übersehen zu können, ließen wir uns den in der Anlage hierbei befindlichen Extrakt der Einrichtung und der Statuten ihrer Schule einreichen. Hieraus ergiebt sich, daß 1. daß dieselbe von einer Gesellschaft Juden erhalten wird, die unter der Direktion von 6 unter sich gewählten Vorsteher, von welchen immer einer Caßirer ist, zur Erhaltung der Schule beitragen; 2. in der Schule selbst die Kinder, anjetzt 30 an der Zahl, freien Unterricht: a) in der Religion und Sittenlehre, verbunden mit talmudischem und biblischen Unterricht, b) in der deutschen Sprache, Lesen und Schreiben, e) in der Rechenkunst, ä) in der französischen Sprache, e) in derhebräischen Sprache für jetzt genießen und k) für Geographie und Naturgeschichte annoch Lehrer angestellt werden sollen. 3. Der Plan ist nur für Kinder aus der Stadt und dem hiesigen Lande gemacht, unterdeßen werden auch auswärtige angenommen, wenn sich von dieser Mitglieder der Gesellschaft finden, die zur Erhaltung beytragen. So löblich der Zweck dieser Einrichtung ist, auf Bildung und Vervollkommnung der Juden gerade so zu wirken, wie es dem Bedürfniß angemessen ist, so sehr ist zu wünschen, daß dieselbe lange bestehen und diejenige Unterstützung erhalten möge, ohne welche die freilich nicht bestehen kann. Unterdessen läßt der Erfolg, daß sie nunmehr 1V2 Jahre im stillen existiert hat, erwarten, daß, da diese Schule ganz nach dem Bedürfnis berechnet und der Plan nicht von zu weitem Umpfange ist, ferner bestehen werde. Die Bitte der Supplikannten, wenn sie dafür weiter nichts als um höchsten landesherrlichen Schutz und um Bestätigung ihres Instituts bitten, ist daher unseres unterthänigsten Ermeßens so bescheiden als billig. Wir stellen indeßen Ew. Hochfürstlichen Durchlaucht gnädigstem Gutbefinden die weitere Verfügung in der Sache gnädigst anheim und ersterben in tiefster Devotion Ew. Hochfürstliche Durchlaucht Dessau, unterthänigst und gehorsamste zur Regierung d. 12. May 1601. verordnete Präsident, Räthe und Asseßor C. v. Krosigk, H. Kuhn, v. Wolfframsdorff, S. C. Mann, G. Fr. Richter. Nach dieser warmen Befürwortung bestätigte der Fürst das Statut und stellte damit die Schule unter staatliche Aufsicht. Das Patent des Fürsten hat folgenden Wortlaut: Confirmation der Statuten der hiesigen jüdischen Freischule. Wir Leopold Friedrich Frantz, Bon Gottes Gnaden Tit. Tot. urkunden hiermit, dem nach den hiesigen Schutzjuden Ascher Wolff u. Conc. einen Entwurf zu den Statuten der neu zu errichtenden jüdischen Frei* schule unterthänigst eingereicht und um deren gnädigste Confirmation gebeten. Wir aber, nach darüber erstattetem Bericht Unserer Regierung, dies ihr Unternehmen gemeinnützig gefunden und daher solches gnädigst genehmigt, auch ihrem Gesuch um Confirmation dieser Statuten gern gewillfahrt haben, als confirmiren und bestätigen Wir denn sothane