Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1897)
- Date
- 1897-09-10
- Page
- Seite 439 (sequence 7)
- Language
- German
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439 verbirgt erröthend ihr Gesicht und ruft aus: „Mühldorf (das ist eben das Hauptquartier, in welchem sich Verganis Heldenthaten abspielten) du bist mir über, wie kann ich mich mit dir vergleichen?" Ich unterlasse es also, Verganis Sünden hieraufzuzählen, denn wie es in dem bekannten Sündenbekenntniß heißt: „Die Zeit würde vergehen, sie aber würden nicht enden." — Und solche Leute, denen der Judenhaß ein Riesengeschäft ist, das ihnen Häuser baut und die Kassen füllt, solche Leute fallen über uns Juden her, beschimpfen und schmähen uns täglich, reißen dem armen Hausirer das Stückchen Brod aus dem Mund und zetern über Judenmoral und Verjudung der Gesellschaft. Der Dieb, welcher nach verübtem Verbrechen davon läuft und mit seinen Verfolgern um die Wette ruft: „Haltet den Dieb!" Ein Ekel ergreift uns, wenn wir über solche Dinge sprechen oder schreiben sollen, und wir begreifen die Entrüstung, die sich unserer unerschrockenen, rastlos thätigen, eifrigen, wackeren Jugend bemächtigt, wenn sie sich sagt: Der Sohn eines Herrn Vergani kann doch einmal Ober-Landesgerichts-Präsident werden, und der Sohn des ehrlichen, wackeren, schlichten Juden muß immer in der Niederung kriechen, und nichts kann dir das Mal ausbrennen, das dich als Juden kennzeichnet. Wir wissen nicht, sollen wir den Prozeß Vergani als eine Tragödie oder als ein Satyrspiel bezeichnen; — aber das wissen wir, daß es die widerlichste Farce ist, wenn nun Ehren-Lueger kommt und dem von den Volksrichtern gebrandmarkten Kollegen und Genossen die Ehrenhaftigkeit attestirt. — Vergani, Du bist und bleibst ein Ehrenmann, denn Dich haben Männer verurtheilt, die zufällig als Geschworene ausgeloost wurden, Dich aber dekretirt zum Ehrenmann der unfehlbare, der große Erlöser des armen Volkes von Wien, der emeritirte Advokat, auch schöne Carl genannt, kurz der Juris-Doktor, derzeitiger Bürgermeister der Residenz- und Reichshauptstadt: Lueger. Fort, profaner Pöbel, mit deinen Begriffen von Ehre, fort. Gerechtigkeit und Gericht, mit eueren veralteten Paragraphen, der Starke, der im Besitze der Macht ist, hat Recht, und Lueger sagt, Vergani ist ein ehrenwerther Mann; der große Brutus hat's gesagt, und dabei bleibt's; ipse äixit et salvavit animam. Lieb' Vaterland, magst ruhig sein, Vergani ist dir wiedergegeben, er hat zwar auf alle seine Mandate verzichtet, ich aber sage euch, wenn sich die Thore des Landtagssaales wieder öffnen, wenn die Pforten unseres im griechischen Stile erbauten Parlaments sich wieder aufthun, wird Vergani, ein Held, ein Märtyrer der christlich-sozialen Sache, abermals in diese Säle einziehen, und der heilige Lueger wird ihn bekränzen, und der feiste Strobach wird ein Hosiannah anstimmen, und der „Brieftaschel-Mittermaier" wird das Banner schwingen, und die Wiener Stephansthurmpolitiker werden ein Banket veranstalten — und Oesterreich ist gerettet. — Die Juden aber, ja, diese asiatische Horde (aus der fatalerweise leider auch das Christenthum hervorgegangen), sie sind an allem schuld. Sie sind schuld daran, wenn Schönerer und Vergani sich prügeln, sie sind schuld daran, wenn die Anarchisten Minister erschießen, sie sind schuld daran, wenn Deutsche und Slaven sich hauen — fallen wir also her über die Juden. Ist da eine Stadt in Böhmen, sie erzeugt gutes Bier und nennt sich Pilsen. Es wohnen aber in besagter Stadt auch Juden, und sie haben Geschäfte und Reichthümer. In ihrer Frechheit haben sie sich einen prächtigen Tempel erbaut. Aber Tschechen und Deutsche mögen sich in dieser Stadt nicht gut leiden — gut, oder besser gesagt schlecht, fallen wir über die gottverfl.Juden her, und schlagen wir die Fenster ihrer Synagoge ein! — Es liegt doch viel Methode und Weisheit in dieser staatsmäunischen Politik. Und die Polizei schaut bedächtig zu und läßt die Juden schlagen, manchmal auch erschlagen, und die Fenster zerschlagen — es handelt sich ja nur um Juden! Handelt es sich aber um Vergani und Genossen, ja Bauer, das ist etwas Anderes. Uns wundert kaum etwas mehr in dieser an Wundern so reichen Zeit. Eins aber wundert uns doch, wir wollen es nicht leugnen, und das ist, daß es bei uns noch immer Juden giebt, denen über all dem die Augen noch immer nicht aufgehen, die jeden Juden als Streber, wenn nicht als etwas Aergeres noch bezeichnen, welcher den Juden Selbstachtung und Selbstgefühl predigt. — Uns Juden ist nicht geholfen durch Verbände und nicht durch Konsistorien. Wohl aber kann uns Hilfe werden durch Hebung des jüdischen Gefühls, durch Hebung des Zusammengehörigkeits-Bewußtseins. Vergani und Genossen können verurtheilt werden, der Antisemitenhydra aber wachsen neue Köpfe. An uns jedoch ist es, nicht zu säuseln, nicht einzuschläfern, sondern den Kampf aufzunehmen und ihn mit Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit, mit,Wahrheit und Offenheit durchzuführen. Iwri. Ein Biidungsverein am Kirsgang des vorigen Jahrhunderts. Von Ludwig Horwitz in Dessau. M^m letzten Viertel des vorigen Jahrhunderts zeigte sich unter der deutschen Judenheit ein besonders lebhaftes Verlangen nach moderner Bildung. Angeregt durch Mendelssohn und seine Schüler, suchte man mit den Erziehungsprinzipien vergangener Zeiten zu brechen, und deutsche Sprache und deutsche Bildung bildete das Losungswort vieler einsichtiger Israeliten. Der Uebergang vom Cheder und seiner Methode zu einem geordneten Schulwesen konnte aber nicht so leicht bewirkt werden. Es liegt ja in der Natur der Sache, daß Jahrhunderte lange Hebung und Gewohnheit nicht mit einem Schlage aufgegeben werden können, denn auf keinem anderen Gebiete wirkt wohl die Macht der Gewohnheit stärker als auf dem des Unterrichts und der Erziehung. Nur Schritt für Schritt, aber mit stetem Erfolge und Vorwärtskommen, gelang es, die alte Zeit in den Hintergrund zu drängen und den neuen Ideen freie Wege zu bahnen — eine beherzigenswerthe Lehre, daß der Gang der Geschichte, das Streben nach Licht und Fortschritt nicht aufzuhalten sind. — Selbsthilfe war es auch wieder, die den Grund zur Errichtung von Bildungsanstalten legte — für Männer jener Zeit das herrlichste Denkmal und für unsere Zeit die lauteste Mahnung, sich der Kinder, der Jugend anzunehmen, auf sie ihr Augenmerk zu richten. Der dritte Moses und Pestalozzi des jüdischen Schulwesens erlebte es nur, daß eine Anstalt errichtet wurde, die eine Jugend erziehen sollte, die zu guten Deutschen und treuen Israeliten werde. Es war dies die im Jahr 1778 errichtete Freischule zu Berlin, deren Begründung und Bestand edle Wohlthäter, Männer von echt jüdischem Gemeinsinn, förderten. Dieses große Beispiel erweckte in Mendelssohns Geburtsort bald Nachahmung; es war dies natürlich, daß man in der Heimath bemüht war, dem größten Sohne der Gemeinde Ehre zu machen; andererseits war es der hochherzige Sinn eines erleuchteten Fürsten, den das natürliche Gefühl des Volkes „Vater" Franz nannte, der sie in ihrem Vorhaben nach jeder Richtung unterstützte, und die nachstehenden Thatsachen dürften das Andenken des Landesherrn leuchtend hervorheben. Es war im Jahre 1799 — HKI natP als in Dessau ein Verein gebildet wurde, der sich die große Aufgabe stellte, jüdische Knaben und Mädchen nicht nur in den Religionsfächern, sondern auch in Deutsch, Rechnen, Französisch, Schreiben u. a.