Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1897)
- Date
- 1897-09-10
- Page
- Seite 437 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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437 forschen, so sind es-die bürgerlichemVerhältnisse, die leider verhindern, den üblichen Sabbathtag zu feiern. Darauf wird entgegnet: die Mehrzahl der Judenheit hält an der vorschriftsmäßigen Feier fest. Nun, von dieser Mehrzahl, die in Ländern lebt, wo den Juden der Eintritt in das allgemeine Kulturleben versagt ist, von dieser Mehrzahl müssen wir absehen, selbst von Denjenigen, die in freiheitlichen Ländern sich ihren Sabbath nicht nehmen lassen. Wir erkennen bereitwillig die Opfer an, die sie sich auferlegen, aber wir dürfen uns doch vor der Thatsache nicht verschließen, in den Ländern, wo die Juden im bürgerlichen und staatsbürgerlichen Leben stehen, ist es die Mehrzahl, die den Sabbath nicht mehr hält, nicht mehr halten kann. Oder feiert etwa der den Sabbath, der festlich gekleidet das Gotteshaus besucht und sich darauf in sein Geschäft begiebt? oder etwa der, der vorn das Geschäftshaus geschlossen hält, aber die Hinterthür dem Käufer öffnet? Unsere Alten meinen, wer sich auf Reisen befindet und vergessen hat, wann Sabbath sei, der zähle sechs Tage und begehe den siebenten als Sabbath, oder auch: er feiere den ersten Tag und zähle die folgenden sechs Tage als Werktage. Befinden sich unsere Glaubensgenossen nicht in ähnlicher Lage, die gezwungenermaßen vergessen müssen, wann Sabbath sei? Man kam nun auf den Gedanken, den Sabbath auf den Sonntag zu verlegen. Es ist nicht zu leugnen, daß dieser Gedanke etwas Ungeheuerliches haben mußte für Diejenigen, die in dem Sabbath, dem ewigen Bundeszeichen zwischen Gott und Israel, den Pulsschlag des Judenthums am kräftigsten vernehmen- Da man an der mehrtausendjährigen geheiligten Institution nicht zu rütteln wagte, so fand man den Ausweg, neben der Sabbathfeier einen Sonntagsgottesdienst einzurichten. Aber auch gegen diesen erhob man Einwürfe. Man sagte: für wen richtet ihr den Sonntagsgottesdienst ein? Diejenigen, die am Sabbath dem Geschäfte oder Berufe nachgehen, werden den Sonntag der Familie widmen wollen; sie werden im Hause oder in der Natur der Erholung pflegen, aber an den Besuch des Gotteshauses wird Keiner denken. Den schlagendsten Beweis für diese Annahme sollte die Berliner Reformgemeinde liefern, die ja seit einem halben Jahrhundert einen Sonntagsgottesdienst abhält. Die leeren Bänke sollten abschreckend wirken. Alles will seine Zeit haben. Von leeren Bänken ist dort heute nicht mehr zu sprechen; das" Gotteshaus ist dort so gefüllt wie anderswo am Sabbath. Uebrigens ist mehr an Diejenigen zu denken, die ein Seelenbedürfniß ins Gotteshaus treibt, als an Diejenigen, die fehlen. Was wir aber vor allem hervorheben müssen, ist der Umstand, daß jene beseligende Sabbathfeier, die sprichwörtlich geworden ist, sich eigentlich nur im Hause entfalten kann. Ohne Freitag Abend, ohne Kiddusch und Habdalah wird der Sabbath, jenes „köstliche Geschenk aus der Schatzkammer des Herrn", nicht den vollen Glanz offenbaren. Wer den Sabbath in diesem Glanze genießen will, dem muß das Gotteshaus auch den Freitag Abend einweihen, auf daß ihn „die Enge! des Friedens aus dem Gotteshause in sein Haus begleiten", wo ihn wiederum, umringt von den Kindern, die gleich Oelzweigen Frieden künden, der Engel des Hauses begrüßt, der ihm das Sabbathlicht segnend aufgesteckt hat. Wir sind überzeugt, daß'die altjüdische häusliche Sabbathfeier stets ihre Vertreter finden wird, und für . diese muß der Sabbathgottesdienst erhalten bleiben; allein, wir haben auch an Diejenigen zu denken, die für jene Feier in altem Sinne nicht mehr zu gewinnen sind, gleichwohl aber das Verlangen Hegen, Sabbathgedanken. in sich aufzunehmen. Ihnen muß dazu am bürgerlich freien Sonntag die Gelegenheit geboten werden. Sollten wir es mit ansehen können, daß der Sabbath, den wir der Welt gebracht haben, in unserer eigenen Mitte am meisten vernachlässigt werde? Sollten wir es ertragen können, daß die Völker das Gottesgeschenk mehr in Ehren halten als wir, denen es zuerst verliehen wurde? Ist es nicht beschämend, daß erst die allgemeine Sonntagsruhe uns zur Besinnung bpngt und uns an die Pflichten mahnt, die wir als Gottesvolk zu erfüllen haben? Wir erachten es als einen Akt der Billigkeit, daß in allen den Gemeinden, wo sich das Bedürfniß regt, neben dem Sabbathgottesdienste auch ein Sonntagsgottesdienst veranstaltet werde. Gegen diesen hätte man selbst von orthodoxer Seite nichts einzuweuden, da der tägliche Gottesdienst ein Pflichtgebot ist. In Stockholm ist man bereits mit der Einrichtung eines Sonntagsgottesdienstes neben dem Sabbathgottesdienste vorgegangen. Der Erfolg ist ein überraschender, die Mehrzahl der Gemeinde nimmt an demselben Theil. Anders wäre die Frage in Berlin zu lösen. Hier haben wir bereits einen Sonntagsgottesdienst, der sich bewährt. Wenn er-auch nicht von der Hauptgemeinde ausgegangen ist, so gehört aber doch die Reformgemeinde zur Hauptgemeinde. Es kann nicht oft genug betont werden, daß sie einen Theil der Gesammtgemeinde bildet und stets zu ihr gehören will. Ihr Gebetbuch könnte ebenso gut in. den beiden Orgelsynagogen im Gebrauche sein. Wer den Sonntagsgottesdienst begehrt, der will auch in der Muttersprache beten. Die Hauptgemeinde entgeht manchen Unzulänglichkeiten, wenn sie für Diejenigen, die am Sonntag an die Pforten des Gotteshauses klopfen, der Reformgemeinde am Sonntag einige Häuser überläßt, mit der Verpflichtung, für die Veranstaltung des Gottesdienstes selber Sorge zu tragen. Das wäre die beste.Lösung für Berlin. Diese Lösung wäre zugleich die schönste Anerkennung einer Gemeinde, die schon seit einem halben Jahrhundert mit großen Opfern einem Bedürfnisse entgegengekommen ist, das erst in unseren Tagen mit dringlicher Forderung ausgesprochen wird?) s Nissan und Tischri weisen darauf hin, daß mit Israel der Erlösungsgedanke und der Versöhnungsgedanke in die Welt gekommen ist, aber der Sabbath ist die Sonne, die alle Strahlen des religiösen Geistes in sich vereinigt und wiederum nach allen Richtungen hin entsendet. Der Prophet spricht die Verheißung aus: von Neumond zu Neumond, von Sabbath zu Sabbath werde alle Welt kommen zur Anbetung Gottes, am Neumond, der die Zeiten abgrenzt, am Sabbath, der auf den Schöpfer und die freie Menschheit hinlenkt. Möge der Berliner Reformgemeinde verstattet sein, das Werk, das sie mit heiliger Begeisterung im Dienste Gottes unternommen, immer mehr auszubreiten und die Sabbathgedanken, wann und wo immer, in. die Herzen zu tragen! Landesverein für die israelitischen Uetigionstehrer in Kaden. #eitdem der Großh. Oberrath der Israeliten in Baden der Schule und dem Lehrer erhöhte Fürsorge zugewandt und die erstmals vor zwei Jahren einberufene Synode „ein allseitig warmes Interesse für den wichtigen Beruf der Religionslehrer und für eine würdige Stellung derselben" an den Tag gelegt hat, weht ein frischer Zug durch die Reihen der israelitischen Lehrer Badens. Die Hoffnung auf eine günstigere Lebens« und Berufsstellung als ihnen bis jetzt fast allerwärts i) Wir verweisen darüber auf das Cirkular vom Juli d. I. wie auch auf die Broschüren: „Die Heiligung des siebenten Tages" und „Die Forderung des Sonntags-Gottesdienstes" von Gustav Levinstein.