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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-10 · Heft 37 (10.9.1897) · p. Seite 434

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 37 (10.9.1897)
Date
1897-09-10
Page
Seite 434 (sequence 2)
Language
German
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434 utopistischen Plänen und abenteuerlichen Ideen mitbrachten, waren diese Vorschläge, von allen Juden der Welt, von Arm und Reichs ohne jeglichen Unterschied, Beiträge zur Begründung eines allgemeinen Fonds zu sammeln, der aber an Kapital und Zinsen nicht angetastet werden dürfe, bevor er eine Höhe von zehn Millionen Pfd. St. erreicht hat, gar zu phantastisch. Schließlich einigte man sich dahin, daß „an das ganze jüdische Volk ein Aufruf erlassen werden solle, zur Schaffung der materiellen Grundlage, zum Ankauf eines Territoriums beizusteuern". Von besonderem Jntereffe war jedoch die Debatte über die Kolonisation. Der Referent hatte beantragt, es sei jede weitere Einwanderung von Juden auszusetzen, bis die öffentlich - rechtliche Stellung des Judenstaates gesichert sei. Die deutschen Delegirten sprachen aber mit Erfolg gegen diesen Vorschlag und setzten es durch, daß man ein Komitee wählte, welches in Verbindung mit den schon bestehenden Vereinigungen die Frage der praktischen Kolonisation Palästinas zu bearbeiten habe. Der Bericht über diesen Punkt der Verhandlung ist in mancher Beziehung lehrreich. Von vornherein muß zugestanden werden, daß das Bakschisch-System ein unwürdiges ist, und daß es in der That sehr zweckmäßig wäre, wenn es gelänge, eine genossenschaftliche Centralleitung zu begründen und die freie Einwanderung zu ermöglichen. Eine andere Frage ist es freilich, ob diese in absehbarer Zeit möglich sein wird. Wir meinen deshalb, daß es würdiger gewesen wäre, die Vorwürfe gegen die jetzige Art der Kolonisation nicht auszusprechen. Auch bei diesem Anlasse wurde die Behauptung wiederholt, daß die Kolonisation Palästinas jetzt von den Gegnern des Zionismus als ein wünschenswerthes Ziel hingestellt werde, während sie früher nicht das geringste Interesse dafür zeigten. Diese Behauptung ist eine ungerechtfertigte. Seit Jahrzehnten hat unser Blatt für die Kolonisation Palästinas geschrieben und agitirt, und wir waren mit unter Denen, welche die ersten Vereine für die Kolonisation des heiligen Landes in Deutschland begründet haben. Wir meinen, daß trotz aller gerechtfertigten oder ungerechtfertigten Angriffe die Arbeit der Kolonisation noch lange in der bisherigen Weise wird fortgesetzt werden müffen. Den Schluß der Verhandlungen bildete ein Referat über die hebräische Litteratur, und es ist bedauerlich, daß dieser wichtige Punkt erst in zwölfter Stunde verhandelt werden konnte. Wiederum tauchte ein abenteuerlicher Plan aus: Die Begründung einer hebräischen Universität in Jaffa oder in Jerusalem! Aber schließlich einigte man sich in aller Eile dahin, die Gründung eines allgemeinen hebräischen Schulvereins, der für den Unterricht in der hebräischen Sprache sorgen solle, und die Einsetzung einer Litteratur- Kommission zu beschließen. Auch diesen beiden Punkten können wir unbebinQt zustimmen, da wir, lange bevor viele dieser tapferen Streiter ihr Judenthum überhaupt entdeckt hatten, schon für die Verbreitung der Kenntnisse unserer Geschichte, Sprache und Litteratur gearbeitet und gekämpft haben. Welches sind also die praktischen Resultate des Zionisten- Kongresses? Mögen die unbefangen urtheilenden Leser sich diese Frage selbst beantworten. Wenn es sich nur darum handelte, den Sinn für das Judenthum zu wecken und zu heben oder einen Protest gegen die „Judennoth" zu begründen, so könnten wir ja mit der ganzen Sache einverstanden sein, aber die Bestrebungen der Zionisten gehen weit darüber hinaus, und das eben vorgeführte Programm bietet nur ein sorgsam retouchirtes Bild dessen, was die Herren eigentlich bezwecken. Dieser erste Kongreß hat schon gezeigt, daß bei ernster und praktischer Behandlung in der Oeffentlichkeit alle Utopien und Phantastereien sich in Nichts auflösen müssen, und nur das Aussicht auf Verwirklichung hat, was von edlen und um die Zukunft des Judenthums besorgten Männern schon seit Jahrzehnten in Angriff genommen?und betrieben worden, nämlich die Kolonisation Palästinas, durch die all Denen, welche ihre Heimath zu verlassen gezwungen werden, eine Zufluchtsstätte geboten werden soll. Dieses Ziel allein ist der berechtigte Kern all jener Bestrebungen, und für dieses Ziel werden wir auch weiter, trotz des Zionismus und, wenn es sein muß: gegen denselben, kämpfen. Die Woche. Berlin, 8. September, uch der deutsche Katholikentag, der in der abgelaufenen Woche zu Landeshut abgehalten wurde, ist nicht ohne ein antisemitisches Intermezzo abgelaufen, das er einem baierischen Heißsporn, dem Abg. Dr. Schädler, zu danken hat, der in seinem Vortrage über „die christliche Charitas" auf das bekannte Schreiben des Bürgermeisters von Forst einging, in dem von „christlicher Nächstenliebe" gesprochen worden sei. Dr. Schädler behauptete dann weiter: Dieser Ausdruck sei später von dem Landrath als „unpassend" revozirt worden. (Lebhafte Pfuirufe.) Also „christliche Nächstenliebe" unpassend! fährt der Redner fort. Aber das scheint passend zu sein, daß ein Isidor Rosenthal in Erlangen einen Frosch kreuzigt und dabei sagt „Jetzt hängt er wie Christus am Kreuz!" (Minutenlange Pfuirufe.) Dafür leben wir auch in dem christlichen Baiern. (Beifall.) Freilich auch das Judenthum hat seine Humanität gehabt. Das lehrt uns die Geschichte vom barmherzigen Samariter. (Stürmische Heiterkeit.) Da sieht man ja, die Humanität ist da, sie erstreckt sich aber bloß auf die Stammesgenossen (Große Heiterkeit), nicht aber auf den Goi. (Sehr richtig!) Nein, die Nächstenliebe ist in erster Reihe christlich (Stürmischer Beifall.) Daß Herr Schädler aus dem Bürgermeister eineu Landrath macht, ist wohl nur eine kleine baierische Malice. Weit schlimmer ist die Behauptung, daß Jener den Ausdruck „christliche Nächstenliebe" als unpassend revozirt habe. Thatsächlich ist der Ausdruck nur als unpassend für eine Sammlung bezeichnet worden, bei der sich Nichtchristen in so hervorragender Weise betheiligt hatten. Ueber die Angelegenheit des. Prof. Rosenthal in Erlangen haben Gerichte und Verwaltungsbehörden bereits entschieden, daß in jener Aeußerung keine Verletzung des Christenthums liege, während von jüdischer Seite dieselbe allgemein als eine große Taktlosigkeit bezeichnet wurde. Es soll dabei freilich nicht unerwähnt bleiben, daß jener mehr als alberne Scherz übrigens gar nicht von Prof. Rosenthal, sondern von seinem großen christgeborenen Lehrer herstammen soll! Was nun aber die Geschichte vom barmherzigen Samariter anbelangt, so müssen wir mit Bedauern sagen, daß Herr Dr. Schädler dieselbe absolut nicht verstanden hat. Der Sinn der Parabel konnte doch nur der sein, daß wahre Liebe unter den Menschen sich aus dem Mitgefühl, nicht aus dem religiösen Glauben herleiten lasse. Der Nächste ist für den Erzähler der Parabel der Mensch, der mit Seinesleichen ohne Rücksicht auf das Bekenntniß Mitleid hat. Diese Nächstenliebe lehrt aber schon das Alte Testament, und wir brauchen uns darüber nicht zu grämen, daß Herr Dr. Schädler dieses so wenig kennt, wenn er selbst das Neue Testament nicht versteht. Von „christlicher Charitas" war aber sein Vortrag so weit wie möglich entfernt. Glücklicherweise ist diese Gesinnung auf dem Katholikentag fast vereinzelt geblieben und auch im Centrum, wo die Traditionen eines Windthorst und Reichensperger noch fortleben, dürfte Herr Dr. Schädler mit solchen Anschauungen ziemlich isolirt bleiben. *

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