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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-10 · Heft 37 (10.9.1897) · p. [Seite]

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 37 (10.9.1897)
Date
1897-09-10
Page
[Seite] (sequence 1)
Language
German
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61. Jahrgang. Nr. 37 Berlin, 10. September 1897. Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese VZeituiig erscheint wöchentlich. Abonnements-Preis: Durch Buchhandel, Post oder direkt von der Expedition inBerlin unter Streifband bezogen Vierteljahr!.3 M> Redacteur: Gustav Karpeles. Begründet von Nabbiner $*- Ludwig PHUippson-Lonn. Dertags-Orpedition: iöerlm; Jerufalemerstr. 48/49. Alle Zusendungen für Redaktion - und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .„Allgem. Zeitung des Judenthums", Berlin SW., Jerusalemer Straße 48/49 zu richten. Verlag von Rudolf Mosfe, Berlin. Leitartikel: Der Zionisten-Kongreß. — Die Woche. — Sabbath. Von Dr. M. Levin. — Landesverein für die israelitischen Neligionslehrer in Baden. — Brief, aus Oesterreich. — Ein Bildungsverein am Ausgang des vorigen Jahrhunderts. 'Von' Ludwig Horwitz.'—Feuilleton: Wieder Punrpianer Rabbi die soziale Frage löst. Von R. Vraudes, bearbeitet von Theodor Zlocisti. — Sprechsaal. Der Gemeindebote. Korrespondenzen und Nachrichten: Berlin, Aus der Provinz Posen, Hannover, Aus Hessen, Gießen, Nürnberg, - Wien, Budapest, Basel, Odessa. — Bon Nah und Fern. ' Per Zionisten-Kongreß. ö Berlin, 7. September. Zionistenkongreß ist vorüber, und man wird nun daran , gehen, sich mit den praktischen Resultaten desselben zu befassen. Ueber die Verhandlungen selbst haben wir an anderer Stelle berichtet. Wir gehen heute deshalb nicht mehr auf den Verlauf des Kongresses ein, wie lohnend dies auch nach ' vielen Richtungen hin sein würde; wir verzichten auch auf den Abdruck der vielen uns zugegängenen Schreiben, in denen die Interna des Kongresses ausgeplaudert oder die Sache selbst entweder in pathetischer oder spöttischer Weise dargestellt wurde. Wir wollen uns heute einfach nur mit der Frage beschäftigen: Welche praktischen Resultate hat der Zionistenkongreß zu Tage gefördert? Es giebt Leute, die sich vor der Macht der vollendeten Thatsachen nicht tief genug beugen können. Je schärfer sie vorher das Projekt angegriffen, desto tiefer ist ihre Reverenz, nachdem das Projekt zur Thatsache geworden. Aber selbst diese Leute werden zugeben müssen, daß die praktischen Resultate des Kongresses kaum in einem Verhältniß stehen zu den weitschweifenden Ideen, die ihm vorausgegangen, zu dem gewaltigen Aufwand, mit dem er in Szene gesetzt wurde. Der Kongreß hat' ein Programm aufgestellt und eine Organisation geschaffen. Nach dem Programm erstrebt der Zionismus „für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlichrechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina".- Sieht man von der stilistischen Fassung des Satzes ab, so hat der Kongreß damit nicht das geringste Neue geschaffen. Schon als Baron Hirsch sich mit dem Plane trug, eine große Stiftung^ für die zur Auswanderung genöthigten russischen Juden zu begründen, hat man von verschiedenen Seiten den Vorschlag gemacht, in Palästina eine solche Heimstätte, ein buen Retiro für alle unglücklichen Juden der Welt zu-schaffen, die sicher lieber die Scholle der Urheimath als den Boden Argentiniens bebauen würden. Daß diese Heimstätte, eine gewisse rechtliche Sicherstellung haben mußte, war selbstverständlich vorausgesehen; daß aber irgendwelche staatliche - Organisation beni tiefsten; Mißtrauen der türkischen, dem entschiedenen Veto aller übrigen Mächte begegnen würde, ist ebenso selbstverständlich vorauszufehen. , Zur Erreichung seiner Ziele nimmt nun der Kongreß folgende 'Mittel in Aussicht: 1. Zweckdienliche Förderung der Besiedelung Palästinas mit jüdischen Ackerbauern, Handwerkern, Gewerbetreibenden. 2. Gliederung und Zusammenfassung'der gestimmten Judenschaft durch geeignete örtliche und allgemeine Veranstaltungen nach Maßgabe der Landesgesetze. 3. Stärkung des jüdischen Selbstgefühls - und Volksbewußtseins. 4. Vorbereitende Schritte zur Erlangung der Regierungszustimmungen, die nöthig sind, um das Ziel des Zionismus zu erreichen. Von diesen Punkten ist der erste der wichtigste, aber auch dieser ist nicht mehr als eine Erweiterung des Programms der Koloniälgesellschaften für Palästina, die bereits seit Jahren gedeihlich wirken und keineswegs die Vorwürfe verdient haben, die gegen sie auf dem Zionistenkongreß erhoben wurden. Wir sind auch damit einverstanden, wenn es den Herren gelingt, durchzusetzen, daß die Juden sich nach Palästina nicht mehr einzusteh len brauchen. Der zweite Punkt erscheint in seiner unklaren Fassung als eine rechte Utopie, und ebenso der vierte Punkt; dagegen können wir uns mit dem dritten sehr wohl einverstanden erklären und würden es mit Freuden begrüßen, wenn es überall gelänge, das jüdische Selbstgefühl und ^tammesbewußtsein zu heben und zu stärken. Was aber der Zionismus, diese neue Reaktion innerhalb des Judenthums, dafür ckhun könnte, ist uns schlechterdings unbegreifliche So viel über das Programm. Ueber die zionistische Organisation, die auf demselben Kongreß beschlossen worden, haben wir nicht viel zu sagen. Sie bezweckt natürlich die Ausbreitung des Zionismus, und das ist eine interne Angelegenheit, die uns nichts weiter angeht. Von Interesse für die Allgemeinheit ist nur der eine Punkt dieser Organisation, daß das Agitationskomitee zur Ausführung der Kongreßbeschlüffe, zur Weiterführung der zionistischen ^Geschäfte - und zur Vorbereitung des nächsten Kongresses aus 23 Mitgliedern besteht, von denen mindestens 5 ihren ständigen Wohnsitz in Wien haben. Die'übrigen Mitglieder werden aus den landsmannschaftlichen Organisationsgruppen ernannt, und zwar stellen Oesterreich einen, Galizien zwei, Bukowina einen, Rußland vier, Deutschland zwei, Rumänien zwei, Amerika, England, Palästina, ^Frankreich je einen Delegirten. Die Hauptagitation wird also in Zukunft von Wien ausgehen. : ■’■■■ Aber mit dem.Programm und mit der Organisation hat der .Kongreß noch nicht abgeschlossen; er hat-sich vielmehr auch über die Kolonisation Palästinas schlüssig gemacht und die Gründung eines Nationalfönds, ja sogar' einer Nationalbank besprochen. Man 'muß die wahrhaft phantastischen Reden und Vorschläge selbst durchlesen, um es zu glauben, daß derlei möglich sei; selbst den Mitgliedern -des Kongresses,, die doch wahrlicheinen genügenden Vorrath von

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