Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1897)
- Date
- 1897-09-03
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
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3 Wien hat, weigerte sich, demÄnsuchen der israelitischen Landeskanzlei zu willfahren, laut dem die dem gemeinsamen Heere angehörenden Rekruten nicht am' 6. Oktober, d. i. am Versöhnungstage, sondern am darauffolgenden Tage einzurücken haben. Das Honvedministerium gestattete diesen Aufschub den der Honvedarmee Angehörigen ohne Weiteres. Im gemeinsamen Reichskriegsministerium scheinst man das Rezeptionsgesetz nicht respektiren zu wollen. Ob die israelitische Landeskanzlei bestrebt sein wird, dieses Forum eines Besseren zu belehren, müssen wir nach den bisherigen Erfahrungen bezweifeln. — In Sillein wurde der Szeginer Hilssprediger Dr. David Friedmann, in Tokaj Rabbiner Straffer aus Miava zum Rabbiner gewählt. — An der hiesigen Universität ist der Mediziner Wilhelm Roth sub aüspieüs regis promovirt worden. — Der praktische Arzt M. Jakobovics testirte der hiesigen Universität 6000 Kronen. — Der Religionslehrer S. Schlesinger wurde zum ordentlichen Professor an das Zalaegexszeger Gymnasium berufen. (D Basel, 31. August. Im „Stadtkasino" trat vorgestern der erste Zionistenkongreß zusammen. Derselbe war von etwa 300 Personen besucht, hauptsächlich aus Rußland, Polen, Ungarn, Oesterreich und den Balkanstaaten. Dr. med. K. Lippe aus Jassy eröffnete als Alterspräsident den Kongreß mit einer längeren Ansprache, in der er erklärte, die Versammlung sei ein Protest gegen eine 1800jährige Bedrückung, Knechtung und Verfolgung, und beantragte, dem Sultan den Dank für das seinen jüdischen Unterthanen bewiesene Wohlwollen zu übermitteln. Zu Präsidenten des Kongresses wurden Dr/ Theodor Herzl (Wien), Dr. Max Nordau, S. Pineles (Rumänien), Dr. Salz (Galizien) gewählt. Dann nahm Dr. Herzl, von.einem Beifallssturm empfangen, das Wort zum ersten Punkt der Tagesordnung: Zweck und Ziele des Kongresses. Er führte aus: Wir wollen hier den Grundstein legen zu dem Hause, das dereinst die jüdische Nation beherbergen soll. Der Zionismus ist die Einigung des Judenthums schon vor der Heimkehr in-das Vaterhaus. (Beifall.) Der Zionismus hat die Vereinigung der modernen Kreise des Judenthums mit den konservativsten Elementen, vollzogen. Daß das ohne Konzessionen möglich war, beweist das starke Volksthum des JudenthumA Unsere Bewegung wird schon in nächster Zeit zur Folge haben, daß sie die Judenfrage in eine Zionsfrage verwandelt. Die Kolonisationsbestrebungen in Palästina und Argentinien werden uns eine dankbare Handhabe bieten. Ein vollständiger Auszug der Juden werde wohl niemals eintreten. Die sich assimiliren können und wollen, werden bleiben und absorbirt werden. Jedes Land wird nur so viele Juden abgeben, wie es kann. Der Antisemitismus werde schwinden. Sodann sprach über die allgemeine Lage der Juden Dr. Max Nordau (Paris), der ebenfalls mit stürmischem Jubel empfangen wurde. Das Gesammtbild der Verfassung der Juden am Ausgang des Jahrhunderts sei kein erfreuliches. In Westeuropa hat die Bewegungsfreiheit manchen Segen erzielt. Jüdischer Fleiß, Beharrlichkeit und Nüchternheit ließen das jüdische Proletariat fast schwinden. Aber unter diesen Juden erhob sich die sittliche Judennoth. Die Juden des Westens haben Brod, aber man lebt nicht vom Brode allein. Die Wunden des Fleisches sind nicht die einzigen, die schmerzen und an denen man sich verblute (Beifall). Die Juden des Westens hatten aus der Judenemanzipation die Folgerung gezogen, daß sie gleichberechtigt seien. Die Völker haben ihnen aber bedeutet, daß sie thöricht handelten, wenn sie so naiv logisch wären. Die Emanzipation hat den Juden vollständig umgewandelt. Vorher war er ein Fremder unter den Völkern, er selbst fühlte sich als solcher. Wo es nicht die Behörde that, schuf er sich selbst das Ghetto, über welches Wort heute Bezeichnungen von Schmach und Erniedrigung schwirren. Der Sittengeschichtsschreiber kann aber feststellen, daß das Ghetto nicht als Gesängniß, sondern als eine Zufluchtsstätte betrachtet werden muß. Nur das Ghetto ließ die Juden die Verfolgungen des Mittelalters überdauern. Die Emanzipation brachte eine vollständige Umwälzung. In einer Art Wonnerausch beeilte man sich, alle Brücken abzubrechen (Rufe: Leider!). Sie meinten, ein neues Vaterland zu haben und sich nicht mehr an die eigenen Ghettogenossen halten zu brauchen. Der Trieb der Selbsterhaltung ließ sie sich bald anpassen an die Verhältnisse. Ein Jeder meinte, er sei nun ein Deutscher oder Franzose. Da brach vor etwa zwei Jahrzehnten der alte Judenhaß wieder durch, und der Jude sah entsetzt die wirkliche Lage. Noch konnte er an den Wahlen theilnehmen, aber aus den Vereinen wurde er ausgeschlossen; er hatte seine Freizügigkeit, aber wo er hinkam, leuchteten ihm die Plakate entgegen: Juden ist der Eintritt verboten! Noch kann er die staatsbürgerlichen Rechte ausüben (Lachen), aber alles, was höher steht, wird ihm verschlossen. Das ist die Lage des Juden Westeuropas. Er fühlt sich als Sohn seines Landes, das Volk weist ihn zurück, beweist ihm, daß es nicht der Fall sei. Seine Zufluchtsstätte hat er selbst aufgegeben, seine Heimath ist ihm verschlossen, seine jüdischen Mitgenossen hat ihm der Antisemitismus verekelt, die Christen, die er sucht, stoßen ihn zurück. Dadurch wird der Jude verbittert, mit sich selbst zerfallen. (Beifall.) Das ist die sittliche Judennoth, die bitterer ist als die sachliche, weil sie feiner und tiefer empfindende Menschen trifft. (Stürmischer Beifall.) Viele suchen aus dem Glauben zu fliehen. Freilich leugnet der Rassenantisemitismus die Wirksamkeit der Taufe. (Stürmischer Beifall.) Es ist auch nicht eine Empfehlung, daß der Eintritt in den neuen Glauben mit einer gotteslästerlichen Ableugnung stattfindet. Die neuen Marrannen scheiden mit Erbitterung aus dem Judenthum; ihren Haß, der sie zwang, auszuscheiden, tragen sie aber in dem neuen Glauben dem Christenthum nach. Mir graut vor dem neuen Geschlecht der Mariannen, dessen Sittlichkeit durch keine Ueberlieferung gehalten ist, dessen Bestehen begründet ist durch eine fundamentale Lüge. Nicht alle Anhänger des Zionismus erblicken in diesem eine Verheißung, für viele ist er die Möglichkeit zur Entfaltung der Kräfte. Durch die Angriffe und Zurücksetzungen wird der Jude des Westens an sich selbst irre. Man mißt ihm für alles die Schuld bei; die Agrarier für die schlechten Getreidepreise, die Handwerker für den Niedergang des Handwerks. Hier wie bei den mittelalterlichen Beschuldigungen, die Juden hätten die Brunnen vergiftet, so daß die Pest entstehe, liege die Erklärung darin, daß man Leuten, denen man nicht wohl wolle, alles Ueble nachsage. Die Antisemiten, die immer von der Weltherrschaft der Juden reden, sollten doch einmal auf die Verfolgungen sehen, denen die Juden überall ausgesetzt sind, ohne daß sie die Macht haben, sich zu schützen gegen Angriffe auf Leben und Eigenthum. Unsere Aufgabe wird es sein, Mittel und Wege zu finden, um der großen Judennoth abzuhelfen. — Es folgten dann Einzelberichte über die Lage der Juden in den verschiedenen Ländern und zwar von Dr. Salz über Oesterreich im Allgemeinen, von Dr. Ebener über die Bukowina, Professor Bielschofski über Bulgarien, - Rechtsanwalt Schauer über Deutschland, in dessen Referat das Märchen von den 10 000 Kindern natürlich nicht fehlte, die in Berlin ohne Religionsunterricht aufwachsen, von Advokat Dr. Bonay über Ungarn, von Josef de Haas über England, ,S. Bahare über Algier, S. Pineles , über Rumänien und von Dr. Rosenberg über Amerika. In der zweiten Sitzung erhielt noch Dr. Birnbaum (Berlin) das Wort zur Begründung des zionistischen Programms. Von allen Ländern könne für eine jüdische Niederlassung nur Palästina' in Betracht kommen. Dr. Farbstei n (Zürich) erörterte die ökonomischen Verhältnisse, die ebenfalls zu der zionistischen Bewegung geführt hätten. In seiner gestrigen Sitzung hat der Zionistenkongreß nach langer Erörterung sein Programm folgendermaßen gefaßt: Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Zur Erreichung dieses Zieles nimmt der Kongreß folgende Mittel in Aussicht: 1. zweckdienliche Förderung der Besiedelung Palästinas mit jüdischen Ackerbauern und Gewerbetreibenden. 2. Gliederung und Zusammenfassung der gesammten Judenschaft durch geeignete örtliche und allgemeine Veranstaltungen auf der Grundlage der Landesgesetze. 3. Stärkung des jüdischen Nationalgefühls und Volksbewußtseins. 4. Vorbereitende Schritte zur Erlangung der für die Erreichung des zionistischen Zieles notwendigen Zustimmung der Behörden. Zum Schluß theilte Dr. Herzl mit, daß über 400 Telegramme, 450 Zustimmungstelegramme und verschiedene Petitionen, von denen eine mit 15 000 Unterschriften, ein-, gelaufen seien. Am Abend fand noch eine Sitzung behufs Berathung über die Gründung eines „Nationalfonds" statt. Auch die anwesenden zionistischen Studenten hielten gestern eine Konferenz ab. — In der gestrigen Sitzung einigte sich der Kongreß über das Programm . der Bewegung, das Dr. Max Nordau der Versammlung unterbreitet hatte. Widerspruch erhob Dr. Bodenheimer (Köln) dagegen, daß man von einer „rechtlichen" Heimstätte spreche. Das sei gleichbedeutend mit einer Vertauschung des Bürgerrechtes in Deutschland, Frankreich, England rc. mit dem türkischen Bürgerrecht in Palästina. Sie wollen nicht mehr blos geduldet sein, sondern eine völkerrechtlich gesicherte Heimath besitzen. Der nächste Punkt der Tagesordnung betraf die zionistische Organisation. Der Berichterstatter, Rechtsanwalt Dr. Boden-