Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-03 · Heft 36 (3.9.1897) · p. Seite 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 36 (3.9.1897)
Date
1897-09-03
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/3224737-3228202-3228239--53977-3267931
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

2 entity mentions

4 heirner (Köln a. Rh.), erblickt in der trotz der G gnerschaf der eigenen Stammesgenossen zu Stande gekommenen ersten jüdischen Nationalversammlung die ersten Keime einer festen Organisation: Die Organisation müsse so gehalten^ sein, daß sich aus ihr die staatliche Selbständigkeit entwickeln könne. Er schlägt die Einsetzung eines zionistischen Centralkomitees in Wien vor und die. Gründung einer jüdischen Bank, die - später nach Palästina als jüdische Nationalbank verlegt werden könnte. Die Bank soll den Zweck haben, Mittel zur Agitation u. s. w. aufzubringen. Daneben werde man noch einen Nationalfonds für Kolonisationszwecke errichten. Das Centralkomitee und die Bank würden auch die besten Unterhändler mit der türkischen Regierung wegen Landkonzessionen und Ansiedelungen sein. Großes Gewicht werde man auf die Agitation legen müssen. Wanderredner werden die Masse des jüdischen Volkes für die Bewegung zu gewinnen suchen müssen und Juden und Nichtjuden über die Ziele aufzuklären haben. Auf die Jugend werde man einzuwirken suchen, indem man jüdische Turnvereine, akademische Vereine rc. gründe. (Großer Beifall.) Die Verhandlungen wurden hierauf vertagt. — Die vierte Sitzung am Montag Nachmittag brachte zunächst eine sehr lebhafte Erörterung über die Organisation und Propaganda. Es wurde von verschiedenen Seiten scharf getadelt, daß das Bureau dem Kongreß keine festen, faßbaren Vorschläge über die Form der zu schaffenden Organisation gegeben habe. Ein Redner führte aus, eine zweckmäßige Organisation werde man erst auf dem nächsten Kongreß schaffen können, da die diesmalige Tagung hauptsächlich den Zweck habe, einander näher zu treten. (Beifall.) Eine längere, recht heftige Auseinandersetzung rief ein Antrag Wolffsohn (Köln) hervor, die Behandlung der ganzen Angelegenheit einer besonderen Kommission zu überweisen. Nach kurzer Vertagung berichtete Student M o tz k i n (Berlin), daß man sich inzwischen zu folgendem Antrag geeinigt habe: „Als Hauptziel betrachten wir die Wahl eines Centralkomitees. Die besondere Organisation der einzelnen Länder ist von den besonderen Verhältnissen abhängig." (Beifall.) Der Vorsitzende Dr. Herz! erblickt hierin eine glückliche Lösung der Streitfrage und schlägt unter allgemeiner Zustimmung die Einsetzung einer besonderen Kommission vor, welche die Anträge durchberathen soll, um heute dem Kongreß Bericht zu erstatten. Die Kommission wird gewählt. Ueber den Schluß der Verhandlungen berichten wir in nächster Nummer. Frankreich. Paris, 27. August. Der Generalgouverneur von Algier, Herr Cambon, hat jetzt ein Circular an alle Präfekten erlassen, in dem er sie auffordert, über die Ursachen, den Fortgang und die möglichen Erfolge der antisemitischen Bewegung in ihren Distrikten ihm Bericht zu erstatten.. Man darf wohl darauf gespannt sein, was da herauskommen wird. In ganz Algier befinden sich übrigens nur 53116 Juden f nach der letzten Zählung. — In Tunis haben wieder Unruhen stattgefunden, die von fanatischen Muselmännern ausgingen. Von Nah und Fern. Zu den Reiseplänen des Kaisers für nächstes Jahr wird den „Münch. Neuest. Nachr." aus Kiel gemeldet, daß die Reise nach Jerusalem Ostern 1898 seststeht. Das Kommando der „Hohenzollern" ' wurde dereits von der Absicht des Kaisers unterrichtet. Der Kreuzer . . „Gefion" wird die Kaiseryacht begleiten. Die Reise wird zwei Monate ‘ dauern.. — Professor Friedrich Gernsheim ist zum Mitglieds des Senats der Akademie der Künste gewählt worden. — Dem Fabrikbescher Isidor Loewe ist das Ritterkreuz des Ordens der Württemberger Krone verliehen worden. — Dozent Dr. A. Berliner hat für seine „Geschichte der Juden in Rom" von zwei Ministern der italienischen Regierung sehr herzliche Dankschreiben erhalten. — Bei dem von der königl. technischen Hochschule erlassenen Preisausschreiben für Studirende für 1897 erhielt Georg Schlesinger aus Berlin den zweiten Preis und Rudolf Cohn aus Steglitz eine lobende Anerkennung. — Am 4. d. Mts. begeht der Lehrer Louis; Frankenstein in Crone a. d. Brahe die Doppelfeier seiner Silber-1 Hochzeit und seines Amtsjubiläums. Der beliebte und verehrte Jubilar, war an dieser Anstalt schon vorher thätig, als dieselbe noch nicht „gehobene Bürgerschule", sondern nur „jüdische Schulewar. — Aus Ko.lzig bei Grüneberg schreibt man:. Als Antisemitenführer ist der hiesige Konditor und Chokoladensabrikant O. Laube, seit Jahren mit ^großem Eifer und, geringem Erfolge thätig gewesen. Er wurde nicht £ müde, in Versammlungen wie im Privatgespräch den Satz: „Kauft bei ' keinem Juden!" als eine heilige Pflicht jedes Christen und Deutschen zu verkünden. Jetzt hat er seine Fabrik und Konditorei an einen jüdischen Kaufmann verkauft. — Die Antisemiten veranstalten im Oktober.einen "Parteitag in Nord Hausen. Abg. Zimmermann wird über die Tätigkeit der Reichstagsfraktion und der Parteileitung Bericht erstatten, Abg. Liebermann v. Sonnenberg über die bevorstehenden Reichstagswahlen sprechen. — Der frühere antisemitische Reichstagsabgeordnete Leuß aus Hannover, der in der Strafanstalt zu Celle die über ihn wegen Meineids verhängte Zuchthausstrafe verbüßt, hatte vor einiger Zeit ein Gnadengesuch an den Kaiser eingereicht. Das Gesuch, das von allen in Frage kommenden Personen befürwortet worden war, ist, wie verlautet, abschlägig beschieden worden. — Eine zahlreich besuchte Protestversammlung des kaufmännischen Vereins von 1870 in Danzig hat eine Resolution angenommen, welche die Hineinziehung antisemitischer Tendenzen in die kaufmännischen Interessen für verwerflich erklärt und gegen die antisemitische Agitation des deutsch-nationalen Handlungsgehilfenverbandes protestirt. — In Düsseldorf war der bereits vorbestrafte Joseph C. aus Hülchrath angellagt, den öffentlichen Gottesdienst gestört zu haben. An einem Sonnabend trieb der Angeklagte in der Synagoge Unfug, warf die anderen Leute mit Papierkügelchen, und als ihm dies von einem älteren Israeliten untersagt wurde, fing er laut an zu schimpfen, so daß der Gottesdienst gestört wurde. Der Bursche soll nicht ganz zurechnungsfähig sein; wie ein Zeuge sazte, treibt er allerlei Nichtsnutzigkeiten. Der Sachverständige hält ihn für zurechnungsfähig; die Strafkammer erkannte deshalb auf eine Woche Gefängniß. — Anläßlich der Anwesenheit des Kaisers in Coblenz haben der Fabrikbesitzer G. Coppel in Solingen und der Bankier M. Beer in Essen den Charakter als Kommerzienrath erhalten. — Der Redakteur Kühn von der in Dresden erscheinenden antisemitischen „Deutschen Wacht" wurde zu 500 Mark Strafe verurtheilt. — Der ] Kaiser von Oesterreich hat dem Eigentümer und Leiter der Kaltwasserheilanstalt in Kaltenleutgeben, außerordentlichen Universitätsprofessor Dr. Wilhelm Winternitz, in neuerlicher Anerkennung seines Humanitären und gemeinnützigen Wirkens den Titel eines Regierungsrathes - verliehen. — Dr. Josef Hoff, Sohn des sel. Dr. Emil Hoff, Rabbiners ' in Proßnitz, wurde zum Rabbiner in Bisenz gewählt. — In Miskolcz ist Dr. Josef Groß, eines der ältesten und angesehensten Mit-; glieder der jüdischen Gemeinde, der 1843 Honvedoffizier war, gestorben. ' Er wurde auch mit militärischen Ehren beerdigt. — Der ehemalige; Judenknabe Mortara, welcher im Jahre 1868 viel von sich reden machte f — die treulose christliche Magd einer jüdischen Familie in Bologna hatte ein Kind derselben heimlich getauft, und die päpstliche Regierung hatte dann dasselbe nach Rom geschleppt —, ist, nachdem er nunmehr herangewachsen und Priester geworden ist, vom Papste zum Superior des bekannten Hospizes auf döm St. Bernhard ernannt worden. Er hat auch bereits mehrfach in katholischen Vereinen in Deutschland Vorträge gehalten, bezeichnet sich selbst als „Kind der VorseMM" und ist begeistert für den „heiligen" Papst Pius IX. — In Manche st er ist Sabbato Levy, früher Vorsteher der portugiesischen Gemeinde daselbst, ein angesehener und für das Wohl seiner Brüder eifrig thätiger Mann, gestorben. Er stammte aus Corfu, wo seine Familie sehr angesehen war. — Im Goldland Klondyke (Alaska) sind natürlich auch bereits 34 russische Juden glücklich angelangt; unter ihnen soll namentlich ein sechzehnjähriger Bursche, Bert Bernstein, einer der erfolgreichsten Goldsucher sein. — In San Paolo in Brasilien hat sich auch eine jüdische Gemeinde konstituirt, die neuerdings die Erlaubniß erhalten hat, einen eigenen Friedhof zu errichten. — In Indien leben nach der letzten Volkszählung (ohne Aden) 14 000 Juden, davon 10 000 in Bombay, die aber größtenteils moderne Einwanderer find. Doch giebt es auch ans alter Zeit an der Westküste zwei jüdische Kolonien, die sogenannten schwarzen und weißen Juden. Druck und Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Bauchwitz in Berlin.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.