Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1897)
- Date
- 1897-09-03
- Page
- [Seite] (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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61. Jahrgang. Ur. 36. Weikage üt^4 Berlin, 3. September 18S zur „Mkgerneinen Zeitung öes IuöenLHunrs". Korrespondenten und Nachrichten. Deutschland. 22 Berlin, 31. August. Ein hiesiges Antisemitenblatt brachte dieser Tage die folgende alarmirende Mittheilung: „Tolle Zustände dürften in der nächsten Zeit, wenn sich das Gerücht bewahrheiten sollte, im Geschichtsunterricht des hiesigen Andreas-Realgymnasiums einreisien. An dieser Anstalt ist bereits die Stelle eines ausgeschiedenen Historikers durch einen Herrn, der keine Lehrberechtigung in Geschichte hat, besetzt worden. Jetzt ist auch der zweite Historiker, Dr. Adolf Lent, gestorben, und an seiner Stelle soll nun der jüdische'.Hilfslehrer Dr. Jsmar Mosler angestellt werden. Auch dieser Herr ist nicht Historiker von Fach, sondern hat nur nebenher die Lehrberechtigung in Geschichte für Mittelklassen erworben. Gleichwohl ist er für die Stelle eines ersten Historikers in Aussicht genommen, wenigstens hat er auf Veranlassung des Stadtschulrathes schon Probeunterricht am Andreas-Realgymnasium ertheilen müssen. Da dürfte dann, ganz im Gegensatz zum Willen des Kaisers, die Heranwachsende Jugend nicht zu viel Geschichte lernen, und diese noch dazu vom jüdischen Standpunkte. Hoffentlich werden es sich christliche Eltern nicht gefallen lassen, daß ein Jude ihre Kinder in der neueren Geschichte unterrichtet." Zur Sache selbst erhalten wir von fachmännischer Seite folgende Berichtigung: Es ist durchaus noch gar nicht sicher, daß Herr Dr. Jsmar Mosler am Andreas-Realgymnasium angestellt wird. Selbst wenn er an der Anstalt eine Probelektion gehalten haben sollte, so spricht noch nichts dafür, daß er gerade dort Anstellung finden soll. Sollte dies jedoch zutreffen, so braucht selbst der Antisemit, der seinen Standpunkt auch in pädagogischen und didaktischen Fragen vertritt, nichts für die christlichen Schüler zu fürchten. Denn die Anstalt besitzt, was in dem Artikel ganz verschwiegen ist, auch nach dem Tode des Oberlehrers Dr. Lent noch zwei Historiker, Professor Seipoldy und Oberlehrer Wolff; also nie und nimmer kann die Bemerkung des Artikels zutreffen, Dr. Jsmar Mosler sei für die Stelle eines ersten Historikers in Aussicht genommen, da eine solche Stelle auf keiner höheren Lehranstalt existirt und selbstverständlich kein Direktor einem eben angestellten Kollegen unmittelbar den Unterricht in den obersten Klaffen anvertraue, umsoweniger , wenn er keine volle läeultas äoeenäi in dem Fache hat. An der zweiten Realschule hat Dr. Mosler nach Ausweis des letzten Osterprogramms im Sommer vorigen Jahres 15 Turnstunden, 2x2 Geschichtsstunden in den beiden Quarten und 2x3 Erdkunde in Quinta und Sexta ertheilt; im Winter 15 Turn-, 4 Geschichts- und 6 deutsche Stunden gegeben. Damit zerfallen jene Insinuationen in sich selbst. F. Berlin, 31. August. Die „Wissenschaftlich e Vereinigung jüdischer Schulmänner zu Berlin" hielt am 21. d. M. eine sehr zahlreich besuchte außerordentliche Generalversammlung ab. Der Vorsitzende, Herr Rektor Dr. Adler, eröffnete die Sitzung durch Verlesung eines Dankschreibens, welches Herr Landesrabbiner Dr. Feilchenfeld- Schwerin aus Anlaß der Beglückwünschung zu seinem 70. Geburtstage an die Mitglieder der Vereinigung gerichtet hat. Dann wurde in die eigentliche Tagesordnung eingetreten. Nach längerer Debatte wurden einige Abänderungen in den Statuten beschlossen. Diese betrafen den tz 5 über die Mitgliedschaft, § 7 über die Einberufung der Generalversammlung und § 11 über die Abstimmung der Generalversammlung bei Statutenänderungen. — Schließlich wurde noch ein Antrag eines Mitgliedes angenommen, nach welchem der Vorstand beauftragt wird, eine Geschäftsordnung für die Vorstandssitzungen und Vereinsversammlungen zu entwerfen. — Die nächste ordentliche Versammlung findet am 4. September statt, in derselben soll die Diskussion über die vom Herrn Kollegen Auerbach ausgestellten Thesen fortgesetzt werden. Berlin, 31. August. Im Norden der Stadt, wo es an derartigen Veranstaltungen bisher fehlte, hat sich ein Verein gebildet, der unter dem Namen „Wohlthätigkeits- und Synagogen-Verein Norden" Armenunterstützung und die Unterhaltung einer ständigen Synagoge sich zur Aufgabe gemacht hat. In der konstituirenden Versammlung wurde Herr S. Behrendt zum Vorsitzenden gewählt. — Die Synagoge befindet sich in dem den Cohn'schen Erben gehörigen Hause Schwedterstraße 248, I. Kp. Aus der Provinz Posen, im August. Der israelitische Lehrer Wolf in Wreschen ist zum Bevollmächtigten des Museums für Völkerkunde in Leipzig ernannt worden. Mit dieser Ernennung ist die Ehrenmitgliedschaft verbunden. — Bei der jüngst erfolgten Wahl von Vorstandsmitgliedern der Synagogengemeinde in Fordon sind die Herren Maier Baruch und Jacob Wolf gewählt worden. - Kaufmann Michaelis Seligsohn aus Samotschin feierte am 22. d. M. mit seiner Ehefrau das Fest der goldenen Hochzeit. Aus Anlaß dieser Feier hat der Jubilar der jüdischen Korporation in Samotschin 200 M. zur Verkeilung an Arme überwiesen. — In Rasten bürg starb kürzlich der Rentier Louis Colmar im Alter von 87 Jahren. Der Verstorbene war ein Förderer verschiedener Wohlfahrtseinrichtuugen, die er mit namhaften Geldbeiträgen unterstützte. In Anerkennung seiner Verdienste um die Stadt wurde ihm im Jahre 1890 anläßlich seiner goldenen Hochzeit von den städtischen Behörden das Ehrenbürgerdiplom überreicht. — Bis zum 1. Juli cr. zählte die Strafanstalt in Rawitsch zu denjenigen Anstalten, in denen an die jüdischen Insassen rituelle Kost verabreicht wurde. Es lieferten deswegen eine ganze Reihe von Landgerichten der östlichen Provinzen und auch Berlin die jüdischen Strafgefangenen nach Rawitsch ab. Ihre. Zahl betrug durchschnittlich 100. Nunmehr ist die Verabreichung ritueller Kost abgeschafft worden. Infolge dieser Verfügung werden die Gefangenen jüdischen Glaubens in den Strafanstalten der Provinz untergebracht werden, in der das Verbrechen begangen worden ist. — In diesem Monat beging Sanitätsrath Dr. A. Magnus in Königsberg sein 50jähriges Doktorjubiläum. Der Jubilar, ein Vorstandsmitglied der Provinzial-Taubstummenanstalt, hat sich anerkannte Verdienste um die Ohrenheilkunde erworben. o. Lüben i. Schles., 25. August. Zu einer erhebenden Feier gestaltete sich das Fest der goldenen Hochzeit, welches unser hochverehrter Mitbürger Herr Dr. med. Gradenwitz mit seiner Gattin heute beging, nachdem er bereits am 14. August 1891 sein 50jähriges Doktorjubiläum, am 16. Dezember 1894 das 50 jährige Bürgerjubiläum begangen. In der festlich geschmückten Synagoge, deren Erbauung zum nicht geringen Theil dem energischen Wirken des Jubilars als Gemeindevorsteher zu verdanken, fand Vormittags, eingeleitet durch erhebenden Gesang des Herrn Kantor Sommerfeld aus Liegnitz, durch Herrn Rabbiner Dr. Peritz von dort die feierliche Einsegnung des Jubelpaares statt, zu her, außer den Angehörigen von Nah und Fern, auch eine große Anzahl von Freunden und Bekannten aus der Bürgerschaft sich eingefunden hatte. In zu Herzen sprechenden Worten warf Herr Dr. Peritz einen kurzen Rückblick auf den Lebensgang des Jubelpaares und die allgemeine Verehrung, die es durch sein Wirken überall sich erworben, und überreichte, an die Verleihung des Rothen Adlerordens 4. Kl. an den Jubilar zum 50jährigen Doktorjubiläum erinnernd, die nunmehr dem Jubelpaare verliehene goldene Ehejubiläums - Medaille unter Verlesung des aus dem Civilkabinet des Kaisers dazu ergangenen Gratulationsschreibens. Mit nochmaligem Gesänge endete die schöne Feier im Tempel, nach der eine große Zahl Gratulanten in der Wohnung des Jubelpaares sich einfand. Eine Menge Depeschen, (u. a. auch von dem Ehrenbürger Lübens, Herrn Generallieutenant Hann von Weyhern in Berlin), viele Zuschriften (so z. B. des Vorstandes und der Repräsentantenversammlung der Synagogengemeinde Liegnitz) und Blumenspenden in reichster Ausstattung gingen im Laufe des Tages 'ein, den die Gefeierten im engeren Familienkreise verlebten. © Meiningen, im August. Vor Kurzem wurde der Handlungsgehilfe Karl Heimann hier wegen Gotteslästerung zu vier