Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1897)
- Date
- 1897-09-03
- Page
- Seite 431 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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431 „Liebe Hausfrau," — er hob von der Speise etwas weniges mittelst der Gabel in die Höhe und machte ein recht einfältiges Gesicht — >,liebe Hausfrau, was ist das da?" - „Nudeln mit Zucker und Zimmt," sagte sie. „Nudeln?" wiederholte er im Tone höchster Verwunderung — „Nudeln? Nach dem Geschmack hätt' ich geglaubt, es ist Sauerkrallt." Wenn Peeritz irgend Jemanden in der. Welt haßte, so waren es die wenigen Familien, in denen man ihm nicht mit jener Achtung und jenem Wohlwollen entgegenkam, welche er nun einmal beanspruchte. Aber er nahm dies nicht so ohne Weiteres hin, jede Demüthigung, die man ihm anthat, vergalt er. Herr Joachim Manasse gab ihm einmal eiuen halben Kreuzer. Peeritz faßte die Münze ganz sanft zwischen Daumen und Zeigefinger und legte sie anscheinend mit äußerster Vorsicht auf die innere Fläche der ausgestreckten linken Hand, die er nun unter fortwährendem Kopfschütteln den sich langsam vergrößernden Augen nahebrachte. Sodann blies er seine Wangen auf und pustete kräftig auf das kleine Geldstück, so daß es zu hüpfen begann; hierauf nahm er es wiederum mit derselben ängstlichen Vorsicht herab und ließ es. während er sein Ohr der Tischplatte nahebrachte, klingen. „Was treibt Ihr da, Peeritz, macht, daß Ihr fortkommt!" schalt Herr Joachim Manasse. Peeritz unterbrach seine Manipulation nicht einen Augenblick, hob aber den Kopf ein wenig in die Höhe und bemühte sich, dlunm drein zu schauen. ' „Lieber Herr, mir scheint." er kratzte sich wie in tiefster Verlegenheit hinter dem Ohr, „mir scheint, das ist ein falscher Kreuzer." „Geht mir mit Euren Dummheiten, Ihr wißt ja ganz gut, daß es kein Kreuzer ist, sondern ein halber." „Ein halber?" rief Peeritz erstaunt, „nehmt mirs nicht übel, Herr; Hab' ich doch so was noch nie gesehen!" Wiederum vertiefte er sich in den Anblick des Geldstückes, schüttelte den-Kopf und wartete auf die Wirkung seiner letzten Worte. „Bis jetzt," sagte er nachdrücklicher, „hat mir noch Niemand, einen halben Kreuzer gegeben." „WennJhr's nicht zufrieden seid, so laßt es bleiben und scheert Euch zum Kuckuck. Ueberhaupt weiß ich nicht, wie Ihr Euch untersteht, zu betteln, Ihr, so ein kräftiger Mensch,..der arbeiten kann —" Peeritz hörte dies alles mit der größten Gemüthsruhe an und zuckte uur mitleidig mit.den Achseln. „Lieber Herr," sagte er, „ich Hab' keine Arbeit, glaubt Ihr? Wenn Ihr und Eure Kinder einmal betteln geht, dann werdet Ihr schon sehen, wie viel Arbeit und Müh' man hat, bis irgend ein Knicker mit seinem Kreuzer herausrückt. . . Wißt Ihr was? Gebt mir noch einen halben." Roth vor Zorn hat der Hausherr die Thür aufgerissen. „Geht, oder —" „Was bemüht Ihr Euch, ich kann die Thür auch allein öffnen — ich werde gehen — meinetwegen — aber den halben Kreuzer könnt Ihr mir noch zulegen. — Nein? — Gut, hat man Dir den halben Kreuzer gestohlen, werd' ich denken — ein Dieb will ja auch leben in der Welt, dazu hat ihn Gott einmal erschaffen-" Nach einer halben Stunde war Peeritz.wiederum im Laden des Herrn Joachim Manasse ... dann kam er noch denselben Abend . dann am nächsten Morgen . ... bis er den zweiten halben Kreuzer in der Tasche hatte. , So trieb er es jahrelang. Peeritz Wurde älter, aber er änderte sich nur insofern, als sein Auftreten immer sicherer wurde; er nahm nicht einmal mehr die ,lange Pfeife aus dem Mund, wenn er ein Zimmer betrat; sein Appetit wuchs mit feinen Jahren. Einmal traf er bei^Herrn Glücklicher junior mit dem alten Herrn Joachim Manasse zusammen. Peeritz lächelte, Manasse wurde blau vor Wuth. „Ihr habt doch eben erst bei mir zu Mittag gegessen," schrie er, „und jetzt esset Ihr noch einmal bei meinem Sohn?" „Was wollt Ihr?" antwortete Peeritz ruhig und mit Würde, „ich Hab'mir gedacht, bei Einem wird man nicht satt, und Hab' mich vorgesehen/. . Und dann, sagt, lieber Herr, seid Ihr nicht selbst hergekommen, um noch einmal zu essen?" Einige Jahre darauf sammelte Peeritz Beiträge für die Mitgift seiner Tochter. „Was gebt Ihr Eurem Eidam?" fragte man. „Drillichau etwa?" „So lange ich noch gehen und mir hier mein Brod. verdienen kann," sagte er lachend, „kriegt er's nicht; aber erben wird er's" ... fügte er lustig hinzu. Nun ist er schon längst todt. — Unter den zahlreich durch Drillichau wandernden jungen und alten Bettlern findet man keine Peeritze ... keine Jumins . . . keine Originale ... keine Genies keine Humoristen. . . Sie tragen wohl schäbige Atlaspekeschen, aber es ist nicht der alte Geist, der darin steckt. Nicht einmal ihr Appetit fällt auf. Der Nachwuchs ist mißrathen. . . Peeritz ist. längst todt. Der Erbe aber hat sich bis zum heutigen Tage nicht gezeigt. In Drillichau denkt man des Todten noch, und wenn ein junger, rothwangiger Bursche, den Hut auf dem Kopfe, einen Laden betritt, fragt wohl der eine oder andere Krämer: „Ihr, habt Ihr nicht Drillichau geerbt?" Hm, es giebt auch Leute, die den Kerl, ohne erst diese Frage zu stellen, einsperren lasten. Fitterarifche Mittheilungen. — Jüdischer Volks- und Haus-Kalender für 1898. Mit einem Jahrbuch zur Belehrung und Unterhaltung. Herausgegeben von Dr. M. Brann. Breslau 1897. Mit gewohnter Pünktlichkeit ist soeben im Schatzky'schen Verlage zu Breslau der Jüdische Volks- und Hauskalender für 1898 erschienen. Der Herausgeber hat wiederum mit großer Sorgfalt das Kalendarium zusammengestellt, das sowohl,in deutscher wie in hebräischer Sprache abgefaßt ist. - Werthvolle Beiträge weist auch in diesem Jahre das Jahrbuch auf, das zunächst den Abdruck der stimmungsvollen Rede bringt, die Rabbiner Dr. Rosenthal an der Bahre Jsaac Bambergers im Aufträge der Allmnes israölite gehalten hat. Sodann giebt Dr. N. Samter eine erschöpfende geschichtliche Betrachtung der Frage, ob es im Geiste unserer Religion sei, Mission zu treiben, um Andersgläubige zu bekehren. Die hochinteressante Darstellung, die von der großen Vertrautheit des Verfassers mit der einschlägigen Litteratur Zeugniß giebt, wird, wie wir hören, noch in besonderem Abdruck einem weiteren Leserkreise zugänglich gemacht werden. Der Herausgeber selbst hat sich in diesem Jahre nicht durch eigene Darbietungen am Jahrbuch betheiligt; die Einleitungen indeß, die er zu der um das Jahr 1840 entstandenen Novelle „David Jsaac" von Dr. Wilh. Freund und zu den Trauerreden. Joel Loewes und Bröses auf den Tod des Königs Friedrich Wilhelm IL{1797) giebt, zeigen ihn auch diesmal bestrebt, das Jahrbuch zu einer möglichst werthvollen Beigabe des Kalenders zu gestalten. A. — Herrn. L. Strack: Grammatik des biblischen Aramäisch. Zweite, größtentheils neu bearbeitete Auflage. Leipzig .1897. I. C. Hinrichs. Die Thatsache, daß in so kurzer Zeit eine zweite Auflage des Buches von Professor Strack über das biblische Aramäisch nothi wendig geworden, spricht sicher für den Werth der Arbeit selbst. Diese enthält aber nur die Grammatik, denn Texte und Wörterbuch hat der , Verleger, um einen billigen Preis stellen, zu können, gleich in doppelter Auflage drucken lassen: sie sind also diesmal unverändert geblieben. Die Grammatik ist erheblich erweitert. Um auch Denen, welche etwas