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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-03 · Heft 36 (3.9.1897) · p. Seite 430

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 36 (3.9.1897)
Date
1897-09-03
Page
Seite 430 (sequence 10)
Language
German
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WW 430 Danials war Peeritz noch stolz, und so ging er denn murrend davon, ohne den Kreuzer zu nehmen; in der Folge aber mußte er sich dazu Herbeilaffen, denn nur eine geringe Anzahl der Leute fand es für gut, ihm mehr zu geben. Diesen Wenigen gegenüber äußerte er sich einmal: „Was nützt mir meines Schwähers Wort, wenn Drillichau es nicht hält!?." Man ist nie dahinter gekommen, ob der alte Jumin, mit der Einfalt seines Schwiegersohnes rechnend, diesem in der That das' Städtchen als unumschränkten Bettelrayon Z zugewiesen habe, ob Peeritz, wenn dieses auch der Fall gewesen, fest an die Wirksamkeit einer solchen Zuweisung glaubte; Thatsache ist, daß er zu glauben schien und zu glauben behauptete — und . dies verlieh seinem Auftreten eine sichere Grundlage, seinem Benehmen jenen Stolz und jenen gewissen Hochmuth, der oft Leuten, die aus ihr gutes Recht pochen können, eigen ist, jenen heiteren Gleichmuth, der sich durch nichts aus der Fassung bringen läßt. Dieser Glaube machte ihn unempfindlich gegen jede Beleidigung, gegen jeden Schimpf, jeden „ Vorwurf . . . er lächelte nur, zwinkerte mit den Augen und gab sich den Anschein, als ob er den Scherz, den man sich gegen ihn - erlaube, ganz gut verstehe und durchschaue . machte ihn schließlich zur Geißel, zum Brandschatzer des Städtchens, welches seiner nimmermehr ledig wurde. Unter allen Umständen hob er seine wöchentliche Steuer ein, sowohl von Denen, die ohne Weiteres, als auch von Denen, die ungern damit herausrückten; er war in dieser Beziehung von einer den kräftigsten Widerstand überdauernde Geduld. Dabei lag in der Art, wie er die verschiedenen Parteien behandelte, eine gewisse Methode, deren Zweckmäßigkeit nicht in Abrede zu stellen ist. In Häusern, wo die Leute ihn gern sahen, gut traktirten und fortfuhren, ihm nach wie vor vier Kreuzer zu geben, überquoll er von Scherzen und Schelmereien, lobte das Essen und ließ sich herbei, den Frauen in einer Weise 311 schmeicheln, die bei ihrer Plumpheit einer gewiffen Anmuth nicht entbehrte; so verabschiedete er sich von der Hausfrau nie anders als mit den Worten: „Möchten Sie mir nicht einen einzigen Gefallen thun, liebe Frau?" „Was wollt Ihr, Peeritz?" wurde der Bursche gefragt, der lächelnd dastand und verlegen an seinem Barte zupfte. „Bleiben Sie mir hundertundzwanzig Jahre gesund und schön, liebe Frau," antwortete er herzlich, indem er rasch,, als fürchtete er, man könnte ihn zurückrufen und für diesen Wunsch besonders beschenken, das Zimmer verließ. Wenn man sich in solchen, ihm wohlgesinnten Häusern über seinen ungeheueren Appetit lustig machte, lachte er vergnügt mit und bestätigte auch wohl die Wahrheit dieser/ Thatsache durch ein oder das andere Geschichtcheu. ' „Soll mir Gott helfen," pflegte er zu sagen, „ich eff' gern gut, und ich eff' gern viel, und was die Hauptsache ist — Hunger Hab'/, ich immer . . . Seht Ihr, wie ich noch meinen Schwäher geführt - Hab' — Neb Jumin, lieber Hausherr, ist blind, aber dabei scharf.-o sichtiger als der „gute 'Jüd" — sind wir einmal über Sabbath geblieben in Czaniec bei der kleinen alten Wirthshäuslerin, Babtscha nennen sie die Fuhrleute, weil sie trotz ihres hohen Alters immer noch Hellen und heiteren Sinnes ist und Jedermann freundlich bedient. Kurz, versteht Ihr? — Wir sind also dort, und die Babtscha bringt uns Mittags eine große Schüssel mit gutem, fettem Effen. Gut! Wir machen uns drüber her. Reb Jumin spricht! und M ununterbrochen. . . ich sitz' ganz ruhig und sag' nichts, gar nichts . . . auch wenn er eine Frage stellt ... denn wozu soll man' reden, wenn man effen kann, Herr? — Auf einmal hebt Uteb Jumin die Hand, und eh' ich mich dessen versetz', Hab' ich Jhuen" einen gewaltigen Patsch im Gesicht. —;,Reb Jumin, was . patscht - Ihr mich?" frag' ich ganz niedergeschlagen. — „Warum soll ich Dich gepatscht haben, Peeritz?" sagt er. — „Nu, warum?" frag' ich. — „Darum", sagt er, „ich red' in einem fort und eff', sehr viel; - wieviel mußt.Du erst essen, der Du das Maul nicht aufmachst zu 'nem Wörtel." — Und er hat wirklich Recht gehabt, mein Schwäher. . .." Wenn er Verständniß für seine Geschichten fand, ,b. h. wenn sie nach Gebühr belacht und belobt würden, konnte er—freilich erst nach Beendigung des Mahles — stundenlang dasitzen und, umringt von den Kindern des Hauses, deren Augen »an den behaglich schmunzelnden, einem Würstchenpaare nicht unähnlichen Lippen des Bettelburschen hingen, der in seinem Sabbathstaate bürgerlich genug aussah, .und die Gesellschaft so lange ergötzen, bis diese, Helle Lachthränen im Auge, ihn inständig bat, aufzuhören. Begreiflicherweise drehten, sich seine Schwänke alle entweder um feinen Schwiegervater oder um seinen Appetit oder auch — und dies war am häufigsten der Fall — um beide zugleich. „Mein Schwäher," erzählte er oft, „mein Schwäher pflegte zu sagen: „Peeritz, mein Kind, ich eff'-wie ein blinder Mensch, Du wie ein blind Pferd." — Oder jene Geschichte, deren Pointe in Drillichau heutigen Tages noch ein geflügeltes Wort ist : „Da sind-wir einmal Beide beim Rabbi zu Gast; bei Tisch sagt Reb^Jumin, indem er den Kopf hebt und scharf zu mir hinhorcht: „Peeritzl,. mein Kind, iß doch, iß doch .. . ." und das sagt, er ein' paar Mal. — Der Rabbi schaut zu mir herüber und wundert sich über die Rede meines Schwähers, da er sieht, daß ich ordentlich zugreife, und er sagte, verweisend.: „Jumin, was wollet-Ihr doch von Peeritz, er isset doch . ." „So?" schreit mein Schwäher, „essen thut er? — .Das heißt Ihr essen, Rabbi? — Bei mir heißt das fressen!" Ein mitleidiges Lächeln besaß Peeritz für jene Leute, welche, wenn sie ihn auf ihr Haus zukommen sahen, sich rasch in den Geschäftsladen flüchteten und die Thür desselben zweimal absperrten. Er wußte ganz wohl, daß dies weiche Naturen seien, unfähig eines energischen Wortes, unfähig, einem Bittsteller von Angesicht 31t Angesicht „Nein" zu sagen, Schwächlinge, die sich lieber verbargen, als daß sie sich dieser Eventualität aussetzten, die widerwillig gaben, aber es am Ende doch thun mußten. Peeritz gegenüber nützten diese Manöver nicht das geringste. Ruhig näherte er sich der versperrten Thür und drückte die Klinke. Hierauf schüttelte er verdrießlich den Kopf, daß es der Mann aus seinem Verstecke heraus sehen mußte, und entfernte sich mit schweren, aümälig verhallenden Schritten . . . nicht weit, nur bis unter das Fenster. Dort blieb er ein wenig gebückt stehen und wartete, bis der Krämer vorsichtig die Thür öffnete und auf die Straße hinausspähte. In diesem Augenblicke stand Peeritz aber auch schon vor dem Zusammenfahrenden und sagte mit seinem breitesten Lächeln : „Einen. guten. Tag, lieber Herr!" Es ist niemals vorgekommen, daß ein derart Ertappter seine Steller nicht entrichtet hätte. Weit schwereren Stand hatte er mit Männern, wie Herr Jakob Hirsch Bandmacher einer wow oder Herr Joachim Manasse Glücklicher und dessen Sohn. Das war eine Sorte von Leuten, die ihm gegenüber weder Furcht noch Respekt fühlten, die seine Rechte auf Drillichau weder im Ernst noch im Scherz allerkennen wollten, Leute, die es wagten, ihn als ganz gewöhnlichen Dutzendbettler zu betrachten. Zwischen diesen Männern und Peeritz gab es immer harten. Streit und eine erbitterte Feindschaft, die unser Held , auf die Frauen zu übertragen für gut fand. Wenigstens hatte er Frau Bandmacher aufs Tiefste verletzt, als' er einmal als Gast ihres ' Tisches, von dem Inhalt eines, ihm mürrisch hingeschobenen Tellers kostend, die unschuldige Frage stellte:-

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