Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1897)
- Date
- 1897-09-03
- Page
- Seite 429 (sequence 9)
- Language
- German
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429 als bis ihm das Seine geworden. — Mit dem Rechte aber, auf welches > er sich immer und immer berief, hatte es eine eigene Bewandtniß. Mehrere Jahre hindurch war Peeritz. dessen Familienname niemals bekannt geworden ist, der Begleiter eines blinden Bettelmusikanten Namens Reb Jumin gewesen, eines alten Mannes, der weniger wegen der paar polnisch-jüdischen Gesangsweisen, welche er auf des Violine herunterkratzen konnte, als wegen seines schlagfertigen Witzes und eines unerschöpflichen Vorrathes an alten Schwänken sich einer gewissen Rufes und einer gewissen Beliebtheit erfreute. Als dessen Führer hatte Peeritz bettelnd das Land durchzogen, von Krakau aus gegen Schlesien zu über Dziadow. Drillichau und Biala; von hier aus wieder auf anderen, weit ausgedehnteren Wegen, welche selbst einige nördliche Komitate Ungarns berührten, nach dem Ausgangsorte zurück; als dessen Schüler hatte er — bis auf das Geigenspiel, für welches seine Hand sich als zu schwerfällig erwies — alle Meisterschaftsgriffe und Kniffe seiner freien Kunst erlernt, die in späteren Tagen ihn und seine Familie — wenigstens behauptete er, alljährlich Zuwachs erhalten zu haben — nähren und erhalten sollte. Und wenn Reb Jumin, in das Hans eines Drillichauer Glaubensgenossen — sie tragen seit jeher deutsche Tracht — oder in den Laden eines Krämers tretend, mit seiner heiseren, singenden Stimme lustig ausgerufen hatte: „Hei, Hausherr, Reb Jumin/ist da! Soll er eins aufspielen, was?" so ahmte dies Peeritz, als er das erste Mal allein ins Städtchen kam, insofern nach, als er mit einem Lächeln, welches sein ganzes, von röthlichem Bartflaum umrahmtes Gesicht in die Breite zog, halb frech, halb verlegen hervorstotterte: „Lieber Herr — Reb Jumins Eidam ist da." „Nun, und was wollt Ihr?" fragte man ihn in jedem Hause höchlichst verwundert. „Lieber Herr — ich bin Reb Jumins Eidam," antwortete er, noch breiter lächelnd, mit einem gewissen Nachdruck. „Viel Glück," sagte darauf der Hausherr, der mit seiner Arbeit beschäftigt sein mochte, lachend. „Ihr habt also Jumins Tochter geheirathet?" „Ja, Herr, die jüngste, die Riwka." „Also Töchter hat er auch gehabt, der alte Spaßvogel — sehe einmal —" „Warum soll er keine Töchter gehabt haben, Herr, wenn er drei Weiber gehabt hat? Er hat sieben Töchter gehabt." „Gerechter Gott, sieben Töchter, und alle hat er angebracht?" „Reb Jumin wird seine Töchter nicht anbringen!" erwiederte Peeritz, wie voller Mitleid für die Unwissenheit des Fragers. „Und Söhne?" „Söhne hat er nicht gehabt, aber vielleicht wird er-mit dem vierten Weibe-" „Ah. er hat wieder geheirathet, der Jumin?" . „Wie heißt, geheirathet? Er hat sich dreimal geschieden und viermal verheirathet, und wenn ihm Gott keinen Sohn schenkt, aber das Leben und die Gesundheit erhält, wird er sich noch einmal scheiden und noch einmal verheirathen." «Ihr spaßt, Peeritz." „Ich spaß', ich spaß'," wiederholte Peeritz ärgerlich; „was ist da zu spaßen?" „Und habt Ihr eine Mitgift bekommen?" fragte nun, nachdem er zur Genüge gelacht, der Hausherr. „Freilich habe ich eine bekommen, Herr." Peeritz' Gesicht verzog sich wieder zu einem merkwürdig einfältigen Lächeln. „Was für' eine?" „Nu — Drillichau hat er mir gegeben." sagte Peeritz mit einem unzufriedenen Brummen. „Was, der Teufel! Drillichau?" wurde erstaunt gerufen. „Ich Hab' Euch ja gesagt, ich bin Reb Jumins Eidam, und jetzt möchte ich das, was mein Schwäher immer gekriegt hat, lieber Herr." Für den gelungenen Scherz gab man ihm das Vierkrenzerstück, denn in Drillichau hat man seit jeher gern gelacht und sogar dafür bezahlt, wenn es gerade sein mußte. Aber Niemand zweifelte daran, daß Peeritz ein Hauptspaßvogel sei und den alten Witz aufgefrischt habe, um sich gleich das erste Mal vortheilhaft einzuführen. Etliche Monate hindurch wirkte dies noch einigermaßen. Die Drillichauer verstanden eben Spaß und machten sich ein Vergnügen daraus, Peeritz jenen Respekt zu erweisen, der ihm, als einem Manne, „der Drillichau zur Mitgift bekommen", gebührte. Die Würde, mit welcher der kaum dreiundzwanzigjährige Bursche diese scherzhaft gemeinten Huldigungen entgegennahm, sein/ wie von Verständnißinnigkeit sprechendes Augenblinzeln, sein Ernst, seine tiefe Versunkenheit beim Essen — man räumte ihm einen Platz am unteren Ende des Tisches ein, während sich andere Bettler mit der Bank in der Küche begnügen uiußten — sein erstaunlicher Appetit und die Art, wie er große Speisestücke mit der größten Leichtigkeit verschwinden ließ, seine derben, oft witzigen Bemerkungen, dies alles wurde ihnen eine Quelle steter Belustigung. Aber schon im Laufe der nächsten Monate verloren diese Dinge an Reiz, umsomehr, als Peeritz, die Zeit seines Beliebtseins ausnützend, am Freitag einer jeden Woche im Städtlein anlangte, um seinen einträglichen Rundgang zu machen und sich für den Sabbath zu Tische laden zu lassen. Man begann bereits mit den Almosen etwas sparsamer zu werden, und Einer — Herr Jakob Hirsch Bandmacher — machte den Anfang, Peeritz statt der bisher üblichen vier Kreuzer nur einen zu geben, und diesen zögernd und mit bedenklicher Miene. „Nu — u — u?" brummte der junge Bettler tief verletzt, indem er die Geldmünze unangerührt liegen ließ. Hierauf sah er Herrn Bandmacher eine Weile forschend und erwartungsvoll ins Gesicht. — „Ich nehm' keinen Kreuzer, lieber Herr," sagte er im Tone milder Zurechtweisung. „Dann laßt es in Gottes Namen bleiben," erwiederte der Gemaßregelte sehr gelassen, indem er den Kreuzer wieder zu sich steckte. Peeritz, welcher den Bewegungen Bandmachers funkelnden Auges gefolgt war, stotterte jetzt ergrimmt hervor: „Herr, ich bin Reb Jumins Eidam . . ." „Was geht mich Jumin an?" „Was er Euch angeht, was er Euch angeht? Sehr gut!" Er schob den Hut auf sein Hinterhaupt zurück und sah im höchsten Grade verwundert darein. „Was er Euch angeht? Drillichau ist meine Mitgift, lieber Herr — und Reb Jumin ist mein Schwäher." „Hört doch endlich mit dem dummen Spaß auf, oder ersinnt einen besseren!" antwortete Herr Bandmacher ärgerlich. „Spaß, Spaß! Was für,ein Spaß?" schrie Peeritz aufgeregt. „Daß Drillichau Eure Mitgift ist." „So, das ist bei Euch ein Spaß? Und ich sage und schwöre es Euch mit tausend Eiden, Reb Jumin hat mir Drillichau zugetheilt und nichts mehr — hätt' ich's nur nicht genommen! Der Rüben hat Kalwaria und Dziadow gekriegt." „Dann hat er Euch gefoppt, der Jumin." „Reb Jumin wird foppen! Mich wird Reb Jumin foppen! ' Lieber Herr, ich bekomme vier Kreuzer." „Sucht Euch den Narren, der sie Euch giebt!" lachte Herr Bandmacher, indem er den Kreuzer hervorzog und auf den Ladentisch legte.