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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-03 · Heft 36 (3.9.1897) · p. Seite 428

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 36 (3.9.1897)
Date
1897-09-03
Page
Seite 428 (sequence 8)
Language
German
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—— 428 Zu denkfaul ober, besser, deukunfähig, um generelle Behauptungen auf ihre Nichtigkeit zu prüfen, schenkt die Menge jedem politischen Hochstapler Gehör, „das Verdikt von einigen Männern, die zufällig im Besitze von öffentlichen Mandaten sind", genügt ihr. und steht ihr noch eine Hetze oder ein Skandal in Aussicht, da potenzirt sich ihre Heeresfolge in geometrischen Progressionen, weil der Kultus des Skandals, wie männiglich bekannt, mehr Bekenner zählt als alle Religiousgenossenschaften zusammen. Freilich wird der Tag der Ernüchterung nicht ausbleiben; aber wie viele Generationen werden an. uns vorüberziehen müssen, bis die ethischen und wirthschaftlichen Schäden gutgemacht sein werden, die mittlerweile angerichtet worden sind! Doch bleiben wir bei dem Judenliberalismus. Ja wohl, der Jude ist von Haus aus liberal. Denn sein Gott kündigte sich seinen Ahnen im ersten „Wort" des Dekalogs als ein Gott der Freiheit an. Er will keine Pharaonische Unterdrückung; darum führte er die Israeliten aus Aegypten, dem Lande der Sklaverei. Selbstverständlich konnte er auch keine anderen legislatorischen Bestimmungen kodifiziren lassen als solche, welche den Stempel des Liberalismus an sich tragen: Gleiches Recht für Alle, ob einheimisch oder fremd; Gleichheit vor dem Gesetz, ob reich oder arm, angesehen oder niedrig, ansässig oder eingewandert; Schutz der Arbeit; strenge Einhaltung der gebotenen Ruhetage sowohl seitens der Herrenleute als des Hausgesindes; Verpönung jedes Angriffes auf die Person, den Besitz und die Ehre des Nächsten; Schonung fremder religiöser Gefühle; Institutionen für die öffentliche Wohlfahrt; Jugendunterricht auf breitester Grundlage u. s. w. Das ist, in kurzen Strichen gezeichnet, die wahre Gestalt des Judenliberalismus! . . . Mit Recht konnte vor einigen Jahren ein damals hervorragendes und hochverdientes Mitglied unseres Abgeordnetenhauses, Sektionschef Ritter von G., anläßlich der Behandlung einer sozialpolitischen Gesetzesvorlage mir gegenüber die Aeußerung thun: „Wir gelangen erst jetzt dahin, wo Sie bereits vor mehr als 2000 Jahren waren." Wahrlich, kein Wunsch ist berechtigter als der, daß die Liberalen heutigen Schlages in gedachtem Sinne „judenliberal" sein mögen; die Herren Prinz Liechtenstein, Schneider, Gregorig, Geßmann 6 tutti quanti wären dann kaum im Stande, im Kampfe mit ihnen den Sieg davonzutragen. Denn „judenliberal" sein, heißt volksfreundlich sein, und volksfreundlich sein, heißt: für die Ideen der Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit sein! $ Nicht jeder Jude ist liberal, wie nicht jeder Bürger sein Verhalten nach den Grundsätzen regelt, die in dem Staate Geltung haben, welchem er angehört. Die Individualität, Gelegenheit, Umgebung wirken entscheidend auf das Gehaben des Einzelnen. Auch Korporationen Und Vereinigungen unterliegen der unerbittlichen Konsequenz dieses Gesetzes. j Es soll sogar Vorkommen, daß selbst Regierungen den Maximen nicht treu bleiben, deren Obhut ihnen anvertraut ist. . . Kann deshalb von der Untauglichkeit oder Verwerflichkeit dieser Maximen gesprochen werden? Der Gesetzgeber denkt diesbezüglich anders. Er läßt solche! Regierungen im berührten Falle in den Anklagezustand versetzen. Verdient also der Judenliberalismus deshalb verdammt,! verhöhnt und verspottet zu werden, weil nicht alle Bekenner de^ Judenthums seiner Fahne folgen?! Ob wohl der Judenliberalismus je zur Geltung kommen wird? Diese Frage kommt derjenigen gleich, welche lautet: Wird die Wahrheit je siegen? . . So lange die Lüge, die Verlemndung, der Neid, die Mißgunst ihre Orgien feiern und ihre Apostel unangefochten ihr Haupt hoch tragen dürfen, so lange muß die eine wie die andere Frage unerledigt bleiben. Erst mit dem Triumph des Rechts und der Niederlage großmäuliger Hetzer und verleumderischer Taugenichtse wird zum Heile der Menschheit die Bejahung dieser Fragen erfolgen können. MlffmtiOTiil l—I 1-—-1-:-—1 1—! I— imumwmn mwm m 1 | FEUILLETON | K I s immwuuiiii MWM 1 1—I I--1 —I nmonwummg^z MkMizZS I- „Seine Mitgift". Von Manuel Schnitzler. 0 t. (9jMTan konnte sagen, was man wollte; man konnte schelten, schreien und in den höchsten Zorn gerathen, dies alles rührte Peeritz nicht im geringsten. Ruhig blieb er stehen, wo er stand, die Hände iw den weiten Taschen seiner in allen Farben schillernden, stellenweise abgeschabten Atlaspekesche vergraben, und schaute nur verwundert um sich, als wollte er sehen, wem der unfrellndliche Empfang eigentlich gelte. . . Und wenn man es einmal über sich brachte, den rothwangigen Burschen zu einer Thür hinauszuwerfen, so durfte man zuversichtlich erwarten, daß er zu einer anderen wieder hereinspazieren werde, mit derselben Phlegmatischen Würde, demselben unerschütterlichen Lächeln auf dem lüsternen, breiten Munde. . . Dazu besaß er in solchem Falle so eine Art, mit den Augen zu zwinkern, so eine eigenthümliche Art, die sich nicht beschreiben läßt; es lag etwas ungemein Vielsagendes darin, eine ganze Kette unausgesprochener Schelmereien — so pflegt ein gut gelaunter Spitzbube einen zweiten, der sich gern vor ihm verstellen möchte, kameradschaftlich anzublinzeln. Es gab in der That Leute, die ihn für dumm hielten; die gehörten selbst nicht zu den Allerklügsten in Drillichau.. Andere dagegen meinten, er stelle sich nur dumm, was jedenfalls.keinen geringen Grad von Schlauheit erfordert. Was Peeritz selbst anbetrifft, so muß der Wahrheit gemäß gesagt werden, daß er sich weder um die Einen noch um die Anderen kümmerte; er gab sich gegen Jedermann in der gleichen einfältigen Weise, und so ist das Räthsel seines Wesens bis an sein Lebensende nicht gelöst worden. War er dumm? — Es kounte so scheinen. — Anders ließ sich wenigstens der Umstand nicht erklären, daß er das Almosen, welches ihm, dem starkknochigen, von Gesundheit strotzenden Bettlerburschen, ungern genug gereicht wurde, durchaus nicht als Almosen zu betrachten gewillt war, sondern als eine ihm kraft ehrlich erworbenen Rechtes gebührende Steuer... als eine Steuer, die er unter allen Umständen von den säumigen oder unwirschen Zahlern einzutreiben suchte, sei es durch List, sei es durch freundliches Zureden, hauptsächlich aber dadurch, daß er nicht eher vom Platze wich, 0 Wir freuen uns, heute unseren Lesern aus dem demnächst bei Fr. Schirmer, hier, erscheinenden Buche: „Drillichauer Lebensläufe" des rühmlichst bekannten Schriftstellers eine der hübschesten Geschichten mittheilen zu können. Bei dieser Gelegenheit lenken wir schon im Voraus die Aufmerksamkeit unserer Leser auf die sehr interessante Publikation. Die Red.

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