Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 36 (3.9.1897)
- Date
- 1897-09-03
- Page
- Seite 427 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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- Tunis 5× ep/1048155
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t4j> pZf P%sa>^ 42.7, orientalischen Stadt uns befinden, wo das Meiste so geblieben ist wie vor 1000 Jahren. Zu dem rein orientalischen Gepräge tragen nicht zum Wenigsten unsere Glaubensgenossen bei, die.in Tunis in einer Anzahl von ungefähr 45 000 Seelen vertreten sind. Wandert man durch die Suks, jene eigenthümlichen Läden, die an langen, gewölbten Hallen zu beiden Seiten entlang laufen, so sieht man unter den vielen Arabern so manchen Juden, der mit gekreuzten Beinen seinem Handwerk obliegt, ohne der Fremden zu achten, die ihn bei seiner Arbeit beobachten und sein Kostüm bewundern. Jetzt, wo die Juden nicht mehr nothwendig auf das Ghetto beschränkt sind, findet man sie in allen Theilen der Stadt. Das Ghetto selbst macht einen unangenehmen Eindruck, weil der langjährige, an allen Ecken und Enden aufgehäufte Schmutz ^üblen Geruch ausströmen läßt. Der jüdische Typus ist dort wie überall, wo Juden in größerer Menge leben, leicht zu unterscheiden; er gleicht, abgesehen von der etwas, dunkleren Hautfarbe, dem der europäischen Juden; ihre Art zu sprechen, das starke Gestikuliren zeigt eine enge Verwandtschaft mit dem des polnischen Juden. Das Handwerk ist bei ihnen stark vertreten, sie sind fleißig und nüchtern:' Am. interessantesten ist eine Wanderung durch das Ghetto am Sonnabend und den anderen jüdischen Feiertagen, an denen die tunesischen Juden großen Luxus in der Kleidung entfalten; es strotzt nur von Gold und Silber am Turban, über den die Frauen einen seidenen Mantel geworfen haben. Sehr graziös, freilich schreiten sie nicht einher, denn dem einheimischen Geschmack zuliebe thun sie ihr Möglichstes, ihren Körperumfang zu. vergrößern, und so sieht man ganz unförmliche Massen sich schwerfällig über die Straße bewegen. Dabei ist das Gesicht oft von seltener Schönheit, und klassische Profile sind häufig zu. finden. Das Arabische der tunesischen Juden ist mit manchen hebräischen Ausdrücken untermischt und macht infolge der oben erwähnten Charaktereigenthümlichkeiten einen ganz anderen Eindruck als das des Arabers, der zwar auch sehr lebhaft, aber mit einer Naivetät spricht, die dem Juden fremd ist. Es herrscht zwischen Arabern und Juden nicht das beste Eiiwernehmen. Der Araber ist von Hause aus wenig intelligent, gleichgiltig, träge. Seine Philosophie besteht darin, daß er sich in die Sonne setzt und seine stets müden Glieder von derselben bescheinen läßt oder im Cafe auf Teppichen hingestreckt mit feinen Stammesangehörigen Gedanken von zweifelhafter Güte austauscht. Bequemlichkeit ist sein Lebenszweck. Was Wunder also, wenn der Jude, der von Natur arbeitsamer und intelligenter ist, nach und nach zu Wohlstand gelangt ist, während die Araber mit der Zeit ihr Hab und Gut verlieren! . So bewohnt ein großer Theil der tunesischen Juden seine eigenen Häuser im europäischen Stadtviertel, und dort sehen die jüdischen Frauen mit ihren wohlgenährten, fröhlichen Gesichtern, zum Fenster hinaus, denn sie. sind, wie die meisten Angehörigen ihres Geschlechts, außerordentlich neugierig. Man muß streng scheiden zwischen tunesischen und eingewanderten, meist Livorneser Juden. Zwar haben viele tunesische Juden sich im Kostüm europäisirt, aber ihrer eigenthümlichen Art, das Französische und Italienische zu sprechen, merkt man doch an, daß ihnen die Europäisirung nur halb gelungen ist. Komisch aber wirken solche, die zwar in der Kleidung Europäer geworden sind, aber keine europäische Sprache beherrschen. Die Gemeindeverhältniste sind ziemlich verwickelte. . Wie äußerlich, so sind tunesische und Livorneser Juden auch religiös geschieden und zerfallen demgemäß in zwei Hauptgemeinden. Tritt man in eine der vielen Synagogen, die in sehr primitivem Stile erbaut sind^ so ist man zunächst überrascht von dem Lärmen und Schreien,' das den Vergleich mit einem polnischen Cheder naherückt. Ich höre und sehe im ersten Augenblicke nichts. Von allen Seiten werde ich gemustert, aber nur eine kleine Weile ,wird die Neugier der Anwesenden in Anspruch genommen, dann wird laut weiter gebetet oder gesprochen. Der Ritus ist der sephardische. Die eingeborenen Juden sind fanatisch orthodox und halten andere Elemente von sich fern. Die' Livorneser Juden machen langsam den Prozeß durch, dem die Juden aller Länder infolge der engen Berührung mit anderen Konfessionen unterliegen. In Tunis leben so viele Religionen neben einander — Mohamedaner, griechische Katholiken, römische Katholiken, Protestanten, Anglikaner, Kopten —, daß nothwendigerweise die Toleranz sich entwickelt und manche Härten abgestreift werden. Trotzdem findet man heute noch in Tunis am Sonnabend 'eine ganze Reihe von Läden geschlossen, und mail kann sagen, daß an allen jüdischen Festtagen der Handelsverkehr stockt. Im Uebrigen sind auch in Tunis alle Schattirungen religiöser Ueberzeugung vertreten; nur freilich ist man dort nicht gewöhnt, über religiöse Probleme nachzudenken, und läßt sich ausschließlich von Nützlichkeitsrücksichten leiten. Unter den Juden giebt es eine Reihe von Personen, die einflußreiche Stellungen bekleiden. So der General oder Bey, Mr. Valensi, der mit einigen 60 Orden dekorirt ist und den.formellen Herrscher vom Tunis bei allen offiziellen Gelegenheiten zu vertreten hat. Manche eingeborene Juden sind in den französischen Staatsverband getreten und als Beamte im Staatsdienst thätig. Im Allgemeinen kann man sagen, daß Tunis von Antisemitismus im öffentlichen Leben frei ist; jedenfalls sind die Verhältnisse denen in Algier durchaus unähnlich. Das liegt zum großen Theil an der Verschiedenheit der Verwaltungsform. Algier ist ganz französische Provinz, und die Zugehörigkeit zu Frankreich in dieser Eigenschaft hat alle Parteiungen erzeugt, wie sie! dort bestehen. Algier ist ein- Herd des Deutschen- und des Judeni Hasses. Tunissteht in loserem Zusammenhang mit Frankreich. Es! ist dem Lande ein.Schein von Unabhängigkeit gelaffen, und in jedem! Falle ist dafür gesorgt, daß Veränderungen in den früher bestehenden Verhältnissen nur schwer eintreten können. Einen wesentlichen 5 Einfluß mag auch die überwiegende Mehrzahl von Italienern haben, denen ja der Antisemitismus von Natur fremd ist. Frankreich hat selbst immerfort über sein ungerathenes Kind Algier zu klagen, währendes mit Stolz jedesmal auf Tunis hinweist, wenn man seine kolonisatorischen Fähigkeiten in Frage stellt. Freilich ist jetzt über Tunis eine Handelskrise hereingebrochen, unter der außer den Franzosen Alle zu leiden haben. Das ist aber jedenfalls ein transitorischer Zustand. Der Sommer mit seiner dauernden Trockenheit ist überhaupt eine unangenehme Zeit für Tunis. Auch ich, von den Strahlen der Sonne schon halb geröstet, habe meine. Zelte abgebrochen und mich über das mittelländische Meer nachdem kühleren Norden geflüchtet, dem ich bis auf Weiteres treu bleibe. Aphorismen. § u b e n <$ i 6 e r a C i $ m u s. Von Ernanuel Baumgarten. usere unter dem Zeichen der Rassentheorie kämpfenden Gegner glauben, jeder Tendenz fortschrittlichen Strebens das Kainszeichen der Verwerflichkeit auf die Stirn zu drücken, wenn sie dieselbe als Ausfluß des Judenliberalismus bezeichnen. Es ist ebenso betrübend als beschämend, daß dieses Schlagwort thatsächlich es vermochte, gar Viele^ entweder abzuhalten oder abzuwenden dom Wege aufgeklärter Weltanschauung.