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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-03 · Heft 36 (3.9.1897) · p. Seite 426

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 36 (3.9.1897)
Date
1897-09-03
Page
Seite 426 (sequence 6)
Language
German
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426 Dieser erfreuliche und anerkennenswerthe Fortschritt im jüdischen Religionsunterricht ist jedoch nicht allgemein hier zu Lande sichtbar, denn trotz all dem Gesagten giebt es noch in England, Tausende von jungen jüdischen Kindern beiderlei Geschlechts, die nichts mehr von der jüdischen Religion wissen als etwa das Gebot und Verbot hin- ' sichtlich des „Mazzoth"-Effens am Pesiach und des Nichtessens von . „trefenen" Speisen während des ganzen Jahres. Was die Sache noch viel auffallender macht, ist der Umstand, daß nämlich solche Kinder meist die eingewanderten russischen Juden zu Eltern haben, die in ihrer früheren Heimath die obskursten und unsinnigsten Gebräuche niit der größten Rigorosität zu beobachten pflegten, jetzt aber alle ihre religiösen Pflichten nach der Küche verlegen und daher ihre Sprößlinge in demselben Sinne aufwachsen lassen. — Die Anglo Jewish Association in London hielt jüngst ihre jährliche Versammlung, bei welcher Gelegenheit der Präsident derselben, Mr. Claude Montefiore, eine Ansprache hielt, worin er auf die vielfache Thätigkeit des Vereins während des verflossenen Jahres hinwies. Auf Einladung des Präsidenten sprach auch der Chief Rabbi Dr. Adler, der zugegen war, einige Worte, die gerade jetzt von allgemeinem Interesse sein dürften. Er sprach nämlich von dem bevorstehenden Zionisten-Kongreß in Basel, und indem er diesen als einen gewaltigen Jrrthum (egregnios dlunäer) bezeichnete, erklärte er sich zugleich auch mit den Ansichten völlig einverstanden, die eine Anzahl hervorragender deutscher Rabbiner hinsichtlich desselben vor Kurzem kund gegeben haben. „Er sei," sagte Redner „von glühender Liebe für Zion erfüllt und verspreche sich viel Gutes und Nützliches von der Gründung jüdischer Kolonien im heiligen Lande, doch müsse er Dr. Herzls Idee hinsichtlich der Gründung eines separaten jüdischen Staates als höchst gefährlich und schädlich erklären, zumal sie außerdem mit den Lehren der Propheten und' den Traditionen des Judenthums nicht in vollem Einklang stehe." Zum Schluß glaubte Redner mit Sicherheit annehmen zu dürfen, daß, . mit wenigen Ausnahmen, die ganze englische Judenschaftseinein der fraglichen Angelegenheit abgegebene Meinung vollständig mit ihm theile. — Ein Buch ist jüngst in London erschienen, das in jüdischen wie nichtjüdischen Kreisen einiges Aufsehen erregt hat. Zwar habe ich schon vor einigen Wochen über eben dasselbe Buch eine kurze Notizin diesen Blättern gebracht, doch ist der Inhalt desselben von solcher allgemeinen Wichtigkeit, daß er eingestandenermaßen eine längere Besprechung verdient. Das fragliche Buch hat bisher blos als Manuskript existirt und einen gewissen Thomas von Monmouth (lebte um das Jahr 1150 in Norwich, England) zum Verfasser gehabt, der demselben den Titel gab: „Das Leben und die Wunderthaten (oder die Leiden) des heiligen William." Nun ist dasselbe vor Kurzem unter der Editorschaft des Domherrn Jessop und des' Dr. James in Buchform erschienen, und aus dem Inhalte desselben ergiebt sich, daß es die ursprüngliche Quelle bildet, woraus das bekannte Märchen hinsichtlich des Gebrauches von Christenblut von Seiten der Juden am Pessachfeste entsprungen ist. Die Genesis dieser abscheulichen Sage ist wie folgt. Am 26. März des Jahres 1144, welcher Tag gerade mit dem ersten Peffachtage übereinstimmte, wurde die Leiche eines christlichen Knaben, Namens Williams, in einem unweit von Norwich gelegenen Walde aufgefunden und von dem Finder oberflächlich begraben und leicht mit Erde verschüttet. Als die Verwandten dieses Knaben, der Identifikation .wegen, das^ Grab öffneten, soll sich die Leiche zweimal bewegt haben, welcher' Umstand die Verwandten in Schrecken versetzte und sie veranlaßt, schnell zu den wahrscheinlich fanatischen Kirchenvätern des Ortes zu laufen, um ihnen das göttliche Wunder mitzutheilen. Von dieser Mittheilung hofften sie, daß' erstlich dieser Wunderknabe von der Kirche zum „Heiligen" gestempelt, und dann, daß jeder von ihnen als naher Verwandter geistige und materielle Vortheile ziehen würde, in "welchen Hoffnungen sie sich späterhin wirklich nicht getäuscht haben. Natürlich folgte eine gerichtliche Untersuchung der Mordthat, und einer der anwesenden Zeugen behauptete, er hätte den Knaben kurz vor seinem Tode in dem Judenviertel von. Norwich gesehen, ergo müsse er von den dortigen Juden zu irgend einem Zwecke getödtet worden sein. Nun traf es sich, daß ein damals in Cambridge wohnender getaufter Jude, Namens Theobald, der von dem Vorfälle gehört, wahrscheinlich, um sich bei seinen Brodgebern einzuschmeicheln, als freiwilliger Zeuge auftrat und erklärte, daß seine früheren Glaubensgenoffen alljährlich am Passahfeste in irgend einer europäischen Stadt das Blut eines christlichen Knaben gebrauchten. Diese Aussage des jüdischen Täuflings gab den Ausschlag, und Ersterer kann daher, als der eigentliche Urheber dieses schrecklichen Blutmärchens angesehen werden, das zu seiner Zeit in Norwich und später in verschiedenen anderen Städten des Kontinents so viel Elend den Juden verursacht hat. — „Und sie bewegt sich doch", nämlich die jüdische Liturgie in England. Dies wurde dadurch bethätigt, indem auf Dr. Adlers Veranlassung das bekannte njWTI Gebet in etwas veränderter Form jetzt in allen orthodoxen Synagogen des britischen Reiches an Sabbath und Festtagen recitirt wird. .Daraus geht nun klar und deutlich hervor, daß die bisherige noli nie tangere- Politik hinsichtlich des ewigen Beibehaltens eines jeden im Gebetbuche vorkommenden Wortes, weil es eben von Alters her daselbst gedruckt steht, nicht länger Stich hält. Der Anfang ist somit gemacht. und da diese kleine Modifikation in der bestehenden jüdischen Liturgie dem ganzen Gottesdienst nicht den geringsten Schaden verursacht hat, so steht zu hoffen, daß sie nicht für immer vereinzelt bleiben werde. Das B'Wn 28 Gebet z. B. in seiner jetzigen Form ist ebenso out of place, wie das hebräische Fürstengebet in seiner früheren Form gewesen ist. Eindrücke aus Tunis. Von Dr. Adolf Weißmann. ^das letzte Mal stellte ich mich den Lesern Ihres geschätzten Blattes von Florenz aus vor. Damals erzählte ich Ihnen von den Verhältnissen der Juden in Italien, von der Verschiedenheit ihrer Stellung bei uns und in dem Lande der Freiheit. Der Wandertrieb führte mich im stürmischen Dezember fort von der Stadt Dantes, die mir zur zweiten Heimath geworden, nach Tunis, der eigenartigsten Stadt am Gestade des Mittelmeeres. Fast drei Jahre hatte ich in der Arnostadt geweilt,' die Sprache des Landes wie meine Muttersprache handhaben gelernt, und nun ging's hinaus in einen anderen Erdtheil, in eine arabische Stadt, wo nichts mehr von geistiger Rührigkeit vorhanden, wo die Kultur nur spärliche Vertreter hat. Denn wie gering auch örtlich die Entfernung zwischen Italien und Tunesien ist, so hat man doch gleich bei der Einfahrt in den Golf von Tunis den lebhaften Eindruck, daß man sich einem neuen Erdtheil nähert; die weißen Häuser von Capo Cartagine, die zur Rechten im Morgenroth strahlen, künden ihn dem überraschten Auge schon von Ferne an. Wenn wir landen, wenn wir in die Stadt eintreten, dann wird uns klar, daß sich mit einem Schlage unsere ganze Umgebung verändert hat, daß wir in einer;

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