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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-03 · Heft 36 (3.9.1897) · p. Seite 425

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 36 (3.9.1897)
Date
1897-09-03
Page
Seite 425 (sequence 5)
Language
German
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'125 idealen als materiellen Gründen warm den Anschluß empfehlend, damit wir — was wir ja in Hessen — Gott Lob! — schon haben — auch den Lehrern in anderen Landestheilen helfen, befriedigende Anstellungs¬ und Einkommensverhältnisse, Alters- und Reliktenversorgung zu ihrem Wähle wie auch zum Wohls der israelitischen Schulen zu erlangen. Bittend, bei der Beurtheilung der Frage sich in keiner Weise von irgend welchem religiösen Standpunkte leiten zu lassen, da auch bisher der religiöse Standpunkt nie von Einfluß weder auf das freundschaftliche Berhältniß der einzelnen Lehrer zu einander noch auf die Berathungen in unseren Jahresversammlungen gewesen sei, und die Bestrebungen der Lehrervereine eine Betonung des religiösen Standpunktes weder nothwendig machen noch dulden, suchte Referent in treffenden Ausführungen den im vorigen Jahre geltend gemachten Ablehnungsgrund (die Befugniß des D.-J. G.-B., ein Mitglied in den Verbandsvorstand zu delegiren) zu widerlegen. Die Gegner des Anschlusses, in deren Namen hauptsächlich Herr Spiro-Schenklengsfeld sprach, hatten die größten Anstrengungen gemacht, den Anschluß zu verhindern. Sie hatten besondere Versammlungen veranstaltet und sich sogar aus fremden Vereinen einen Agitator kommen lassen. Bis auf den letzten Mann waren sie trotz der großen Entfernung nach Kassel gekommen, Leute sogar, die es sonst fast nie der Mühe werth hielten, selbst nach näher gelegenen Konferenzorten zu kommen. Neben obigem Grunde machten sie in diesem Jahre entgegen ihren voriges Jahr gegebenen Versicherungen auch religiöse Bedenken geltend. Die Freunde des Anschlusses gaben nach, weil sie befürchten mußten, daß anderenfalls der Fortbestand der Konferenz in Frage gestellt sein könne, und gaben ihre Zustimmung zu dem Vermittelungsantrage des Herrn Strauß-Gelnhausen, auch jetzt noch eine abwartende Stellung, einzunehmen. Aber noch am Konferenztage thaten sich vorläufig ca. 25 Mitglieder zusammen und bewerkstelligten, ohne damit aus der israelitischen Lehrerkonferenz Hessens auszuscheiden oder auch nur ihr Berhältniß zu derselben beeinträchtigen zu lassen, ihren Anschluß an den Verband als „Freie Vereinigung", die Geschäftsführung dieser „Freien Vereinigung" hat vorläufig Kollege Amram- Borken übernommen. — Trotzdem nun Schreiber dieses Berichts es in der Ordnung findet, daß dem D.-J. G.-B. die erwähnte Befugniß zuerkannt worden ist, nicht allein, weil er dem Verbände die bedeutenden Mittel zahlt, und obwohl er das Auftreten gegen den D.-J. G.-B. als eine Undankbarkeit bezeichnen muß bei all dem, was derselbe für Lehrer und Schule bereits gethan hat, und dies auch unverständig ist, wenn man denkt, was er noch für sie leisten kann und wird, möchte Schreiber dieses doch zu erwägen geben, ob es bei der Erregung, die durch die betreffende Bestimmung des Statuts in weitesten Kreisen hervorgerufen ist, nicht doch rathsam wäre, wenn im Interesse der Sache der D.-J. G.-B. auf die erwähnte Befugniß Verzicht leisten würde. Schreiber dieses ist überzeugt, daß der D.-J. G.-B., wenn er sich hierzu entschließen sollte, doch auch weiterhin den Lehrern und auch ihrem Verbände sein Wohlwollen nicht entziehen würde. Von besonderer Wichtigkeit war auch die Besprechung des. neuen Besoldungsgesetzes und seiner Bedeutung für die israelitischen Lehrer des Regierungsbezirks Kassel, welcher ebenfalls ein vom Kollegen Amram-Borken erstattetes Referat zu Grunde lag. Bedauert wurde daß vorläufig § 4 auf die israelitischen Lehrer Anwendung nicht finden wird und sie für ihren so schwierigen Kirchendienst nicht entsprechend entschädigt werden sollen. Die anwesenden Vertreter der Vorsteherämter riethen von einer weiteren Verfolgung dieses Gegenstandes bei den Behörden ernstlich ab und stellten dagegen eine hoffentlich annähernd befriedigende Lösung durch.die Vorsteherämter in Aussicht, was mit herzlichem Danke ausgenommen wurde. Die Jahresversammlungen sollen fortan statt wie bisher am ersten Montag im Juli in der Pfingstwoche stattfinden. Ein weiterer Antrag Amram, die Versetzung der israelitischen Schulstellen bei Vakanzen betreffend, wurde dem Ausschuß zu geeigneter Verwendung überwiesen. Auf der nächsten, zu Fulda stattfindenden Jahresversammlung wird Kollege Amram-Borken Vortrag halten über die Frage: „Wie ist die Volksschule im jetzigen Regierungsbezirk Kassel entstanden, wie hat sie sich entwickelt, und was hat sie geleistet? Damit war die Tagesordnung erledigt. Mit herzlichen Dankesworten an Herrn Gutkind für die musterhafte Leitung der Verhandlungen ging man aus einander. Das gemeinschaftliche, im Hotel Meier eingenommene Mahl rief nach den ernsten Debatten bald wieder eine gehobene, heitere Stimmung hervor. Herr Gutkind brachte das Kaiserhoch aus, Herr Oppenheim- Treysa trank auf den Vorsitzenden und Herr Strauß-Gelnhausen auf die Gäste, von diesen toaistete Herr Dr. Munk auf die Konferenz und Herr Bankier Plaut auf die Frauen. Erst mit den Spätzügen trat man die Rückreise in die Heimath an mit dem Bewußtsein, einen zwar an Arbeit und Erregung reichen, aber doch auch erhebenden Tag verlebt zu haben, und mit dem Wunsche, im nächsten Jahre zu Fulda ein frohes Wiedersehen zu feiern. Briefe aus England. Von Rev. Dr. Chotzner in Belfast. eine zwei vorhergehenden, in diesen Blättern bereits abgedruckten Briefe beschäftigten sich hauptsächlich mit der Beschreibung des Fortschrittes, den die Juden in England während der langjährigen Regierungszeit der Königin Victoria in religiöser und sozialer Beziehung gemacht haben. Ein passender Anhang zum Inhalt der besagten Briefe dürften wohl die nachstehenden Bemerkungen sein, die auch auf den Fortschritt Bezug haben, den der jüdische Religionsunterricht während der genannten Zeitperiode hier zu Lande erzielt hat. Wer die einstige und jetzige Qualität und Quantität des jüdischen Religionsunterrichts in England etwas näher ins Auge faßt und sie im Geiste vergleicht, der wird sicherlich den bekannten Weisheitsspruch des Kohelet als wohlbegründet erachten, der da lautet: „Sage nicht, wie sind doch die Tage der Vergangenheit besser gewesen als die der Gegenwart, denn nicht aus Weisheit sprichst du dergleichen." Vor etwa einem Jahrhundert war nämlich der Religionsunterricht bei der ältesten und damals einzig anerkannten jüdischen Gemeinde in London, der spanisch-portugiesischen, in einem höchst verwahrlosten Zustande. Ein solches Zeugniß wurde nämlich darüber von dem Chacham Nieto (starb im Jahre 1773) abgegeben, der die jüdischen Schüler der damals bestehenden sephardischen Religionsschule als höchst unwissend erklärte und zugleich auch ihre eigene Disziplin und die ihrer Lehrer nicht wenig tadelte. Als im Jahre 1779 die sephardische Gemeinde ein Komitee aus ihrer Mitte ernannte, um,, die Lehrmethode in der fraglichen Schule und die daselbst erzielten Erfolge zu untersuchen und nachher darüber einen Report zu veröffentlichen, da sah sich das fragliche Komitee genöthigt, nachdem es die verlangte Untersuchung veranstaltet hatte, der Wahrheit gemäß folgenden, noch jetzt vorhandenen kurzen Bericht abzugeben: „Die Gemeindeschule wird von 64 Schülern (Schülerinnen gab es damals noch keine) besucht,, welche alle während einer sieüen- bis achtjährigen Zeitperiode ununterbrochen daselbst Religionsunterricht genossen haben. Von diesen Schülern können nur acht Hebräisch lesen, und auch dies nicht ganz geläufig, während fast allen der Inhalt der täglichen Gebete ganz unbekannt ist." Auch die im Jahre 1818 in London exöffnete erste Religionsschule der sogenannten „Aschkenasim" war Anfangs höchst primitiv hinsichtlich der daselbst gelehrten Religionsgegenstände, die ausschließlich im Lesen und Uebersetzen einiger hebräischer Gebete und Stücke aus der Bibel bestanden. Welch gewaltiger Unterschied ist aber jetzt in den jüdischen Religionsschulen in London und in den Provinzen bemerkbar! Nebst den bereits genannten hebräischen Lehrgegeuständen lernen heutzutage Knaben und Mädchen in solchen 'religiösen Anstalten biblische und zuweilen auch nachbiblische Geschichte, wobei sie zugleich auch, was von nicht minderer Wichtigkeit ist, mit den ethischen Lehren des Judenthums mehr oder weniger vertraut gemacht werden.

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