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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-03 · Heft 36 (3.9.1897) · p. Seite 423

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 36 (3.9.1897)
Date
1897-09-03
Page
Seite 423 (sequence 3)
Language
German
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gründen -7aber wir wollen nichts wissen von einem jüdischen Staate, auch nichts von einer jüdischen Kirche mit einem gemeinsamen Oberhaupte ähnlich dem Papstthum; gegen derartige Bewegungen legen wir, wenn sie im Namen des Judenthums erfolgen, feierlichst Protest ein, und will man. uns dieserhalb jüdische Protestanten nennen — nun, ich habe nichts dagegen, ich bin mir bewußt, für die Ehre und für die Wohlfahrt meiner Brüder eingetreten zu sein, und zahlreiche Kundgebungen aus sachgenössischen Kreisen sowie von Gemeindemitgliedern haben zur Genüge dargethau, daß wir mit unserer Erklärung das Rechte getroffen und dem Ausdruck gegeben haben, was in den Herzen vieler gebildeter, für Religion und Vaterland warm erglühender Juden lebt. Wir wollen kein Nationaljudenthum, ^aber wir wollen ein Reich von Priestern sein, wir wollen ein Bundesvolk bleiben, dessen höchster Ruhm darin besteht, die Pflichten zu erfüllen, die unsere Väter am Sinai übernommen haben; und das Bundeszeichen gilt uns als ein religiöses, nicht als nationales Merkmal, wie die christliche Taufe ja auch lediglich religiöse Bedeutung hat. Wer uns in der Erreichung dieses Zieles behilflich sein will, soll uns ein willkommener Bundesgenosse sein, wer einen „Judenstaat" gründen und die europäischen Mächte von der „Judennoth" befreien will, den bekämpfen wir als einen gefährlichen Gegner, der, wenn auch vielleicht Ln bester Absicht, dem Judenthum die Lebensadern unterbindet und es seinem hohen Berufe entfremdet. Stettin, 12. August. Rabbiner Dr. H. Bogelsteiu. Die Woche. Berlin, 1. September, as „große Ereigniß", dos schon seit Wochen so viel Staub aufgewirbelt, der Baseler Zionistenkongreß, ist nun auch vorüber, und die Welt geht ihren Gang ruhig weiter. Ueber ben Verlauf der Verhandlungen bringen wir an anderer Stelle einen völlig objektiven Bericht. Unsere Stellung zu der Sache selbst haben' wir. bereits zu wiederholten Malen klar und unumwunden präzisirt. In dem heute an leitender Stelle veröffentlichten Schreiben des Herrn Rabbiner Dr. Vogelstein sind moch einmal die Prinzipien bestimmt ausgesprochen, von denen das fortschrittlich gesinnte Judenthum in Deutschland gegenwärtig und — so Gott will — auch in Zukunft, unbeirrt von allen zionistischen Velleitäten, sich leiten lassen wird. Diese Prinzipien sind zugleich die Grundgedanken, welche die Allgem. Zeitung des Judenthums seit mehr als sechzig Jahren verkündet und zu verbreiten sucht.' Daran werden auch die zionistischen Schwärmer und- Demagogen nicht das Geringste ändern. Wir haben schon andere und liefergehende Bewegungen innerhalb des Judentums erlebt, ohne daß diese auch nur das Geringste in seinem Bestände zu ändern vermochten. Genau so wird es auch dem modernen Zionismus ergehen, und im Uebrigen wird man im Hinblick auf diesen ersten Baseler Kongreß gut daran thun, der ganzen Bewegung nach keiner Richtung hin eine besondere Bedeutung oder gar irgend welche Wichtigkeit beizumeffen. * In einer sachlich klar gehaltenen Denkschrift tritt Gustav.Tuch wieder sehr entschieden für seinen Gedanken einer inneren Kolonisation ein, indem er alle Vorwürfe, die gegen diese Idee erhoben . würden, vom nationalökonomischen Standpunkte aus geschickt widerlegt und noch einmal seinen Plan von Siedelungsgenoffenschaften ausführlich schildert. Am Schluffe seiner interessanten Denkschrift sagt der Verfasser: . - * .; „Die Form der Siedelungs - Gemeinde wird sich ganz besonders für die Bestrebungen zur inneren Kolonisation deutscher Juden deshalb eignen, weil dabei die zwiefachen Schäden von vornherein ausgeschlossen sind und sich dauernd ausschließen lassen, die bald auf Groß-, bald auf Mittel- und Kleinbesitz in Deutschland jetzt schwer belastend drücken — die Fesseln der Ueberschuldüng und die Verwickelungen des Erbrechts. Die Siedelungs-Gemeinde entspricht aber auch dem jüdisch-ethischen Gedanken; denn sie bietet Gemeinsamkeit in den Zielen und in der Arbeit bei Aufrechthaltung der persönlichen Selbständigkeit. Die Pflicht gegen das Vaterland, die Einordnung in die nationale Arbeit, die wirthschaftlichen Existenzbedingungen der deutschen Israeliten, die Hebung ihres sittlichen Niveaus, die Stärkung ihres Selbstbewußt-, seins, die Bekämpfung bestehender Borurtheile, die Erringung ungerecht vorenthaltener sozialer Gleichheit — alles drängt uns zur ernsten Inangriffnahme innerer Kolonisation, auf die Erfassung aller ihrer Zweige in Gärtnerei, Obstkultur und Ackerbau. — Zu diesem Zweck ist ein engeres Komitee zusammengetreten. — Das Komitee wird am Sonntag, den 3. Oktober, eine Konferenz in Berlin veranlassen und dazu solche ihm bekannte Grundbesitzer und verdiente Personen einladen, die den Gegenstand geistig beherrschen, und von denen erwartet werden darf, daß sie mit voller Herzinnigkeit die Sache zu fördern bestrebt sein werden. Mögen die Berathungen von Erfolg gekrönt werden!" . Die Agitation für den Sonntagsgottesdienst nimmt ihren Fortgang. In dieser Sache ist abermals eine Broschüre: „Die Forderung des Sonntagsgottesdienstes" von Gustav Levin stein erschienen, in der der unermüdliche Vorkämpfer für diese Idee mit wahrhaft frommem Eifer und edler Begeisterung noch, einmal die Gründe für und wider beleuchtet und verschiedene irrige Mittheilungen widerlegt, vor allem die, daß der Vorstand der jüdischen Gemeinde zu Berlin sich jenem Ansuchen gegenüber spröde und ablehnend verhalten, habe. Dasselbe ist bisher noch gar nicht an ihn gestellt worden. „Ebenso ist es unrichtig, daß die Gemeindemitglieder sich ablehnend verhalten haben; das absolute Gegentheil ist bisher der Fall. Ich erwähne diese aus der Luft gegriffenen Angaben nur, um zu zeigen, mit welchem Mangel an Objektivität und Gerechtigkeitsgefühl unsere Gegner an die Frage getreten sind. Daß wir uns an die Gemeinde anstatt an den Vorstand in erster Reihe wandten, ist wohl jedem Unbefangenen selbstverständlich. Letzterer würde doch, bevor er über eine so außerordentlich wichtige, tief in das Leben eingreifende Frage zu einem Entschluß kommen könnte, erst die Stimmung und die Meinung der Gemeinde selbst kennen lernen wollen." Wie wir hören,, haben viele der hervorragendsten Mitglieder der Gemeinde die Petition unterschrieben, und die Namen wie die Zahl der Unterschriften bilden ein imponirendes Argument. Man darf . auf die fernere Entwickelung der Angelegenheit gespannt sein. .* Die neueste anarchistische Schandthat in Spanien ruft die Erinnerung an die Verdienste wach, die sich der ermordete Ministerpräsident Canovas um die Sache der Glaubensfreiheit in Spanien erworben hat. Bis zur Revolution von 1868 war die Ausübung jeder anderen Religion als der katholischen dort ausdrücklich verboten. Seither war sie geduldet, aber nicht frei. Im Jahre 1875 sprach Canovas im Gegensatz zu seiner eigenen Partei in dem neuen Verfassungsentwurf ausdrücklich den Grundsatz der Kultusfreiheit aus, der dann freilich durch eine unbestimmte Fassung des Art. 11 der Willkür und Unduldsamkeit von Geistlichen und Beamten Thür und Thor öffnete. Aber das war nicht die Schuld Canoväs', der dieses Grundprinzip auch selbst dem Vatikan -gegenüber mit aller. Energie aufrecht erhalten. Seither leben in Spanien etwa 5000 . Juden, aber nur in den Städten, und die freie Ausübung ihrer Religion ist ihnen nur durch — den Volkswillen verwehrt, der aller- ' dings in Spanien stärker ist als alle Gesetze. Umsomehr muß "eine Nachricht des Lorriere Isruelitieo befremden, der in einer seiner letzten Nummern berichtet, daß am vergangenen Schebuothfeste in der Synagoge von Barcelona eine höchst feierliche Cere-

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