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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-09-03 · Heft 36 (3.9.1897) · p. Seite 422

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 36 (3.9.1897)
Date
1897-09-03
Page
Seite 422 (sequence 2)
Language
German
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422 Schriftsetzer aus Petersburg zu vertreiben oder die Schmach von den Odeffaer Juden abwehren, daß sie einen besonder« Erlaubnißschein nachsuchen müssen, wenn sie im Sommer aufs Land gehen wollen: Ihr wollt kein National-Judenthum — ganz recht! Das hat vor mehr denn fünfzig Jahren die Reformgemeinde Berlins deutlich ausgesprochen und ihm in ihrem Ritus die höchste Sanktion gegeben! Was war die> Folge? Sie war die von der Regierung am meisten gehaßte Verbindung; sie wurde verfolgt bis^aufs Blut und konnte sich nur dadurch retten, daß sie sich unter das Vereinsgesetz stellte^ und einen Polizisten in ihrer gottesdienstlichen Versammlung duldete. Kein National-Judenthum — ganz recht; dann aber frisch die Hand ans Werk gelegt und die Gebetbücher' und Ceremonien von diesem überwundenen Standpunkt befreit! Kein National-Judenthum — ganz recht;- dann aber auch kein „Reich von Priestern", auf das Ihr Euch als ein Losungswort berufet, schwerlich auch noch länger ein „Bundesvolk" und ein „Bundeszeichen". Das sind Begriffe, welche die Verpflichtung, Jude zu sein, an die bloße Geburt von jüdischen Eltern voraussetzen. Ich bitte um Entschuldigung, falls ich irre; aber es scheint mir gar zu deutlich, daß Ihr diese große, schwere, ich möchte sagen tragische Angelegenheit zu leicht genommen. Eine derartige Bewegung läßt sich nicht so mir nichts, dir nichts improvisiren. Da müssen tiefere Ursachen vorhanden sein, wie die See nicht wogt ohne Stürme von oben oder Störungen von unten; ebenso wenig läßt sie sich zur Ruhe verweisen durch Proteste, besonders dann nicht/wenn diese Proteste von hohen Beamten kommen, die mit ihren allerhöchsten Regierungen auf gutem Fuße bleiben müssen oder wenn sie nur von solchen Seiten ertönen, die um die eigene, Sicherheit ihrer verkümmerten Rechte besorgt sind. Wie aber steht's um die — und sie sind bei Weitem die Mehrzahl —, die auch diese Kümmerlichkeiten nicht einmal besitzen? . Judennoth ist ein garstiges Wort, es sollte am Ende' des neunzehnten Jahrhunderts nicht gehört werden; aber die Sache selbst ist noch viel garstiger; so lange sie existirt — und wollt Jhr's, dann soll man diese Ausgeburt des bösen Geistes auch beim rechten Namen zu nennen sich nicht scheuen. Die Schmach fällt nicht auf uns; und die Wahrbeit hinter schönen Redensarten zu verbergen, ist feige. Auch ist es unerwiesen, daß ein Judenstaat nothwendig ein National-Judenthum zur Folge haben müsse. Hat doch die katholische Kirche sogar von dem Boden eines Kirchenstaates aus die Welt erobert. Was mir scheint als Wirkung eines Judenstaates, falls dieser Traum zur Wirklichkeit wird, ist dies: daß das Judenthum sich wird als Kirche organisiren müssen, um auf diese Weise eine Körperschaft zu bilden, die die Stelle des alten National-Judenthums einnimmt; dann sind Staat und Kirche getrennt, und ein Jude kann ein Jude im vollen religiösen Sinne sein, ohne palästinensischen Patriotismus zu hegen; wie ja die Mehrzahl des italienischen Volkes gute Katholiken sind, ohne für die Herstellung der weltlichen Macht des Papstes zu stimmen: Jedenfalls sähe ich es gern (und viele ernste Männer Hierlands theilen den Wunsch), daß die Leiter Israels mit ihren Protesten ein wenig vorsichtiger verfahren. Denn tadeln ist leicht — aber besser machen? New-Aork, im Juli. Rev. Dr. G. Gottheil. fr Stettin, 12. August. ' Geehrter Herr Redakteur! ' Soeben von der Sommerreise zurückgekehrt, finde ich den mir von Ihnen gütigst zugesandten Aufsatz des Herrn Rabbiners Dr. Gotthell in New-Iörk vor und halte mich verpflichtet, der Wichtigkeit der Sache wegensofort meine Bemerkungen zu demselben niederzuschreiben und Sie um gleichzeitige Veröffentlichung freundlichst zu ersuchen. Es wäre mir selbstverständlich lieber gewesen, die Angelegenheit wiederum gemeinsarsi mit Dr. Maybaumzu erledigen; da er aber fern von Berlin weilt und die Sache keinen Aufschub erduldet, habe ich mich genöthigt gesehen, allein vorzugehen, und ich glaube, in meiner Besprechung sowohl gegen den ehrwürdigen amerikanischen Kollegen die ihm gebührende achtungsvollste Rücksichtnahme beobachtet als auch den mir. einzig und allein richtig erscheinenden Standpunkt mit Entschiedenheit gewahrt zu haben. Aber wer hätte das erwartet? Der ehrwürdige Kollege Gottheil, der Senior der Reformrabbiner in Amerika, legt für die zionistischen Bestrebungen eine Lanze ein und erhebt gegen uns — gegen mehren Freund Maybaum und mich — den Vorwurf, diese große, schwere, maü möchte sagen, tragische Angelegenheit zu leicht genommen zu haben. Das Letztere ist keineswegs der Fall; wir erblicken in der zionistischen Bewegung eine große Gefahr für das Gesammtjudenthum und chaben uns verpflichtet gefühlt, unsere warnende Stimme zu erheben, damit die erhabenen Grundsätze und Ziele Unserer Religion nicht hürch sie^verduukelt werden. Wir beklagen die Noth unserer Glaubensbrüderin Rußland, die Zurücksetzung,' die wir als Juden in Deutschland; und Oesterreich beständig zu erdulden haben, gewiß ebenso tief wie der ehrwürdige Amtsbruder in Amerika; aber das innige Mitgefühl, das wir für .die Dulder empfinden, macht uns nicht blind für die verhängnißvollen Jrrthümer, in ^denen die Zionisten befangen sind. Wir wollen sie auch nicht hindern, in einem öffentlichen Kongreß die Lage Israels zu besprechen und die Mittel zur Herbeiführung besserer Zustände gemeinsam zu erwägen. Aber wir wollen nun und nimmermehr, daß die Idee eines unter den Schutz der Großmächte zu stellenden national-jüdischen Staates in jüdischen Kreisen weiter um sich greife, well die Existenz eines solchen Staates, abgesehen von den Fährlichkeiten, den feindlichen Einfällen und den politischen Verwickelungen, denen er selbst beständig ausgefetzt wäre, die Judennoth in den übrigen Ländern nur noch vergrößern und der Behauptung unserer Gegner, daß wir als Fremde und Ausländer zu betrachten seien, einen Schein von Berechtigung geben würde. Wir glauben an Israels Zukunft, hoffen zuversichtlich auf den Sieg unserer gerechten Sache und wollen darum in der., trüben Gegenwart getrost und ergebungsvoll ausharren, aber nimmermehr einen Verzweiflungsschritt begehen, der uns den Pfad, der Zukunft verrammelt. Wenn der amerikanische Herr Amtsbruder unseren Glauben an einen Siegeszug bloßer Ideen als „naiv" bezeichnet und uns in. bitterer Ironie wegen der Stärke unseres Glaubens beneidenswerth nennt: so erblicke ich in diesem Urtheile eines Mannes, dessen Begeisterung für das Judenthum ja allbekannt ist, ein tief betrübendes Kennzeichen der grausigen Verwirrung, die der Antisemitismus selbst in den Reihen unserer besten Vorkämpfer angedichtet hat. Worauf denn sonst soll unsere Hoffnung sich stützen, wenn nicht auf den Glauben an den Sieg des Guten und Wahren? Etwa auf die Macht, die ein jüdischer Staat in Palästina entfalten könnte? Oder auf den Einfluß, den die Diplomatie dieses Staates auf die Mächte ausüben würde? Ich sollte meinen, das wäre die ärgste Selbsttäuschung, der ernste Männer sich hingeben können. Seit Jahrtausenden leiden die Juden unter ungerechten Ausnahmegesetzen und willkürlichen Verwaltungsgrundsätzen; was konnten und können sie anders thun, als in Gemeinschaft mit gleichgesinnten nichtjüdischen Mitbürgern' die Waffen des Geistes schwingen, um die finsteren Mächte zu überwinden? Immer von Neuem wollen wir unser Recht geltend machen, als „Männer, furchtlos, ehrlich", ohne zu betteln oder zu kriechen, und zugleich uns als patriotische, dem Vaterlande treu ergebene Bürger zeigen, und mit Gottes Hilfe wird der Tag der vollen Gleichberechtigung auch für uns anbrechen oder doch für unsere Kinder und Enkel. Auch das Blut der tapferen jüdischen Kämpfer ist im Jahre 1870 nicht umsonst geflossen, wenngleich für den Augenblick der mit ihm gedüngte Boden die erhoffte Ernte noch nicht gebracht hat; dieselbe patriotische Begeisterung, die jene Braven beseelte, erfüllt aber auch uns, und Niemand, wer es auch sei, stehtes zu, diese unsere Begeisterung „komisch" zu finden. „Was wir, die Hirten Israels, vorschlagen, um die zerstreute und verfolgte Heerde zu retten?" fragen Sie, geehrter Herr Amtsbruder. Darauf die Antwort: Wir wollen unsere Neligionsgenossen und namentlich die Jugend erfüllen mit der hohen Aufgabe, die dem Judenthum geworden, wollen Gottesfurcht, Menschenliebe, Gerechtigkeit, Ehrenhaftigkeit und Gemeingeist ihnen einprägen, wollen sie ermahnen, treu und fest zusammenzuhalten, sich nicht durch Drohungen, nicht durch Verlockungen in ihrem Glauben an den Einig-Einzigen und in ihrer werkthätigen Liebe zu ihren Glaubensbrüdern irre und wankend machen zu lassen, wir wollen alle Bestrebungen unterstützen, die, ohne das Recht der Gesammtheit preiszugeben, den Verfolgten und Bedrückten ein freundliches Asyl und eine gesicherte Heimstätte, sei es in Palästina, sei es in einem anderen Lande, verschaffen, wir wollen Ackerbaükolonien, Werkstätten, Fachschulen re.

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