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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-08-27 · Heft 35 (27.8.1897) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 35 (27.8.1897)
Date
1897-08-27
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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Grstrrrrich-Ungarn. □ Wie«, 23. August. Ueber die tschechischen Krawalle in Pilsen seit vorigem Donnerstag haben ja die politischen Zeitungen genug berichtet. Es genügt deshalb hier zu erwähnen, daß ein jüdischer Student, Namens. Hartmann, die unschuldige Ursache der unerhörten Angriffe war, weil derselbe ein deutsches. Trikolorenband getragen. Hauptsächlich waren die Ausschreitungen gegen die Juden gerichtet, deren Fenster zertrümmert und von denen mehrere arg verwundet wurden. An der Synagoge allein find 26 verzierte und 3 Votivfenster zertrümmert worden. Die Ruhe ist bis heute noch nicht hergestellt'. —. Das Blatt des Herrn Bergan—ev veröffentlichte die Liste der Geschwornen, die im Prozesse Vergani-Schönerer fungirt haben,. und fügt jedem Namen das Religionsbekenntniß und die angebliche politische Parteistellung der betreffenden Geschwornen hinzu. Von dem Obmann der Geschwornen, Herrn Fetnau, wird erzählt, er sei ein ausgesprochener Gegner des „Deutschen Volksblattes", was er dadurch bewiesen habe, daß^er in sämmtlichen Wiener Blättern mit Ausnahme des „Volksblattes" inserirt; bezüglich des Geschwornen Leo Brandt wird ein Artikel aus einem anderen Blatte abgedruckt,, in welchem erzählt wird, daß die Wäsche-Produktiv-Genossenschaft, deren Direktor Herr Brandt ist, sich in Liquidation befindet. Nun beabsichtigen die Geschwornen, diese Publikation zum Gegenstände einer Eingabe an das Präsidium des Landesgerichtes zu machen und anzufragen, ob die Geschwornen, welche soeben ihr.Amt ausgeübt, gegen diese demonstrative Hervorhebung ihres Glaubensbekenntnisses und ihrer Parteistellung, deren Zweck leicht erkennbar ist, keinen Schutz finden können. — Abermals muß von dem Zusammenbruche einer christlichen Genossenschaft berichtet werden, der „Securitas", eines katholischen Spar- und Borschuß-Vereins, die bei ihrem Beginn ein Cirkular veröffentlichte, in dem es u. a. heißt: „Es haben fich eine Anzahl von christlichen Geschäftsleuten, Geistlichen, Beamten, Hausbesitzern rc. zusammengefunden, um mit Ausschluß aller Juden mit vereinten Mitteln für ihre Kapitalien bei pupillarmäßiger Sicherheit eine reichere Verzinsung zu erzielen . . . und deren Direktor jetzt zum Schäden aller Antheilnehmer mit Hinterlassung leerer Kassen nach Amerika durchgebrannt ist. — Der Kaiser hat den Rabbiner in Linz, Dr. Friedmann, zum Mitglieds des Landesschulrathes ernannt. Frankreich. Ä Paris, 20. August. Herr Clermont-Ganneau verlas in der Sitzung der Acad6mie des inscriptions et helles lettres vom 13. d. M. eine Studie über die wahrscheinliche Stätte der Gräber Davids und der jüdischen Könige. Die ehemals von Herrn de Saucly gepredigte Lösung dieses bisher noch schwebenden Problems, der zufolge die königliche Nekropole in der Kohur-el-Moluh im Norden von Jerusalem zu erblicken ist, kann nicht mehr aufrecht erhalten werden, da' das seltsame Grabmal im römisch-griechischen Stile wahrscheinlich das. der Königin Helene von Abadiene ift; Die Akademie müsse daher, auf ihre Autorität in diesen Fragen sich stützend, die französische Regierung, der das Grab durch Schenkung gehört, veranlassen, die Inschrift des Monumentes, das man „die Gräber der jüdischen Könige" benannt habe, abzuändern. Der Vortragende brachte eine Menge historischer Beweise und vorzüglich genaue Studien eines unterirdischen Aquädukts von 500 Metern Länge, der in den Felsen unter dem Hügel Ophel zur Zeit des Königs Zachias gegraben wurde, für die These zur Geltung, daß die Grabmaler der jüdischen Könige in oder an diesem Aquädukt zu suchen seien. Diese Wasserleitung, die einen wahren Tunnel bildet, beschreibt in ihrem südlichen Theile einen ungeheuren re'chtwinkeligen Umweg, für den. sich bisher keine. Erklärung hat finden lassen; Herr Clermont-Ganneau sucht zu beweisen, daß dieser Umweg nothwendig war, um nicht auf die jüdischen Königsgräber zu stoßen, die sich in der Tiefe des Hügels befanden. Auf diese schon vor längerer Zeit von Herrn Clermont-Ganneau entwickelten Ideen hin hat bereits ein englischer Archäologe, Dr. Bliß, ohne den Namen des französischen Gelehrten nur zu. erwähnen, Nachgrabungen angestellt, ohne indessen irgend ein Ergebniß zu erzielen. Herr Clermont-Ganneau meint, daß das ganz erklärlich sei, weil Bliß die Nachgrabungen außerhalb^ des Winkels angestellt habe, während man im Gegentheil innerhalb desselben hätte nachgraben müssen. Man müsse deshalb die Operation in dieser Richtung wieder aufnehmen. Die Prüfung der diesbezüglichen Vorschläge wurde einer Kommission überwiesen. ' Rußland. 5 Petersburg, 20. August. Die hiesige Tagespresse publizirt soeben ein schon längst erwartetes Verbot, wonach es'den jüdischen Eisenbahnreisenden von nun an untersagt sein soll, sowohl während der Fahrt als auch auf den Haltestellen in den Stationsgebäuden in Tallis und Tefillin ihr Gebet zu verrichten. Bisher konnte der Jude im Eisenbahnwagen ungehindert zu seinem Gotte, beten, und es wäre; auch jetzt zu einem Verbote nicht gekommen, wenn unsere übertrieben frommen Glaubensgenossen während ihres Betens mehr Rücksicht auf die nichtjüdischen Mitreisenden genommen hätten, denn noch'weniger als der westeuropäische Jude hat der Nichtjude Sinn und Verständniß für das Schütteln des Körpers, die eigenthümlichen Gesten, für das überlaute Schreien und Stöhnen, welches das Beten unserer orthodoxen Juden begleitet. Wohl haben unsere Hebräischen Organe diese Unsitte oft getadelt und wiederholt darauf hingewiesen, daß schon das zum Zwecke des „Tefillinlegens" nothwendige. Entblößen des Armes in Gegenwart andersgläubiger Männer und Frauen. zu einer Herabwürdigung des Begriffes der jüdischen Gottesanbetung, zu einem Chillul haschem führen müsse,- allein unsere Glaubensgenossen sind / nicht gewöhnt, auf die warnende Stimme Jakobs zu hören; über Hilchoth Derech Erez, über Gesetze von Sitte, und Anstand müssen ihnen Andere, die Nachkommen Esaus, Vorlesungen halten. — ..Das Ministerium für Volksaufklärung hat kürzlich' die. Statuten des Tawridar Volksfchullehrer - Unterstützungsvereins genehmigt Das Statut enthält einen Paragraphen, der die Aufnahme von jüdischen Lehrern und Lehrerinnen in den Verein gestattet.— Am 27; v. Mts. begann die Immatrikulation an der Moskauer Universität. Es sind über 700 Aufnahmegesuche eingegangen, von denen über die Hälfte die medizinische Fakultät aufzuweisen hat. Die Zahl der Aufnahmegesuche jüdischer Studirender in diesem Jahre übersteigt beträchtlich die des vorigen Jahres, und da die Meisten dem medizinischen Studium sich zuwenden, dse medizinische Fakultät aber nur 193 Vakanzen aufzuweisen hat,, so dürfte es nur Wenigen gelingen, eine Berücksichtigung des Aufnahmegesuches zu finden. — Der sogenannte Z io n iste n-Kon greß, der vom 29. bis zum 31. d. Mts. in Basel stattfindet, bildet in der hiesigen jüdischen Gesellschaft das Tagesgespräch. Nicht'etwa, daß man von dem Kongreß etwas Großes erwartet; im Gegentheil, man ist überzeugt davon, daß derselbe einen von den Einberufern unerwarteten Verlauf nehmen wird. Nur wundert man sich^ über die Dreistigkeit, mit der diese Herren ernstdenkende Männer für ihre utopistischen Pläne zu gewinnen suchen. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht den tragischen Hintergrund hätte, daß Juden, welche das Judenthum nur vom Hörensagen kennen, in einer öffentlichen Versammlung über die Zukunft Ltzs Judenthums berathen wollen. Wenn man noch zweifelt, daß man in der messianischen Zeit lebt^so ist das Gebahren unserer, sogenannten Zionisten dazu geeignet, diesen Zweifel zu beseitigen, nach jenem bekannten talmudischen Spruch : Leilr^vesse äiwesebiebu eburpa jasge. Astrn. n OO Jerusalem, im August. Wir entnehmen der „Deutschen evangelischen Kirchenzeitung" folgende sehr interessante Nachricht über die Entwickelung der Mission in Jerusalem: „In Palästina zeigen sich die Juden neuerdings sehr fanatisch gegen die Engländer. Die englische Juden-Missivn hatte seit einem halben Jahrhundert ein Krankenhaus für Juden in Jerusalem in einem gemieteten Hause in der Stadt. Jetzt ist ein großes neues Hospital von der Gesellschaft vor der Stadt in der Nähe von Talitha Kuni erbaut und im April eingeweiht worden. Die Rabbiner und der Ober-Rabbiner haben aber den Juden verboten, sich in Krankheitsfällen in dem englischen . Hospital pflegen zu lassen. Den jüdischen Fleischern und Kaufleuten sind Lieferungen für das Hospital verboten^ und das größtentheils aus Juden bestehende Dienstpßrsonal des Hauses mußte dasselbe verlassen. So sind in dem großen neuen Hause bis jetzt nur zwei unheilbare Kranke, die aus dem alten Hause übernommen wurden. An den Tagen, wo die, Poliklinik stattfindet, stehen Wachen vor den Thoren, und wenn Juden kommensich Arznei zu holenso werden ihnen die Arzneiflaschen zerschlagen. Auch

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