Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1897)
- Date
- 1897-08-27
- Page
- Seite 420 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228202-3228238--53956-3267909- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
I In der Nacht, welche jener Unterredung mit Sophien gefolgt^ hatte er einen gefährlichen Blutsturz bekommen'; um die Freundinnen nicht zu bekiimmern, hatte er sich aufgerafft und nichts davon verrathen, aber von einem befreundeten Arzte hatte er Wahrheit ver^ langt-Liber seinen Zustand, die ihm dieser auch nicht vorenthalten. . Das zweite Werk war vollendet; es machte in den gelehrten Kreisen fast noch mehr Aufsehen als das erste. Eine Professur stand in Aussicht. Das Auditorium, welches bei den Vorlesungen Kleins, immer größer geworden war, wollte dem verehrten Lehrer eine Ovation bringen, als er nach dem Erscheinen des Buches, seiner Schwäche und dem Fieber trotzend, den Katheder bestiegen; stürmische Hochrufe tönten ihm entgegen, ein fast überirdischer Glanz strahlte aus seinen Augen, die Lippen öffneten sich zu einem Danke für das unerwartete, so ehrenvolle Willkommen, — da brach ein Blutstrom, aus seinem Munde, die hagere Gestalt schwankte, ein leiser Schmerzensruf; von seinen Studenten umringt, brach er ohnmächtig zusammen. , Seine Tage waren gezählt, aber sie waren die glücklichsten^ sonnigsten seines Lebens. Sophie und kuren Mutter waren seine Pflegerinnen; sie sorgten,' schafften unermüdlich für den theuren Kranken. -j' Seine schwere Krankheit erweckte unter seinen Schülern und Kollegen die größte Theilnahme. Professor Wendemann besuchte ihn mehrmals, anerkennende Briefe, Telegramme trafen ein, die ihm Sophie vorlas; jeder Tagbrachte ihm eine Freude, den Beweis, daß er nicht umsollst gelebt und gestrebt hatte. Ueber das schmale Bett kauerte Sophie vor dem Lager des geliebten Mannes, dessen Athem schwerer und schwerer ging; eine lautlose Stille herrschte in dem kleinen, dürftigen Gemache, als plötzlich die Thüre leise geöffnet wurde und die hohe, schlanke Gestalt Evas an der Seite ihres Bruders erschien. Mit einem einzigen Blicke hatte sie die Situation erkannt; eine" flüchtige Röthe jagte über ihr Antlitz, als sie die in Schmerz versunkene Mädchengestalt knieend vor dem Lager des Mannes sah, der auch ihr theuer gewesen, vor dem sie aber jetzt ein leises Grauen empfand, als ihre Blicke das aschfahle, eingesunkene Antlitz trafen,, als sie mit einem gewissen Schauder die armselige Stätte überflog, in der er gelebt, geschaffen, gelitten hatte. Ja, gelitten hatte, denn in demselben Momente, in dem das Geschwisterpaar leise, geräuschlos eingetreten, um zögernd auf der Schwelle stehen zu bleiben, hatte Rudolf Klein in einem schwachen, Seufzer seine reine Seele ausgehaucht. Sein letzter Athemzug warwie ein Abschiedskuß über die blasse Mädchenstirn, die. sich zärtlich an ihn geschmiegt, dahingestreift. Mit einem qualvollen, die Seele Evas erschütternden Schrei war Sophie zusammengebrochen, doch nur eine Minute dauerte die Ohnmacht/ Noch ehe ihr Eva und Lollis zu Hilfe eilen konnten,, hatte sie sich wieder aufgerichtet.;; Eva Bernauer! Sophie Milde! ' Keines der beiden Mädchen hatte es nöthig, vor der Anderen die Augen niederzuschlagen. Das reiche wie das arme Mädchen führte ein edles Gefühl anä das Bett des Sterbenden, dennoch aber senkte Sophie eitlen Momellt' die Augen vor den heiß, fragend auf ihr ruhenden Blicken ihrer , schönen Schülerin.' Doch nur wenige Minuten dauerte die peinliche s Empfindung, welcher Sophie sich unterworfen gefühlt. ■ , Sie hatte das heiligste Recht, hier zu sein! " Eva war dem Mädchen schnell ganz nahe getreten; ihre heiße r Hand lag plötzlich schwer auf dem Arme Sophiens, „Sie, Sie sind es, idelchL^geliebt? Sie, Sie, Sophie Milde?"^ Es klang heftig, hochfahrend, aber vor den tief traurig^ singenden Worten Sophiens: „Ja, mich, mich allein hat er geliebt," senkte Eva die Blicke, ein schmerzlicher Zug schwebte um ihren Mund, als sie, einer weichen Regung folgend, Sophien die Hand hinstreckend, freundlich sagte: „Dann, Sophie, preisen Sie Ihr Geschick. Das Herz eines seltem guten, uneigennützigen, ja großen Mannes hat für. Sie geschlagen. Wenige können sich dieses Glückes rühmen. Ich beneide Sie darum. Kommen Sie bald zu mir. Sie müssen mir sagen, wo, wie Sie ihn kennen gelernt." Ihre Scheu vor dem Todten — dem ersten, den sie sah — bemeisternd, strich sie sanft über die blaffe Denkerstirn. „Er wollte cs nicht anders, — nicht besser haben," lispelte sie, „ich meinte es gut, sehr gut mit ihm." Sie winkte Louis, der ein schweigsamer Zeuge der kleinen Szene gewesen war, und leise, wie sie gekommen, verließen die Geschwister das Todtengemach. Wortlos saßen sie neben einander in der sie erwartenden Equipageerst kurz vor ihrem Hause brach Louis das Schweigen. „Dieses Mädchen konnte er mehr lieben als Dich!" sagte er nachdenklich. „Wer vermag ein solches Problem zu lösen?" „Die Liebe, ist eben ein unlösbares Problem," entgegnete Eva ernst. „Wer könnte es sonst glauben, daß Sophie Milde in der Liebe glücklicher war. als Eva Bernauer!" „Du hast ihn wirklich geliebt?" „Ich habe es — bis heute geglaubt, aber," ein Frösteln.- ging durch ihre Glieder, „meine Liebe war nicht die echte, rechte! Was jenem Mädchen als eine einfache Pflicht erschienen, — ihn zu hegen und zu pflegen, — wäre mir unmöglich gewesen. Der gebrechliche, sieche Körper, — die greifbare Armuth, die mich dort, wo ich das Genie zu Hause wähnte, aus jedem Winkel angähnte, flößte mir namenloses Entsetzen ein. Nein, ich habe ihn nicht geliebt; nur sein Talent, — die künftige Größe zog mich so mächtig an. — Sie hatte ein heiliges, unantastbares Recht an ihn, denn sie liebte ihn mit dem Herzen, aus voller. Seele. Armer Mann, armes, beklagenswerthes Mädchen," setzte sie, leise weinend, hinzu. * Das Trauergepränge, mit dem Dr. Klein zur letzten Ruhestatt geführt wurde, hatte die ganze Straße, in der er so bescheiden gewohnt, in Aufruhr gebracht. > Studenten in vollem Wichs, die Fahnen hoch emporhaltend, in offenen Gala-Wagen, eine lange Reihe von Equipagen, welche dem mit Blumen reich beladenen Leichenwagen folgten, hatten eine große Menge Neugieriger herbeigelockt. Auch die Equipage des reichen Bernauer reihte sich dem Wagen an, in dem Sophie und . deren Mutter, als die einzig Leidtragenden, saßen. Eva und Louis gesellten sich auf dem jüdischen Friedhofe den beiden trauernden Frauen zu. „Warum haben Sie mir nie erzählt, daß Sie den armen Doktor Klein gekannt?" hatte Eva freundlich gefragt, woraus Sophie, den heiß hervorquellenden Thränen wehrend, mit leiser Stimme geantwortet hatte, „weil der Mund zu leicht verräth, was in dem Herzen vorgeht. Ich glaubte unglücklich zu lieben und war zu feig, mir und Anderen es einzugestehen, Eva.— Sie hatten mich früher immer gern, — wollen Sie mir jetzt Freundin sein? — Er hatte sie so lieb, um seinetwillen möchte auch ich Sie lieben." Blumen, und Kränze zieren den Hügel, unter dem das müde Herz eines edlen Menschen ausruht. Erdenglück war ihm nicht beschieden, aber die Liebe einer edlen Frau,, die Achtung und die Bewunderung Vieler begleitet ihn bis.über das Grab hinauf Druck end Verlag von Rudolf Masse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max Ban.chwiv in Berlin.