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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-08-27 · Heft 35 (27.8.1897) · p. Seite 417

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 35 (27.8.1897)
Date
1897-08-27
Page
Seite 417 (sequence 9)
Language
German
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.-- 417 Sie doch ermahnen, sich vor sich und der Welt durch Ausgezeitigtes immer, mehr zu festigen. Nichts ist gefährlicher, als der verzweifelte Trost: Du giebst das jetzt hinaus, es ist nicht recht fertig und ausgearbeitet, aber fort damit. Du kommst bald mit Neuem, Besserem. Es kann leicht kommen, daß dieses wieder ist wie das Vorhergegangene und so immerfort,, bis.'zuletzt das Bewußtsein von sich selbst abhanden kommt. Ich fürchte z. B. oft, daß dies dem strebsamen und beweglichen Gieseke passiere, und das thäte mir leid. Sie, lieber Ring, müssen sich zu einer geschlossenen Produktion zusammennehmen; Sie haben das Zeug dazu, die Gestaltungskraft und die leichte Erfindung. Ihre journalistische Thätigkeit sollte Ihnen die entsprechende Sorglosigkeit dazu geben. Daraus sollten Sie beharrlich denken, und wenn ich Ihnen dazu beistehen kann, soll es mir eine wahre Freude sein. Ich bin überzeugt, daß Sie meinen Brief so äufnehmen wie er gegeben ist von Ihrem freundschaftlich ergebenen Dresden, 13. Juni 1853. Berthold Auerbach. 4 Dresden, 5. Nov. 1855. Ein Brief von Ihnen, lieber Ring, ist immer wie ein guter Handschlag,, und ich habe noch das besondere Genügen, daß Sie zu den Wenigen gehören, die mir's treu gedenken, daß ich ihnen nach Kräften wegweiserisch beizustehen suchte. Sie bahnen sich schon längst selbst Wege, und wie ich. zu meiner innigsten Freude sehe, nicht nur mit wechselndem Glück, sondern, was besser ist, mit wachsendem Geschick. Ich habe gestern Ihren Roman: „Verirrt und gelöst", den mir Ihr Verleger gesandt, spät in der Nacht ausgelesen und sage Ihnen vor allem, daß ich in Composition und Zeichnung, wie in psychologischer Vertiefung einen großen Fortschritt erkenne. Sie haben Erfindungsgabe und dabei einen selten freien Blick für das Hereinragen des Naturlebens und einen steten sittlichen Compaß. Ich spreche Ihnen dies alles aus nicht als Emballage für den nachfolgenden Tadel, sondern als festen Inhalt, den sie getreulich pflegen und erkennen und nicht durch Flüchtigkeiten und Willkürlichkeiten beeinträchtigen sollten. . . Bei den vielfachen Trübungen, die die öffentliche Meinung in unseren Tagen erfahren hat, ist es doppelt werth, daß ehrliche Naturen, die einander ehrlich fördern wollen, sich unter vier Augen ohne Umschweife die Wahrheit sagen, versteht sich die aus individueller Anschauung hervorgegangene, denn der Hochmuth des Absoluten ist der eitelste von allen. . . Berthold Auerbach. .4 Wie freue ich mich, lieber Ring, daß ich es doch wieder bewährt finde: eiw gutes Wort findet einen guten Ort. Die Art, wie Sie meinen Brief aufnahmen, hat mich nicht überrascht, ich setzte das von Ihnen voraus, aber weiß man auch, daß es Frühling wird, so freut man sich dessen doch aufs Neue, wenn er da ist. Ja, lieber Ring, es gehört viel dazu, oder eigentlich nichts als innere Religion, Wahrhaftigkeit vor sich selbst, um die Corruption, die von allen Seiten eindringen will, von sich abzuwehren. Da gilt der ehrlich Urtheilende für schroff, hart und anmaßend, und nur das Conciliante, das nicht Ja und nicht Nein sagen mag und sich verklausulirt und accomodirt, gilt für gesellschaftsfähig und entsprechend. O, wie viele Menschen giebt es, die sich geschminkt ins Bett legen, nie vor sich die Wahrheit suchend und bekennend! Wer aber die Wahrheit liebt, hat in sich eine Erlösung und Vollendung, so wenig er auch nach außen gelten mag. > Lassen Sie sich diese abrupten Gedanken gefallen, die aus einer Mischung der Empfindungen entstehen, da ich Ihren Brief im Sinn habend, Ihnen zugleich anl. Stück schicke. Ich gebe es, wie Sie wünschest-- in Ihre Hand, um es Herrn Düringer zu übergeben und dafür zu sorgen, daß ich baldmöglichst Nachricht darüber erhalte. Ich sage Ihnen offendaß ich vom inneren hoffnungsvollen Anteil an dieser Arbeit bereits ziemlich abgetönt und ernüchtert bin. Das . bringt, wie es scheint, das dramatische Hindernißrennen mit sich. Ich thue nur noch meine Schuldigkeit, weil die Sache einmal da ist. Deswegen aber wird auch eine umgehende Antwort wahrhaft erfrischen und sorgen Sie dafür, daß ich ohne Verzögerung weiß, wie ich dran bin. Ich habe das Stück nach einer ursprünglichen Intention um- ^gearbeitet. Sie und Herr Düringer aber können mir ohne Umschweife offen sagen, wie es damit steht. Aber nur bald. Herr Ascher hat das Stück zur Lektüre mitgenommen, ohne mich vorher noch, wie er versprach, besucht zu haben. Wenn Sie ihn sehen, grüßen Sie ihn von mir. Ich glaube, daß es gar keinen Anstand haben wird^ wenn die König!. Bühne mein Stück acceptiren will, da mit Herrn Ascher noch gar nicht besprochen und nichts ausgemacht ist. Sie werden indeß wissen und selbst bestimmen, wann und wie sie davon zu sprechen haben. Schreiben Sie mir nur kurz, wenn Sie und Düringer das Stück gelesen haben. Grüßen Sie auch ihren Freund Kalisch von mir, der, wie er sich 'wohl erinnern wird, mit, wie ich glaube, seiner ersten poetisch-humoristischen Produktion in die hellste Zeit meines Lebens hineinragt. Mein Buch werde ich Ihnen alsbald nach Erscheinen schicken. Ich 'habe aber heute erst den 10. Bogen revidirt. Getreulich Ihr Dresden, 16. Nov. 55. Berthold Auerbach. 4 Es ist mir eine wahre Freude, lieber Ring, daß ich Ihnen mit diesem Briese einen Freund, Dr. Wolfsohn, schicken kann, mit dem Sie alles besprechen können wie mit mir, der Ihnen von mir und mir von Ihnen erzählen soll. Damit wäre jedes Wort der Empfehlung eine Tautologie und ich brauche Ihnen nicht zu sagen, daß Sie ihm in aller Weise fördernd zur Hand sein mögen und ihn auch mit Ihrem Kreise vermitteln. Wie gerne wäre ich jetzt gleich mitgereist, aber so geht's: immer wieder schickt einem eine unsichtbare Macht Aufzuarbeitendes, hie und -.da heißt es: jetzt unterbrich dich nicht, bewahre die abgeschlossene Stimmung, absolvire sie und verdiene dir's dann damit in jeglicher Weise, daß du dir zu einem Genüsse eine Freude holest. Und ist dann das nächste vorbei, so wartet schon wieder anderes, und wenn man nicht mit einem kecken Hops sich losmacht, soviele angesponnene Fäden auch noch hängen, man käme nicht dazu vor lauter ewig Morgigem. Ich hoffe, aber, ich turne noch darüber hinweg und komme noch im Laufe des Winters zu Ihnen und zu den anderen Freunden, deren Gedanken schon mich freudevoll macht. Wegen des „Wahrspruchs" kann ich Ihnen noch nichts bestimmen, 1. weil ich noch Bescheide von den Stuttgarter und Münchener Hofbühnen erwarte, 2. weil ich mit Walln er, den ich ehedem sehr-gern hatte, durch die verdammte Birch-Pfeiffergeschichte in ein verfitztes Verhältniß gekommen bin. Er hat damals, ich nehme gern an, aus einem lapsus memorial, unrichtig gegen mich eine Zeugenaussage abgegeben. Ich selber wünsche auch, daß von der verlebten Geschichte nichts mehr störend bestehe, denn mir ist nichts beschwerlicher, als ein Mißverhältniß mit einem Menschen, zumal mit einem solchen, mit dem eine Zuneigung mich verband, aber das wird sich vielleicht erst geben, wenn ich nach Berlin komme. - Sie werden in diesen Tagen mein „Schatzkästlein" erhalten, das nun endlich im Druck fertig ist. Schicken Sie mir doch die betr. Blätter, in denen es rezensiert ist, unter Kreuzband und teilen Sie's auch Dr. Löwenstein mit. Ich habe nur wenig Freiexemplare. Nun leben Sie recht wohl. Ich freue mich, recht viel von Ihnen zu hören, denn ich bin . Ihr Freund Dresden, 16. Jan. 1856. Berthold Auerbach. Eben, da ich das Datum schreibe, thut mir's nochmals wehe, daß ich nicht mit Ihnen das wahrhaft schöne Drama: „Nur eine Seele" mitansehen kann. Sehen Sie's auch für mich. * Ich muß mir selber einen Ruck geben, um endlich doch wieder Brief zu schreiben; das wird schon Vas ganze Jahr schwer und zumal im Frühling. Und Frühling ist es, lieber Ring, ich bin im Wandern so lustig und möchte immer jodeln, daß ich mich oft selber auf den alten Kerl besinnen muß, der 46 Jahre alt ist und schon gar viel erlebt hat. Bor allem also herzlichen Glückwunsch zur neuen Behausung! Sei euch die Muse darin hold! Und wie versprochen, sollt ihr bald einen Musendiener darin aufhängen; das Bild in Lebensgröße oder

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