Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 35 (27.8.1897)
- Date
- 1897-08-27
- Page
- Seite 416 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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MWWMWWWWWWW 416 schichtlichen Rechtspraxis an uns vorüberfützrt. Hier erfahren wir. denn auch, daß in der Zeit, für die uns bisher die Belege gefehlt' hatten, im dreizehnten Jahrhundert, das pe'mlickhe Verfahren gegen die Delatoren im ganzen castilischen Reiche uni? in Aragonien wie in Catalonien nicht außer Gebrauch kam, wofür Jbn Adret nicht nur Beispiele aus seiner Zeit, sondern auch aus der früheren Generation zur Verfügung standen *). . Die Zeugenaussagen der catalonischen Gemeinden gegen den Angeber von Barcelona, die Jbn Adrets- Anfrage beilagen, das' eigentlich historische Material, haben sich nicht erhalten, sein Sendschreiben selber liegt uns, von Einwendungen durchsetzt, vor, die ein gelehrter Abschreiber nicht unterdrücken zu dürfen glaubte; aber R. Mei'r von Rothenburg hat seine Darlegung überzeugend genug geschienen, um sich ihr rückhaltlos anzuschließen. Er kannte aus seiner eigenen Erfahrung in Deutschland die Gefahren der Angeberei zu genau, um nicht auf das Entschiedenste den Maßregeln zu ihrer Unterdrückung zuzustimmen. Wenn auch diese seine Anwort an Jbn Adret in seinen Responsen sich nicht erhalten hat, so finden sich doch gutachtliche Aeußerungen von ihm genügt), die das Ueberwnchern des Delatorenunwesens in seinem eigenen Wirkungskreise genugsam zeigen. Ja, es war in deutschen Landen, wo die Regierung den Juden gegen diese Pest in ihrem Innern nicht zu Hilfe kam, viel schlimmer als in Spanien und unter den Arabern. War doch Samuel Schlettstadt, der Rabbiner von Straßbürg, genöthigt, um 1370 an einem jüdischen Delator die Todesstrafe vollziehenzu lasten, wodurch er schweres Unglück über sich heraufbeschwor und nach dem Orient zu fliehen sich gezwungen sah3). Man braucht nur einen Blick auf die traurige Aufzählung zu werfen, in der Joselmann von Rosheim4), der treffliche Annehmer der deutschen Juden, von den unheilvollen Folgen berichtet, die solche Angebereien über Gemeinden in Städten und Ländern heraufbeschworen haben. Eine Judenvertreibung aus Baiern, die bekamtten Ausweisungen aus Augsburg, Nürnberg, Regensburg, Verfolgungen in Posen, Frankfurts und Worms führt er auf Delatoren zurück, deren fluchwürdige Namen er überliefert. Genügt es doch, den Namen Pfefferkorn auszusprechen, um an eine der traurigsten Epochen in'der Geschichte der so leideni reichen deutschen Judenheit zu erinnern. Noch bis in das 17. Jahrhundert hinein dauert hier die Schreckensherrschaft einzelner Delatoren,; wie jenes Kräusche,3) von demnach das Sprichwort sich erhalten hat ü Kräusche, eine Denunziation nach dem Tode, weil er sterbend noch; die Schandthat verübte, die Behörde auf das aufmerksam zu machen,; was die Juden mit seinem Leichnam verüben würden, dem er in scheinbarer Büßfertigkeit alle vier' Todesstrafen des Talmuds anznthun: heuchlerisch gebeten hatte. Hirsche! Meyers aus dem Wiener Ghetto; J) *2 n Wb UPIJ1 tf'b'DDp pK2 Dl' ^22 Wö D W pl ■ 1'N DW DJ JlJlhK M12^D2 ]21 ÜV A'TW *111.1 'bVU '322; •n? 1J"lN2 DJ lJ'JöbtP "11*12 S'J'DtoKpD! 2) Vergl. ins "12 D"1ND niDlETl '*Weck.M. Bloch Nr.277 278,313, 317. Vergl. Güdemann, Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der Juden in Frankreich und Deutschland S. 139. 3) Joselmann von Rosheims leider arg verstümmelten Bericht in Frankel-Graetz' Monatsschrift 1875 S. 409 ff. und Graetz, Geschichte VIII 3, 12 n. 2. i 4) Herausgegeben von Neubauer in Israel. Letterbode VI, 137—141. 5) Vergl. das Responsum R. Mose Alschaichs, das Perles in Frankel-Graetz' Monatsschrift 1879 S. 287 f. auf Frankfurt am Main ' mit Recht bezogen hat. v- 6) Vergl. B. H. Auerbach DrfOK Tl'"l2 P« 25,* Carmoly in Ben Chananja III, 512—14. 7) Kaufmann, die letzte Vertreibung der Juden aus Wien; S. 55, n. 1. vor der Vertreibung von 1.670 war noch aus demselben Holze geschnitzt. — Am längsten scheint dieser Krebsschaden der jüdischen Gesellschaft, das Delätorenunwesen, in Polen seine zerstörenden Wirkungen geübt zu haben. Obzwar hier noch in Zeiten, als in anderen Ländern längst die letzte Spur selbständiger Kriminalgerichtsbarkeit unter den Juden erloschen war, die Strafjustiz in allerlei Verstümmelungen, wie Ausschneiden der Zunge, Blenden und Ohrenabschneiden, mit Bewilligung der Behörde frei geübt wurdet, so erhielt das Denünziantenthum mit allen seinen verhängnißvollen- Erscheinungen sich hier doch am zähesten. Soll doch noch am Ausgang des vorigen Jahrhunderts in Posen ein jüdischer Angeber nach dem Urtheil eines rabbinischen Gerichtshofes justifizirt worden sein* 2). Wie ein Ueberlebsel jener traurigsten Erscheinung der mittelalterlichen Geschichte hat sich im Ritual der Gemeinden lange ein Gebet ererhalten, das Montag und Donnerstag oder sonst gegen diese Pest der Angeberei in den Synagogen verrichtet wurde und in den handschriftlichen Agenden zum Gebrauche der Vorbeter3) in den verschiedensten Ländern und Gegenden anzutreffen' ist; Bann und Hinrichtung hatte sich zu Gebet und Verwünschung ermäßigt, bis auch diese letzte Spur des-Mittelalters mit seinem Druck und Gegendruck wie Schatten der Nacht vor dem Morgen sich zurückzog. Briefe von Berthold Auerbach an Mar Amg. Mitgetheilt von Dr. Adolph Kohut. II. . . . Ich habe von Ihren „Stadtgeschichten" bisher nur „Christkind- Agnes" gelesen und komme ihrem Wunsche nach, mich darüber auszusprechen. Vor dem Jahre 1848 hatte und stellte sich die Poesie eine Art innere Mission in der Art, daß sie die verborgenen Zustände des bisher unbeachteten Volkslebens zur Anschauung brachte. Das Stoffliche an sich hatte selbstständiges Interesse; dieser Einblick in beschränkte, durch geistige und materielle Noth zerrissene oder in sich dennoch festkörnige Lebensweise interessirte. Wenn auch die Welt seitdem sich nicht geändert, die Noth und alles noch dieselbe ist, so schließt man doch mit der Aufdeckung solcher Lebensweise keine neuen Thatsachen auf — außer etwa wie die Beecher Stowe mit Onkel Tom gethan —; die Welt kennt das bereits alles und tritt in die weitere Aufgabe ein, die ethische Verpflichtung dieser Erkenntniß nach beiden Seiten hin ins Werk zu setzen, einerseits, daß der Poet auf dem gegebenen und zur Erkenntniß gebrachten Boden die inneren Conflikte aufzeigt und mit straffer Consequenz verfolgt und andererseits auf eine Versöhnung in sich und mit der gegenüberstehenden s. g. gebildeten Welt hinarbeitet, ohne die Chimären und pausbackigen Unglückstheorien zu adoptiren. Wäre die Erzählung z. B. vor 48 erschienen, so hätte schon die Lebenssphäre, in der sie sich bewegt, ein eigenes Interesse; jetzt.ist es nur die Handlung und Behandlung. Es ist keine eoptatio benevolentiao; ich brauche diese bei Ihnen nicht, es ist aufrichtige Meinung: Sie haben eine entschiedene Gestaltungskraft. und das ist das Wesentliche in der Poesie; Sie verstehen Menschen hinzustellen, die leben, aber Sie haben, wie mir scheint, in der genannten Erzählung nicht den richtigen Ton getroffen. Sie sind mit einem Worte sentimental geworden und dies verhindert Sie auch, den eigentlichen Conflikt ins Auge zu fassen und. in der Katastrophe greifen Sie zu ungehörigen Motiven. . . Ich weiß wohl, wie schwierig es ist, bei stets angespannter Produktion Jegliches ausreifen zu lassen, aber ich darf 0 Perles, Geschichte der Juden in Posen S. 97 v. 85. .Wie Jakob Emden berichtet, hatte sein Vater R. Zebi Aschkenasi als Rabbiner in Lemberg noch das Recht, Todesstrafen zu verhängen. Vergl. Ch. N. Dembitzer ^1' flW>2 I, HÜC a* 2) Perles a, a, O. . 3) Vergl. Kaufmann in Berliners Magazin 17, 291 und Samson Wertheimer S. 67 n.