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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-08-27 · Heft 35 (27.8.1897) · p. Seite 413

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 35 (27.8.1897)
Date
1897-08-27
Page
Seite 413 (sequence 5)
Language
German
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413 der Religionsschulen in private Elementarschulen zu ermöglichen wäre. Jedenfalls sollte man darauf sehen, daß die Regierung keine Anstellungsurkunde auf Kündigung genehmige. Dr. Löb-Emden: Es scheine, als ob die Ausführungen Spaniers die Versammlung sympathisch berührt hätten. Es sei jetzt allerdings die Strömung, jüdisch-konfessionelle Elementarschulen zu bilden; aber dieses würden vorerst noch fromme Wünsche bleiben, da die Erkenntniß über die wohlthätigen Folgen sich noch nicht Bahn gebrochen. Die Gemeinden müßten selbst den Nothstand einsehen, dann würde auch die Heilung vollzogen werden können. Uebrigens sehe es so schwarz, wie Spanier geschildert, in den Religionsschulen doch nicht aus. Sie ohne Weiteres zu beseitigen,, ginge doch nicht an. Hinsichtlich der vom Referenten gemachten Ausführungen über das Schächten bemerkte Redner, daß er auf dem Standpunkt stehe, daß diese Handlung nur von einem würdigen Manne und nicht von Metzgern ausgeführt werden dürfe, das Schächten sei daher nicht vom Lehramte zu trennen. Stern - Hildesheim macht darauf aufmerksam, daß die Vorschläge des Referenten in Bezug auf Verbandskassen für die Provinz Hannover bedeutungslos seien, da die jüdischen Lehrer resp. Gemeinden aus dem Provinzialfonds Zuschuß erhalten. Spaniers Vorschlag sei auch ihm sympathisch, er glaube aber, daß derselbe in mittleren und größeren Städten, wo die jüdischen Eltern ihre Kinder meistens nur den höheren Schulen zuführten, nicht so leicht zur Ausführung gelangen könnte. Der Referent bezweifelt, daß die Verwandelung der Religionsschulen, in öffentliche Elementarschulen ausführbar sei, deshalb müsse für die Religionslehrer gesorgt werden. Dr. Gronemann- Hannover: In der Frage über das Schächten theile er die Ansicht seines Kollegen Dr. Löb. Nur in Fällen der Noth pflege er Metzgern die Autorisation zu ertheilen. Redner bemerkt bei dieser Gelegenheit daß er demnächst eine neue Bearbeitung des Siwche-Schlomim.herauszugeben beabsichtige. Entgegen der Ansicht Spaniers ist Redner der Meinung, daß sogar die in kleineren Orten schon bestehenden jüdischen Elementarschulen in Gefahr seien, von den sogenannten Rektorschulen verdrängt zu werden. Spanier-Stolzenau entgegnet dem Vorredner, daß dieses größtentheils von der Fähigkeit und Geschicklichkeit des jüdischen Lehrers abhänge. Die Rektorschulen pflegen für Quinta öder Quarta einer höheren Schule vorzubereiten. Wenn der jüdische Lehrer zeige, daß er mindestens das gleiche Ziel erreiche, so würden die Kinder doch der jüdischen Schule verbleiben. Hinsichtlich der Religionsschulen betont Redner ausdrücklich, daß er keineswegs dieselben nun mit einem Male aus der Liste der Schule streichen wolle, er sehe die Religionsschule als Ursache der Sonderstellung an, darum müsse man das Ziel, Beseitigung derselben, immer im Auge behalten. Redner verweist auf die Bestrebung der Regierung, die ehemaligen polnischen Landestheile zu germanisiren, das ginge auch so schnell nicht, aber das Ziel werde im Auge behalten. Levy-Norden ist der Meinung, daß die Lehrer nicht im Stande wären, zu ihrer Besserstellung etwas Wesentliches thun zu können. Der Verband müsse die Gründung von Provinzialverbänden und Kassen anregen. Bachenheimer-Harburg - glaubt, daß auch in größeren Städten Elementarschulen mit höheren Lehrzielen errichtet werden könnten. Man müsse den Eltern nur klarlegen, daß die ersparten Kosten an Schulgeld den jüdischen Lehrern zu gute kämen. Hiermit schloß die Generaldebatte. Da nunmehr für die Unterstützungskasse eine Sitzung anberaumt war, so wurden die Thesen einer Kommission überwiesen. In die Kommission wurden gewählt Stern- Hildesheim, Meyer-Hannover, Spanier-Stolzenau und der Referent. Das Mittagessen wurde gemeinschaftlich eingenommen. Ernste und heitere Reden wechselten mit einander ab. Nach Wiedereröffnung der Sitzung wurden die von der Kommission inzwischen bearbeiteten Thesen nach, kurzer Debatte angenommen. Dieselben lauten in der angenommenen Fassung: 1. Es ist die Hauptaufgabe aller jüdischen Lehrervereine, die definitive Anstellung aller jüdischen Lehrer sowie deren Pensionirung und Fürsorge für ihre Hinterbliebenen zu erstreben. 2. Es empfiehlt sich: a) die Erhaltung bereits bestehender und die Begründung neuer öffentlicher Elementarschulen, b) der obligatorische Charakter des jüdischen Religionsunterrichtes. 3. Es ist erforderlich, daß sämmtliche jüdischen Religionslehrer die allgemeine Bildung eines preußischen Volksschullehrers und die jüdischen Volksschullehrer das zur Ertheilung des jüdischen Religionsunterrichtes nöthige Wissen vor einer staatlichen Prüfungskommission Nachweisen. 4. Die Anstellung der jüdischen Religionslehrer hat in derselben Weise zu geschehen wie die der Elementarlehrer. 8. Zur Erreichung einer auskömmlichen Pension muß auch die nebenamtliche Thätigkeit des Lehrers besonders besoldet werden. 6. Zur Ausführung dieser Bestrebungen sind erforderlich: a) die Gründung von Provinzial-Gemeindeverbänden, b) nach dem Muster der staatlichen Ruhegehaltskassen die Errichtung von Provinzialkassen, die sich zu einer Centralkasse vereinigen, aus welcher die Mittel für Pensionirung und Versorgung der Hinterbliebenen bestritten werden. Alle jüdischen Lehrer haben es als Ehrenpflicht zu betrachten, für die Stärkung des Grundfonds dieser Kassen thätig zu sein. ' Die gestern abgebrochenen und nunmehr fortgesetzten „freien Besprechungen" hielten die Theilnehmer noch eine gute Weile beisammen. Als Verbandsdelegirte für die nächsten drei Jahre wurden der Vorsitzende und Levy- Norden gewählt. Hiermit war die Tagesordnung erschöpft. Die nächste Konferenz soll am 1. und 2. Pfingsttage wieder in Hannover stattfinden. Vorträge übernahmen die Herren: Dr. Gronemann-Hannover, Levy- Hannover (Lehrprobe), Scheuer-Lemförde und Nagel-Diepholz. Nachdem die Versammlung dem Vorsitzenden für seine Mühewaltung gedankt, wurde die Versammlung Abends 6 Uhr geschlossen. Frohes Wiedersehen im nächsten Jahre! Die Schriftführer: Iwan Meyer-Hannover. Julius Spanier-Stolzenau. Eine pädagogische Bemerkung. Von Landrabbiner Dr. Feilchenfeld in Schwerin. fn seinem Vortrage „Die völkerpsychologische Betrachtung des Judenthums", den Professor Dr. M. Lazarus im letzten Winter gehalten hat, stellt er in seiner beredten Weise die Vorzüge der israelitischen Lehre dem heidnischen Alterthum gegenüber. Dabei rühmt er es auch, daß das Judeuthum das goldene Zeitalter nicht in die Vergangenheit, sondern in die Zukunft setzt. „Nicht absteigend von dem Ideal lebt die Menschheit, sondern aussteigend soll sie leben." Eine Ausnahme, meint er, bilden die ersten Kapitel der Genesis, die Geschichte vom Paradiese. „Das Paradies der Vergangenheit entspricht nicht ganz dem jüdischen Geiste, das Paradies der Zukunft der Menschheit, die messianische Zeit, das war das Sinnen und die Sehnsucht des jüdischen Geistes." Eduard Laster in seiner Schrift über Anlage und Erziehung sagt: „Auf dem Staudpunkt sittlicher Erwägung aber steht die Entwickelungslehre Darwins auf gleicher Höhe mit der Erziehungslehre Lessings. Der gemeinsame geistige Inhalt läßt sich nicht besser ausdrücken als durch den gemeinsamen Gegensatz zur biblischen Legende. Diese erzählt, daß der Mensch vollkommen geschaffen, in den behaglichsten Zustand eingesetzt worden, durch sein Verschulden aber auf eine tiefere Stufe des Geisteslebens herabgefallen und in einen unbehaglichen, .verwilderten Zustand gerathen sei. In beiden Lehren ausgeprägt ist der Gegensatz zur religiösen Legende von dem vollkommen erschaffenen,durch den Sündenfall herabgekommenenMenschen." (Ueber Anlagen und Erziehung, S. 222, 223.) Wenn ich hier auf eine irrthnmliche Auffassung der ersten Kapitel unserer heiligen Schrift Hinweise, so habe ich dabei vorzüglich unsere Religionslehrer im Auge. Unsere Religionslehrer sollten sich solch unklarer, leicht irreführender Ausdrücke, wie Paradies, Sündenfall, gar nicht bedienen. In unserer Bibel steht nichts weiter, als daß die ersten Menschen in den j Garten Eden gesetzt worden. Nicht einmal das für Viele so ani ziehende Vergnügen des Müßigganges war ihnen gegönnt. Sie sollten! ja den Gärten bebauen und behüten. Und welche andere Lust gab es für sie? Weder steht etwas davon da, daß die beiden ersten ^Menschen sehr glücklich, noch daß sie sehr dollkommen waren. Un- ' schuldig waren sie wie das kleine Kind, das noch nicht zwischen gut

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