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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-08-27 · Heft 35 (27.8.1897) · p. Seite 412

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 35 (27.8.1897)
Date
1897-08-27
Page
Seite 412 (sequence 4)
Language
German
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zwischen Lehrern und Gemeindebund zu säen. Es sei völlig irrig, daß der Gemeindebund das Bestreben habe, über den Verband zu herrschen oder ihn irgendwie zu bevormunden. Der Gemeindebund wolle nur Hebung der Schule und Besserstellung der Lehrer. . Derselbe habe auch wesentlich dazu beigetragen, daß die Pensions- und Reliktenkasse des Verbandes anfange, sich lebensfähig zu gestalten. In einem Schreiben des Verbandsvorsitzenden wird ferner zur Kenntniß der Versammlung gebracht, daß derselbe Vorschläge über die Gestaltung der Kasse erwarte. Ein Zuschuß von 150 Mark zu den Kosten sind wiederum von dem Verbände gewährt. Der Vorsitzende machte hierbei die Bemerkung, daß der Modus der Vertheilung dieses Zuschusses in unserem Verein bei dem Verbandsvorstande Beifall gefunden habe. Aus den vom Verbandsvorstande an die Lehrer versandten Fragebogen habe man ersehen, daß die materielle Lage und gesetzliche Stellung der Lehrer in Hannover recht günstige seien im Vergleich zu den östlichen Provinzen. Der Gemeindebund hat dem Verein fünf Exemplare „Urbild und Ebenbild" von Rabbiner Dr. I. Goldschmidt - Offenbach a. M. zur Vertheilung an Mitglieder nach Ermessen des Vereinsvorsitzenden überwiesen. Der Vorsitzende gedachte des während des Vereinsjahres durch Unfall so plötzlich aus dem Leben geschiedenen wackeren und allverehrten Kollegen Spei er-Hannover. Die Versammlung ehrte dessen Andenken durch Erheben von den Sitzen. Hierauf wurden fämmtliche Vorstandsmitglieder durch Akklamation wiedergewählt. Die Gewählten nahmen die Wahl dankend an. Nunmehr ertheilte der Vorsitzende dem Kollegen Ap t - Pattensen das Wort zu seinem Referate: „Die Geschichte der Erziehung und des Unterrichts bei den Juden." Die Ausführungen des Referenten gipfelten in folgenden Gesichtspunkten: Die Geschichte der Erziehung ist mit der Geschichte unseres Volkes eng verwachsen. Sie geht bis ins Alterthum zurück. Vater und Muter waren da die einzigen Erzieher und die Erziehung eine häusliche und religiöse. Das innige Familienleben begünstigte den Unterricht. Später wurden die Leviten Lehrer. Zur Zeit der Könige waren Schreiben und Zeichnen allgemein bekannt. Die Bibel war und blieb lange Mittelpunkt des Unterrichts. Später entstanden Prophetenschulen. Der Unterricht begann früh, die Zucht war streng, die Schüler besuchten oft bis zur Berheirathung die Schulen. Hervorragend thätig für Schule und Unterricht wären Hiskiah, Josia, Esra und Nehemiah. Auch das zerstreute Volk suchte Trost und Belehrung in der Bibel. Es fand bei den Griechen rege Unterstützung. Zahlreiche Männer sorgten dafür, daß der Drang nach Wissen auch in schweren Zeiten nicht völlig gehemmt wurde. Infolge Zerstreuung des Volkes mußte das geistige - Bindemittel, sollte es nicht verloren gehen, niedergeschrieben werden. Es entstanden Mischnah und Gemarah. Sie waren lange Zeiten der Mittelpunkt alles Studiums und enthielten sehr zahlreiche Aussprüche über Schule und Lehrer. Das Judenthum Spaniens war allen in geistiger Bildung voran. Der Unterricht begann im 5. Lebensjahre. Gelehrt wurde zunächst das Alef-Beth; dann Brochaus, 5 Bücher Mosis und „Raschi". Die begabten Schüler lernten Talmud. Arme Schüler wurden von Vereinen und Gemeinden unterstützt; Erstere führten oft ein Wanderleben. Im Mittelalter entstanden auch schon pädagogische Schriften, aus denen recht vieles unseren modernsten pädagogischen Ansichten gleichkommt, die Bücher, z. B. „Büch der Frommen", „Joseph Omez". — Lehrhäuser, Jeschiwaus, blühten in Prag, Fürth und Frankfurt a. M. Der Lehrerstand war nicht angesehen, das Lehramt, weil schlecht besoldet, ein mit vielen Nebenbeschäftigungen verbundenes Gewerbe, , die Schulräume ungesund. So ging es während des ganzen Mittelalters, bis Mendelssohn auftrat. Er übersetzte den Pentateuch in die deutsche Sprache und verbreitete denselben. Infolge der zunehmenden Bildung schloß sich das Judenthum an Staat und Bürger enger an. In verschiedenen Staaten wurden Schulen gegründet und von der Obrigkeit unterstützt. Man sah ein, daß die Juden noch etwas anderes als Hausirer sein konnten. Auch Preußen gab 1812, 1823, 1827 und 1828 Gesetze, welche das Judenthum und seine Schulen betrafen. Seminare wurden gegründet. Der Lehrerstand hob sich und auch in den kleinsten Orten wurden Schulen gegründet. Aber noch ist nicht alles gethan. Zwar geschah vom Gemeindebund viel, der Lehrerbund hat noch viel zu wirken, bis das Ziel „gleiche Pflichten, aber auch gleiche Rechte" für alle Lehrer erreicht sein wird. Der Vorsitzende sprach dem Referenten für seine fleißige, wohldurchdachte Arbeit den Dank der Versammlung aus und stellte die Frage, ob eine Debatte gewünscht werde. Von einer solchen wurde Abstand genommen, nur Herr Landrabbiner Dr. Löb-Emden erbat und erhielt das Wort zu einzelnen Berichtigungen, die interessant und belehrend waren. Herr Dr. Gronemann, der erst später in der Versammlung erschien, begrüßte die Mitglieder nachträglich in seinem Namen und Namens' des durch eine dringende Reise am Erscheinen verhinderten Ländrabbiners Dr. Lewinsky-Hildesheim. Gleichfalls entschuldigte er den Vertreter des D.-J. G.-B., Herrn Benfey, der es bedaure, wegen Unwohlseins der Sitzung nicht beiwohnen zu können. Ferner theilte Redner der Versammlung mit, daß er zu seinem Bedauern dieses Jahr wegen überhäufter Berufsarbeiten nicht in der Lage sei, seinen beabsichtigten Vortrag zu halten. Er bitte daher, sein Referat für nächstes Jahr zu reserviren. Zu einem weiteren Vortrage war die Tageszeit bereits schon zu weit vorgerückt, weshalb in die „Freien Besprechungen" eingetreten wurde. — Recht lebhaft gestaltete sich der Austausch der Meinungen, Erfahrungen und Vorkommnisse, die das vielseitige Amt eines jüdischen Lehrers bewegen. Abends 8^ Uhr wurde die erste Hauptversammlung geschlossen. . Zweite Versammlung, Donnerstag, den 10. Juni. Um 8 Uhr Morgens wurde die Sitzung wieder im Versammlungslokale eröffnet, und Kollege Fa bisch-Göttingen erhielt das Wort zu dem von dem Verband nochmals zur Erörterung gestellten Thema: „Definitive Anstellung sämmtlicher jüdischen Lehrer, ihre Pensionirung und Versorgung ihrer Hinterbliebenen." Der Referent hatte das bezügliche Material fleißig gesammelt und sprach mit vieler Wärme. — Die Versammlung folgte seinen Ausführungen mit Aufmerksamkeit und Interesse. — Nach beendigtem Vortrag sprach der Vorsitzende dem Referenten den Dank der Versammlung aus und stellte den Gegenstand zur Generaldebatte, die sich recht lebhaft gestaltete. An derselben betheiligten sich Spanier- Stolzenau, Nagel-Diepholz, Landrabbiner Dr.- Löb-Emden, Stern- Hildesheim, der Referent, Dr. Gronemann-Hannover, Levy-Norden, Bachenheimer-Harbnrg und Andere. Spanier - Stolzenau erklärt sich mit den Ausführungen des Referenten nicht einverstanden. Die Vorschläge enthielten ja manches Beherzigenswerthe, seien aber keineswegs geeignet, das vom Verband angestrebte Ziel zu erreichen. Das Nebel, welches im Lehrerstande hinsichtlich der definitiven Anstellung rc. bestehe, müsse mit der Wurzel ausgerottet werden. Es sei hier eine chronische Krankheit vorhanden, die geheilt werden müsse und solle. Nach seiner Ansicht müsse man zunächst in Erfahrung dringen, worin die Ursache der mangelhaften Stellung des jüdischen Lehrers zu suchen sei. Die Schuld liege weder an dem Lehrer noch an der Gemeinde, sondern an der Sonderstellung, die der jüdische Lehrer einnehme, eine Art Zwitterstellung, und dieselbe könne nur gehoben werden durch Beseitigung der Ursache dieser Stellung, in welcher Redner die Religionsschule sieht. Dieselbe gebe dem Lehrer die Ausnahmestellung, darum müsse sie beseitigt werden. Redner giebt nun eine Schilderung über die mißlichen Verhältnisse in der Religionsschule, welche die Disziplin bei Eltern und Kindern untergraben. Die Folge sei, daß der Lehrer erlahme in seiner Arbeitsfreudigkeit, und sein Lehrgeschick, ja sein ganzer Charakter in einer solchen Schule zu Grunde gerichtet werde. Für die Religionsschule habe man nichts über, um wieviel weniger für die Lehrer oder deren Hinterbliebene. Darum müsse das Bestreben des Verbandes darauf gerichtet sein, daß statt der Religionsschulen überall öffentliche Elementarschulen errichtet werden, und damit sei das gestellte Ziel, definitive Anstellung rc., erreicht. Nun sei es eine zweite Frage, ob die Hoffnung auf Ausführung keine Utopie sei. Redner glaubt, daß infolge des Schulentlastungsgesetzes auch der kleinsten Gemeinde die Möglichkeit gegeben sei, eigene Schulen zu gründen. Die maßgebenden Behörden würden sicherlich ein Entgegenkommen zeigen, besonders wenn das Gesuch begründet werde mit der Thatsache, daß die Gründung eigener Schulen zur Hebung des religiösen Lebens erforderlich sei. Die oberste Schulbehörde sei ja der Gründung konfessioneller Schulen nicht abgeneigt. Auch in größeren Städten müsse man eigene Schulen mit höheren Lehrzielen errichten. Die dort leistungsfähigen Gemeinden müßten in Anbetracht des hohen Zieles bis an die Grenze des Möglichen gehen. Jüdische Gymnasien seien nicht erforderlich, da das Studium als Lebensberuf nur eine Ausnahme bilde. Das gestellte Ziel sei allerdings nicht leicht und nur langsam zu erreichen, es führe aber desto sicherer zum Ziele. Nagel-Diepholz hält den Vorschlag des Vorredners für gut und zum Ziele führend, glaubt aber, daß die Durchführung nicht angängig sei. Es sei schon ein großer Erfolg, wenn die Umwandelung

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