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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-08-27 · Heft 35 (27.8.1897) · p. Seite 410

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 35 (27.8.1897)
Date
1897-08-27
Page
Seite 410 (sequence 2)
Language
German
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euch und seid heilig, denn heilig bin ich." Wir fragen erstaunt: Was soll diese Feierlichkeit, bei Vorschriften, die doch das eigentliche sittliche Leben kaum berühren. Aber Mose offenbart uns hier eine grundlegende Wahrheit seiner Lehre. . > ' Es. ist ausgesprochen worden: Nicht was in den Mund hineinkommtsondern was aus dem Munde kommt, verunreinigt; und' wer will leugnen, daß Lüge, Verleumdung, Heuchelei, alle. die tausend Sünden einer bösen Zulage mehr Unreinheit in die Welt bringen als der Genuß all' der verbotenen Thiere. Andererseits hat ein moderner Gelehrter das paradoxe Wort gewagt:- Der Mensch' ist, was er ißt, daß der Mensch: nicht nur inseinem Körper, sondern; auch in seinem Geiste und in seinem Charakter abhängig ist von der Nahrung,, die er zu sich nimmt. Wie schroff sind diese Gegensätze! : Der Eine setzt so sehr den ganzen Menschen in die Seele, daß er es,? siir völlig gleichgiltig hält, was in den Mund des Menschen hineinkomme; der Andere, ist so. materialistisch, daß er aus der Nahrung i des Menschen ■ heil Kern und das Wesen desselben darzustellen sich unterfängt. . Perugegenüber verkündigt Mse die goldene Mitte, i Denn allerdings ist der Mensch abhängig in seinem Geiste, in stimm E Temperament,, selbst in. seinem Charakter von. der Entwickelung des? Körpers; es gjebt gewisse Tugenden, die sich nur auf unseren Körper,) ans unser äußeres Leben beziehen, und die doch, wie Reinlichkeit, f Mäßigkeit, wichtig sind für die Entsaltung der Seele. Es können) Nahrungsmittel, welche, der pteMlichm? Natur nicht gemäß sind, je^ nachdem, den Menscheu entweder verwildern.-oder verweichlichen, ja | sie können Krankheitsstoffe dem Körper znführen, oder sie können) auch, wenn sie EM erzeugen, der gewaltsam überwunden werden \ NtNß. das Menschliche Gefühl gegen das Ekle, Häßliche und Schmutzige ,j abstllmpfen. j So sehr das Esten ein thierisches Bedürfniß befriedigt, so zeigt') der Menschnicht zum wenigsten auch im Effen seine Kultur, sein voMß Thicre unterschiedenes Wesen- Es ist eine ungeheure UebertreibmG i den Menschen als das Produkt der Speisen hinzustellen, die er. gcnießt; aber es ist. falsch/ zu sagen, daß, was in den Mmü» j kommt, nicht verunreinige. Auch diese Gesetze des Mose, indem Je i vor dem. Eklen, vor dem Kranken, vor dem Schädlichen uns wahren, indem sie uns Enthaltsamkeit lehren, sind ein Mittel, uns zu heiligem?) sie dienen durch den Körper der ^eele.? y Aber freilich, es giebt höhere Gesetze des sittlichen Lebens aHdiese; wir ehren die Weisheit, die mit ihren Strahlen jedes GebiM menschlichen Daseins erhellt; aber wenn es auch in den Sprüchen^ der Väter verboten wird, wir muffen dennoch auch in der Religion Wichtigeres von minder Wichtigem unterscheiden. Sehen wir uns dlH } nur um in den jüdischen Gemeinden, es ist alltäglich, daß die Gemeind^! Männern die Verwaltung übertragen, die es mit diesen Spejst- ' gesehen weniger genau nehmen; instinktiv, wird sonach ein UnterschiH , gemacht Zwischen den Geboten des Sittengesetzes und diesen ÄD •; schriften, und die Führung der Gemeinde wird vielfach Dem über tragen, der so manche dieser Vorschriften bei Seite läßt, ohne darum; sein Judenthum anfzugeben. Nur ist es nicht recht, von einem Joch des Gesetzes zu reden, wenn dies Gesetz unserem Heile und mittelbar ' unserer Heiligung dient. Wenn so Viele, die außerhalb unserer Religiynl! stehen, die höchsten Ziele der Sittlichkeit erreicht haben ohne diese r SAung. so Wunen wir es verstehen, daß auch mancher Jude glaubt^ sie entbehren zu können. Aber die Weisheit und FolgerichLigkeit^ dieser Satzung, die durch den Körper die Seele erziehen wip, besteht vor jeder- Prüfung; sie hat so manches Uebel verhütet und Israel gesund erhalten an Körper und Seele. 1 Berlin. 22.'August, ine wichtige" Entscheidung des Milüsters des Innern 'ward uns in dieser Woche aus. Oberschlesien gemeldet.^ Nach dieser genießen ausländische Juden in Preußen nicht nur das aktive, sondern auch das passive Wahlrecht. Das war bisher unbekannt. Zwar ist in Frankfurt a. M. vor einigen Jahren in gleichem Sinne entschieden worden, aber eine endgiltige Norm hat bisher in dieser Angelegenheit noch nicht existirt. Die Synagogengemeinde zu Neustadt i. O. hat das Verdienst, diese Entscheidung provozirt zu -haben, und man schreibt uns von dort : „In der hiesigen jüdischen Gemeinde hatten seit Jahren mehrere Oesterreicher das Wahlrecht zu den Ehrenämtern der Gemeinde -unbeanstandet ausgeübt. Bei der letzten Wahl aber, die von der königl. Regierung zu Oppeln veranläßt wurde, enthielt die vom Magistrat eingereichte Wählerliste den ausdrücklichen Vermerk: „Ausländer sind von der Wählerliste zu streichen". Das von Len Betheiligten an die königliche Regierung mittelst Eilbrief gerichtete Gesuch - um Zulassung zur Wähl blieb unbeantwortet, so daß die Wahl ohne Betheiligung der Ausländer stattfand^ Nun erfolgte unter Berufung auf den Wortlaut des Gesetzes vom Jahre 1847 Protest gegen die Richtigkeit der Wahl; derselbe hatte den Erfolg, daß .die königliche Regierung auf eine, nochmalige kurze Anfrage mittheilte, sie habe in dieser Angelegenheit eine Entscheidung des Ministers des Innern verlangt. Der Bescheid desselben vom 13. Juli veranlaßte dann die in Abschrift beifolgende Aufforderung an den . Magistrat zu Neustadt O.-S., die Wahr zu kasstren und eim Neuwahl anzuberaumen, „nachdem der Herr Minister des Innern entfchißben hat, daß nach den Bestimmungen des Gesetzes vom 23. Juli 1647 ausländische Juden, welche im Inlands wohnensowohl das aktive wie das passive Wahlrecht zur Repräsentankertversammlung erwerben können". Das Reskript des Ministers werde ich - Ihnen wohl auch noch im Wortlaute mittheilen können:" Man sieht, wie schwer es ist, das antiquirte Gesetz von 1847 zu verstehen und richtig zu deuten. Die Sacheliegt nun jetzt so, daß ein ausländischer Jude wohl Reprösentantenvorsteher, aber nicht Kantor oder- Schächter in einer preußischen Synagogengemeinde ' sein darf. Eineil charakteristischen "Beleg für den absoluten Mangel an .Existenzfähigkeit als Partei haben die Antisemiten im Reichstage hei Gelegenheit der namentlichen Abstimmungen in dieser .Legislaturperiode erbWht. Die N. L. E. schreibt darüber: Nach der Ueberficht über die jüngst beendete Session, die sich bekanntlich über zwei Winter erstreckte, haben seit November 1695 bis inel. Juni 1897 im Ganzen 45 «amentliche Abstimmungen stattgefunden. Bei diesen 46 Auszählungen ergab sich, daß von Den 16 Antisemiten iM Durchschnitt immer nur etwa die Hälfte (genau 8,4) anwesend waren, und zwar fehlten von der anderen Hälfte die meisten ohne Entschuldigung. Zur höchsten Stufe in letzterer Beziehung haben es Oie Herren Köhler und Böckel gebracht, Elfterer war nur sechsmal anwesend, fehlte also 39mal, darunter 35mal ohne Entschuldigung'. Dr. Böckel war neunmal zugegen, fehlte" aber alle 36mal ohne Entschuldigung. Dann kommen erst Ahlwardt, der 35-, Hirsche!, der 31-, und Bindewald, der 28mal fehlte, uüd zwar Ahlwardt 31-, Hirsche! 23-, Bindewald 25mal ohne Entschuldigung. — Die wenigen „deutschsozialen Reformer", die an den namentlichen Abstimmungen theil- «ahmen, sind aber keineswegs einig gewesen. Einmal, am 22. Juni 1896, wußten sie überhaupt nicht, was sie wollen sollten. Als an diesem Tage . über den so^üdemokrätischen Antrag abgestimmt würdewonach die Kranken- Mficherungspflicht durch einen Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzöuche-- eingeführt Merden sollte, fehlten 13, und die anwesenden 3 enthielten sich dev Abstimmung. Und 15 mal stimmtet, diese „Reformer" lustig wider. Mander, als ob niemals einer der. ihrigen in Volks-

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