Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1897)
- Date
- 1897-08-20
- Page
- Seite 3 (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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welcher Beliebtheit sich der Verstorbene in der Stadt und Umgegend zu erfreuen hatte. Am Grabe sprach in Abwesenheit unseres Bezirksrabbiners Herr Bezirksrabbiner Dr. Einstein-Landau, indem er die Tugenden des Entschlafenen eingehend schilderte. Möge der Fromme in Frieden ruhen. Orstrrrrrch-Ungarn. LZ Wien, 16. August. Nun hat der lang erwartete Prozeß Vergani - Schönerer sein Ende gefunden. Ernst Vergani wollte im Gerichtssaale seine Gegner deutschnationaler Couleur vernichten, ihre schweren Beschuldigungen widerlegen und Nachweisen, daß er, der „Ehrenbürger von Mühldorf", diesen Titel auch verdient und keinen widerrechtlichen Eingriff in die Mühldorser Gemeindekaffe begangen habe. Die Klage richtete sich gegen Schönerer und Genossen, die Vergani wiederholt in ihren Blättern angegriffen, in denen sie häufig Artikel mit den Ueberschriften: „Die Defraudationen Verganis", „Geschäftsantisemitische Lumpen", „Vergani, die Verkörperung moderner Korruption" u. s. w. veröffentlichten. Die Ehrenrettung Verganis ist mißlungen: Die Angeklagten wurden freigesprochen, und der Ehrenbürger von Mühldorf soll, wie verlautet, seine Mandate als Reichsraths- und Landtags- Abgeordneter niederzulegen gewillt sein, ob aber der Schmutz, der während dieses Prozesses zu Tage gefördert wurde, so Manchem die Augen öffnen wird über das Gebühren der antisemitischen Kerndeutschen, das bleibt noch fraglich! Vergani veröffentlicht in seinem „Dtsch. Volksbl." frohlockend, Bürgermeister Dr. Lueger habe ihm, Vergani, sagen lassen, daß im Verhältnisse Beider sich nichts geändert habe und daß Vergani „in der Achtung Luegers in Folge des Ausganges des Prozesses nicht im Geringsten gesunken sei!" — In Liebeschitz in Böhmen wurden auf dem dortigen jüdischen Friedhofe ungefähr dreißig Grabsteine herausgerissen, umgeworfen und theilweise zerbrochen. Die Anzeige von diesem neuerlichen antisemitischen Bubenstücke, welches an das unlängst im nahegelegenen Orte Weitentribetschitz ausgeführte erinnert, wurde erstattet. — Bei der vor Kurzem stattgefundeneu Grundsteinlegung zum Bau des israelitischen Bethauses in Groß-Enzersdorf sah sich der Statthaltereirath Baron Hock durch die Anwesenheit des dortigen Kooperators Max Ott veranlaßt, mehreres darauf Bezügliches in seiner Ansprache zu erwähnen; so sagte er u. a.: „Mit herzlicher Freude konstatire ich, daß hier auch der hochwürdige Vertreter der katholischen Pfarrgemeinde erschienen ist, den ich auch auf das Wärmste begrüße. Es gereicht mir dies zu besonderer Befriedigung, weil ich darin ein Anzeichen erblicke, daß die Vertreter der katholischen Kirche mit den geistlichen Funktionären Ihrer Glaubensgemeinde das Bestreben bekunden, freundschaftlich und, ich möchte sagen, kameradschaftlich nach dem gleichen Ziele hinzuwirken; das bietet die Gewähr, daß auch in Zukunft der Geist der Duldung, der Toleranz in dieser Stadt walten werde." Diese Worte gaben Anlaß zu einer mit großer Intensität betriebenen Hetze in christlich-sozialen Kreisen gegen Baron Hock, die dieser zwar nicht beachtet, die aber den Kaplan Ott zu einer ebenso lächerlichen als energischen Abwehr gegen die Behauptung veranlaßt, daß er dem Geiste der Toleranz huldige und -rschrecklich! — seinen antisemitischen Anschauungen untreu werde. — Der Kaiser hat dem Abtheilungs - Assistenten an der allgemeinen Poliklinik in Wien Dr. Samuel Kohn in Anerkennung seiner vieljährigen verdienstlichen Berufswirksamkeit taxfrei den Titel eines kaiserlichen Rathes und dem Oberbauingenieur im Ackerbauministerium Emanuel Sychrowsky den Titel und Charakter eines Baurathes, ferner dem Gewerbe - Oberinspektor Michael Kulk a den Titel und Charakter eines Regierungs rathes verliehen. — Am 1. d. M. fand im Sitzungssaals der israelitischen Kultusgemeinde in Brünn eine zahlreich besuchte Kantoren Versammlung statt, in welcher die Statuten des mährischen Kantorenvereins durchberathen wurden. Es wurde der Jahresbeitrag für ordentliche Mitglieder mit 24 Kronen, der der unterstützenden Mitglieder mit 10 Kronen und der Gründer mit 100 Kronen festgesetzt. Die Wittwenunterstützung beträgt 1000 Kronen. Weiter sorgt der Verein für die Hinterbliebenen Waisen bis zur Selbstständigkeit derselben. — Eine Zeitungsnotiz wußte letzthin zu melden, daß kürzlich bei Ausgrabungen in Bosnien eine jüdische Chronik in Knittelversen gefunden worden sei, welche unter den Auspicien des österreichisch-ungarischen Reichsfinanzministers von Kallay bearbeitet und dem hiesigen Museum für jüdische Alterthümer einverleibt werden solle. Die Notiz enthält mehrfache Unrichtigkeiten. Das Manuskript, welches offenbar gemeint ist, eine Haggadah für das Passahfest, wurde nicht bei Ausgrabungen gefunden, sondern von dem bosnisch-herzegowinischen Landesmuseum in Serajewo von einer daselbst ansässigen alten spagnolischen Familie im Jahre 1894 erworben. Der Werth der Handschrift besteht in erster Linie in ihrem sehr reichen bildlichen Schmuck, welcher, zusammengehalten mit dem hohen Alter des Manuskriptes (XIII. Jahrhundert) — illustrirte hebräische Codices aus dem Mittelalter gehören bekanntlich zu den größten Seltenheiten —, Veranlassung war, daß dem Manuskripte von fachmännischer Seite besondere. Beachtung geschenkt und auf die Initiative des Reichsfinanzministers von dem Kustos im kunsthistorischen Hofmuseum in Wien Dr. Julius von Schlosser und dem Universitätsprofessor Dr. David Heinrich Müller die vollständige Publikation der Handschrift in Angriff genommen wurde. Bemerkt sei schon jetzt, daß der in Rede stehende Kodex keine Knittelverse enthält, und hier jedenfalls eine Verwechselung mit einer ähnlichen Handschrift des Germanischen Museums, die ebenso wie noch einige andere Manuskripte zur Vergleichung herangezogen wurde, vorliegt. Eine in dem Kodex vorsindliche handschriftliche Notiz erweist als Heimathsland Spanien, wo ein jüdischer Miniaturist wohl gegen Ende des dreizehnten Jahrhunderts (?) an dem Kunstwerk gearbeitet hat. ) B. Budapest, 10. August. Die Bemühungen der Budapester Polizeibehörde, den Aufenthaltsort der vermißten Ilona Schönhauser, die in einer hauptstädtischen Klinik bei Außerachtlassung der gesetzlichen Normen getauft wurde, waren bisher erfolglos. Der Kaplan Karl Kantär, der das Mädchen taufte, gab bei seiner Vernehmung der Bermuthung Ausdruck, daß sich das Mädchen in Raab oder in Oedenburg befinde. Diese Annahme erwies sich als unrichtig, dagegen sprechen mehrere Umstände dafür, daß das Mädchen in einem belgischen Kloster internirt ist. Es ist dies das Kloster „zur ewigen Anbetung" in Watermael-Boitsforte, mit dem der genannte Kaplan in engem Kontakt steht. Die Oberstadthauptmannschaft wird sich jetzt in dieser Angelegenheit an das österreichisch-ungarische Konsulat wenden und dessen Intervention erbitten, damit die belgische Polizei in dem betreffenden Kloster Nachforschungen anstellen möge. — Der kgl. ungar. Honvedminister verfügte, daß die jüdischen Rekruten, die am 6. Oktober zu ihren Truppenkörpern einrücken sollten, mit Rücksicht auf den auf diesen Tag fallenden Jom Kippur einen Tag später einzurücken haben. — Obgleich die Bewegung, welche die Gründung eines Landes- Rabbinerverbandes bezweckte, zu keinem Resultate führte, vereinigen sich infolge einer neueren Anregung die Rabbiner der transdanubischen Kultusgemeinden zu einem Rabbinerverbande, der sich zur Aufgabe machen wird: Vorlesungen zu veranstalten, die Regelung des Religionsunterrichtes, dem zusammentretenden Landeskongresse ein Memorandum vorzulegen, in dem die Regelung des Verhältnisses der Rabbiner und Kultusbeamten zur Kultusgemeinde gefordert werden möge, und schließlich dahin zu wirken, daß rabbinische Funktionen nur Rabbiner verrichten dürfen. — In Muraszombat wurde Dr. Josef Frank zum Rabbiner gewählt. Großbritannien. ags London, 18. August. Wir erhalten von dem Vorstand des Board of Guardians of Jewish Poors in London folgende Warnung, die wir nicht dringend genug allen Betheiligten ans Herz legen können, und um deren Weiterverbreitung wir angelegentlichst bitten: Der Vorstand des Hilfsvereins jüdischer Armen zu London (The Board of Guardians for the Relief of Jewish Poor of London) bringt zur Kenntniß, daß allen solchen unbemittelten Frauen und Kindern, welche unter falschen Erwartungen nutzloserweise nach London kommen in der Hoffnung, seitens unseres Vorstandes mit Schiffsfahrkarten versehen zu werden, um ihren Ehemännern nach Amerika oder anderwärts nachzureisen, in keiner Weise Hilfe geleistet werden kann. Es werden daher alle mit derartigen Absichten Durchreisende ernstlichst und feierlichst gewarnt, sich nicht in unnützes Elend und Leiden zu stürzen, da der Vorstand Ansuchen auf Unterstützung irgend welcher Art unter keiner Bedingung berücksichtigen kann. Mütter mögen ihrer selbst und ihrer Kinder wegen sich diese Mittheilung zu Herzen nehmen, um sich vor Enttäuschung zu hüten. Im Aufträge: M. Stephany, Schriftführer. Umniinren. s. Bukarest, 7. August. Es ist bekannt, wie heftige Kämpfe die rumänischen Juden um die Zulassung ihrer Kinder zu den