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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-08-20 · Heft 34 (20.8.1897) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 34 (20.8.1897)
Date
1897-08-20
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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Schulen geführt haben, und wie große Opfer sie für die Errichtung eigener Schulen schließlich bringen mußten. Nun hat das Ministerium, des Unterrichts abermals mit einem Federstrich alle Erfolge in Frage' gestellt. Es hat die Bestimmung getroffen, daß alle Schüler, welche im die Sekundärschulen aufrücken wollen, ein Zeugniß der staatlichen Schulinspektoren haben müssen; dieses Zeugniß aber ist an die Taxe von 20 Francs geknüpft, - eine Summe, die die armen -Juden nur in den seltensten Fällen erschwingen können. Ausnahmen dürfen nur bei Rumänen, in keinem Falle aber bei Juden, d. h. Fremden, gemacht werden. Diese neue Erschwerung hemmt 30000 jüdische Kinder, eine auch nur einigermaßen genügende Bildung sich zu erwerben. NWanÄ. n Nikolajew, im August. Was noch in Rußland Vorkommen kann, das möge Ihnen die folgende authentische Geschichte beweisen: Ein Polizeidiener in unserer Stadt forderte zwei auf der Straße vorübergehende Juden Namens Goldschmidt auf, ihm nach der Polizeiwache zu folgen, weil diese lange Peies trugen. Auf der Polizeiwache angekommen, befahl man den Beiden, sie sollten sich ihre Peies sofort abschneiden, und als dieselben sich dessen weigerten, drohte man ihnen, sie so lange in Haft zu halten, bis sie darauf eingehen würden. Die Goldschmidts sahen sich schließlich gezwungen, gegen ihre „religiöse Ueberzeugung" zu handeln, und schnitten sich gegenseitig mit tiefer - Wehmuth. die Peies herunter. Jedoch, kaum von der Polizeiwache entlassen, reichten sie eine Beschwerde gegen den Polizeidiener beim Generalgouverneur von Nikolajew ein. Dieser fand in der rohen That des Polizeidieners eine Mißachtung und Beleidigung der jüdischen Religion und eine Ehrenkränkung der Brüder Goldschmidt, wozu der Polizeidiener durchaus keine Berechtigung hatte. Er befahl daher, den Polizeidiener streng zu bestrafen und den Nikolajewer Rabbiner sofort von seinem Urtheil in Kenntniß zu setzen. Die Unglücklichen können^ sich also ihre verehrten Peies wieder üppig wachsen lassen. - ' Afrika. L. Algier, im August. Neue Krawalle, welche das Ein-I schreiten der Polizei nothwendig machten, sind: aus einer, übrigens zum Oktober vertagten, Gerichtsverhandlung gegen den „Antijuif" -ent^ standen. Nur dem energischen Vorgehen der Polizei ist es zu danken/^ daß Plünderungen der jüdischen Läden vermieden wurden. —-Bon desis fünf seinerzeit verhafteten Juden, welähe den Krawall mit den R adfa h rern verschuldet haben sollten, der das Signal zu. den Judenhetzen- -.in der ganzen Provinz gab, sind am 30. v. Mts. drei; freigesprochenworden. Die beiden Anderen befinden sich noch in der Haft; doch muß auch ihre Sache bald zur Verhandlung ' kommen, und hofft man allgemein, daß auch diese Beiden freigesprochen werden. — Wir haben hier /nicht weniger als vier antisemitische Zeitungen, alle gleichzeitig radikal-sozialistisch.. Eigentümlicherweise ist. die eine davon offizielles? Organ des Generalgouverneurs, eine andere ist das amtliche Blatt der Stadtverwaltung. Aber diese gleichzeitig politischen juden feindlichen! Zeitungen genügen den Judenhassern nicht, und sie haben zwei rein antisemitische Blätter ins Leben gerufen, , das eine klerikal, , das anders republikanisch schillernd.. Besonders das letztere, „l'Äntijuif", treibt die ärgste und schmutzigste Hetze. Neuerdings haben sich nun die . hiesigen Israeliten entschlossen, den Schutz der Gerichte anzurufen, und si e klagen bei jeder strafbaren Beleidigung. So schweben eine ganze Anzahl vow Prozessen, besonders gegen den „Antijuif", aber welchen Erfolg dieselben haben werden, ist noch nicht zu sagen; zunächst haben sie nur die. Wuth' . unserer Feinde -gestachelt und auf das Höchste getrieben. Erfreulich ist nur, daß die algerischen Juden endlich ansangen, sich zu wehren. ... Von Nah und Fern. — Dem Professor Dr. med. Heinrich Koebner ist der Charakter ' als Geheimer Medizinalrath verliehen worden. — Die Palästina-. Import-Gesellschaft hat von der Jury der Hamburger Gartenbau-' Ausstellung für ihre dort ausgestellten Waaren die große Bronze-Medaille' erhalten. — Dem Direktor der Preußischen Pfandbriefbank Jacob Dannenbaum ist der Charakter als Kommerzienrath verliehen worden. Pfarrer Jskraut hat. selbst eine Eingabe an.den Kaiser in Sachen 'seiner . Wahl zum dritten . Prediger an der Sophiengemeinde gesandt. Sie ist vom königlichen Konsistorium abschlägig e beschieden worden.— Das ,Münchener „Deutsche Bolksblatt" vom 8. August verzeichnet noch folgende „judenreine Sommerfrischen": Oberaudorf-und Kiefersfelden a. Inn Kufstein: Gasthof zur Gräfin. Hinterriß (Baiern) Forsthaus, Walchsee, Langhampfen, Oberbozen, Mezzolombardd (Rest. Gröbner), Rentsch bei Bozen- Cafö Schgraffer, Bozen,.Sermione am Gardasee (Hotel promessi sxosi). — Eine Blüthe des antisemitischen Journalismus, die vor Kurzem in Königsberg i. Pr. ins Leben getretene „Königsberger Volkszeitung", ist nach dreiwöchentlichem Bestehen eingegangen. — In Samter ist an der königlichen Landwirthschaftsschule, die zur Zeit von 39 jüdischen Schülern besucht wird, nach mehreren vergeblichen Anträgen nunmehr die Einführung jüdischen Religionsunterrichtes von der Regierung genehmigt und derselbe (drei Stunde« wöchentlich) dem Gemeinde-Rabbiner übertragen worden. — Am 12. d. M. waren 40 Jahre verflossen, seitdem Herr Lehrer Ostwald in Witten im Schuldienste thätig ist. Die weitaus meisten dieser Jahre hat derselbe in unermüdlichem Eifer und treuester Pflichterfüllung der Wittener Gemeinde gewidmet. Möge es dem allbeliebten Jubilar vergönnt sein, das goldene Jubiläum in derselben körperlichen und geistigen Frische zu erleben. — Eine hübsche Illustration zum Assessoren-Paragraphen. Bei der juristischen (Referendar-)Prüfung in der Rhein-Provinz bestanden im Jahre 1895/96 die Prüfung: Katholiken 54,86 v. H., Protestanten 38,88 v. H., Juden 6,23 v. H. Von den Juden fiel keiner durch, von den Protestanten 15,15 v. H., von den Katholiken 31,67 v. H. — In Erlangen ist das- Verfahren gegen Professor Rosenthal, entgegen der Meldung der „Münch. N. N", dadurch erledigt worden, daß das Oberlandesgericht der ablehnenden Entscheidung des Landgerichts beigetreten ist. — In Tarnopol ist der Advokat und frühere Vizebürgermeister der Stadt Dr. AlexanderFrühling am 28. v. M. im 76. Lebensjahre gestorben. — Am 1. d. M. ist in Budapest der Generaldirektor der Budapester elektrischen Stadtbahn-Aktien-Gesellschäft, Moritz Balüzs de Veröeze, nach langen Leiden gestorben. — In der Stadt Mstißlawl bei Mohilew entstand bei heftigem Winde eine Feuersbrunst, welche gegen zweihundert Häuser, eine Synagoge und sechs jüdische Gebetschulen einäscherte. Die Unterstützung für die durch das Feuer Geschädigten wird in die Wege geleitet.— Die Vorbereitungs- Arbeiten für den elften Orientalisten-Kongreß, welcher vom 5. bis 12. September in Paris tagen wird, sind in vollem Gange. Die Zahl der bis jetzt bereits angemeldeten Delegirten von Regierungen beträgt 26 und der Delegirten gelehrter Körperschaften 42. Unter den Ehrenpräsidenten figurirt auch der Schah von Persien. Borträge sind bis jetzt 67 angemeldet worden, darunter einer von dem Forschüngsreisenden Eduard Glaser über Epigraphik von Süd-Arabien. Der große Assyriolog Oppert wird über einige neuestens entzifferte juridische Keilschrifttexte reden. Auch der ungarische Gelehrte Kamori, welcher die Bibel ins Ungarische übersetzt hat, wird sprechen. Morse Schwab hat einen Vortrag über Megillat Taanith angemeldet. — David Simons, ein bekannter Rechtsanwalt in Amsterdam, ist zum Professor an der juristischen Fakultät in Utrecht ernannt worden. Es ist dies der erste Fall, daß ein Jude an eine der holländischen Universitäten außer Amsterdam als Professor berufen wird. — In Ne w-Iork ist am 22. v. M. einer der hervorragendsten dortigen Glaubensgenossen, Lewis May, im 64. Lebensjahre gestorben. Derselbe war zu Worms geboren und kam 1840 nach Amerika, wo er seither ein Pionier der Reform im Judenthum geworden. 23 Jahre lang war er Vorsteher der Temple Emanuel-Gemeinde in New-Iork, außerdem Direktor des Mount Sinai-Hospitals und erster Präsident der Young Mens Hebrew Association. -«Das Begräbniß des hochangesehenen Mannes fand am 25. v. M. unter zahlreicher Betheiligung von Juden und Christen nach, einem großen Trauergottesdienste im Temple Emanuel statt. — In Buenos-Ayres wurde am 1. v. M. eine neue Gemeindesynagoge feierlich eingeweiht. Als Ehrengast war auchder Pastor der evangelischen Kirche Dr. Thompson erschienen, der eine begeisterte Rede hielt über die glorreiche Mission, die Israel bereits erfüllt und noch in Zukunft zu erfüllen habe. Druck und Berläg von Rudolf Mosse in Berlin.' Verantwortlich für die Redaktion: Max Bäuchwitz in Berlin.

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