Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1897)
- Date
- 1897-08-20
- Page
- Seite 408 (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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des Erzählers, befand sich als Einjährig-Freiwilliger in einer kleinen oberösterreichischen Stadt, die etwa 100 jüdische Einwohner ^zählt;^ welche natürlich an den hohen Festtagen sich zum Gottesdienst der-' einigen, aber weder einen Rabbiner noch einen Lehrer haben. Etwa acht Tage vor Beginn'dieser Festzeit schrieb unser Freund an seinen Sohn: Lieber Siegmund! Du weißt wohl, daß in der zweiten Hälfte der nächsten Woche Roschhaschonoh. ist. Ich bitte Dich. zum. Kommandeur zu gehen und Dir für diese Tage Urlaub zu erbitten, der Dir ohne Zweifel bewilligt werden wird. Wir rechnen also darauf, Dich Mitte nächster Woche bei uns hier zu sehen." Ein getreuer und folgsamer Sohn, erscheint auch unser Siegmund gar schon am nächsten Dienstag im elterlichen Hause. Der Vater ist natürlich sehr erfreut über die Ankunft des. geliebten einzigen Sohnes, aber doch ein wenig verwundert, . daß er schon am Dienstag eingetroffen. „Ich konnte doch nicht später kommen, du doch nach Deinem Briefe morgen Roschhaschonoh ist!" erwiederte der/ Sohn auf die diesbezügliche Frage des Vaters. — „Morgen? Lieber Sohn, das ist ja nicht möglich! Roschhaschonoh kann doch wohl nur auf den Donnerstag und Freitag fallen, da, wie Du weißt, acht Tage später der Versöhnnngstag ist, der nie auf einen Freitag fällt." — Auf diese kalenderische Auskunft des Vaters machte der Sohn zunächst ein sehr betroffenes Gesicht, dann aber brach er in ein, fast hätte ich gesagt: homerisches Gelächter aus, das bald die Räume, des elterlichen Hauses erfüllte, als man erfuhr, die ganze kleine Gemeinde zu habe, da keines der Mitglieder einen . „Luach" sein eigen nenne, einzig und allein gestützt auf die Mittheilung unseres Einjährig-Freiwilligen, sicher angenommen,, daß das Neujahrsfest schon am Mittwoch beginne. Und so hat denn in der' That die verehrte Gemeinde zu X im Jahre 1894 das Roschhaschonoh-Fest, ausschließlich auf die Autorität eines Einjährig-Freiwilligen vertrauend, um einen Tag zu früh gefeiert! Die Erinnerung an das Neujahrsfest brachte in unser Rahmen- Gespräch eine willkommene Abwechselung, b?nn mm mischte sich auch mein — ich darf wohl bald sagen: unser Freund Schimme Grünblatt in die Unterhaltung, die sich vornehmlich um die Art" und Weise drehte, wie man in früheren Zeiten den hohen Feiertagen entgegen ging. Der Tenor des. Gespräches war freilich der Schmerz darüber, daß es so ganz anders geworden sei in dieser neuen Zeit. Schimme Grünblatt wußte darüber aus seiner kleinen mährischen Gemeinde eine ebenso ergötzliche wie charakteristische Geschichte zu erzählen. Der Mann, der in diesem Gemeinwesen seit dreißig Jahren das Ehrenamt eines Bal Tokea (also, um im Stile jenes Mannes zu reden, der vor Gericht auf die Frage nach seiner Beschäftigung kurzweg antwortete: „Neujahrstrompeter") versehen hat, wurde wenige Wochen vor dem Fest in einem kleinen Dorfe dabei überrascht, als er eine mächtige Portion Hasenbraten mit geradezu unwürdigem Appetit verzehrte. Mit Blitzesschnelle ver- ' breitete sich diese traurige Mär in der Gemeinde, und die Folge davon war, daß der Vorstand alsbald den Beschluß faßte, diesem,. Mann jenes Ehrenamt zu entziehen, Der war nun darüber tief imglücklich; er eilte zu dem alten Rabbiner, verlegte sich natürlich zunächst aufs Ableugnen und gelobte, als er endlich überführt wurde, aus tiefster Ueberzeugung aufrichtige Reue; man möge ihm * nur diese Schmach nicht anthun, hat er, er wolle gewiß sein Leben lang keine Vorschrift mehr übertreten. Der Rabbi aber war unerbittlich; seine Antwort lautete klipp und klar: „Wenn Du Haas (heiß) eßt, brauchst De nix zu bloosen." Und dabei blieb es. Unter solchen Gesprächen senkten sich die^ Schatten, des Abends; ' und wir kehrten Heim. So ^geht das Leben in Karlsbad hin, Tag ■■■ für Tag, und fast die. einzige Abwechselung bilden .die vielem neuen Ankömmlinge, die wieder Neue Geschichten zu erzählen wißen. Man wirft oft die Frage auf, woher es komme, daß gerade die Juden in so großer Anzahl die Bäder besuchen. Aber nur der verbohrteste Antisemit kann ihnen daraus einen Vorwurf machen. Die Sorge um die Erhaltung des Lebens, und der Gesundheit ist eine der vornehmsten Pflichten des gebildeten und denkenden Menschen, und wenn die Juden schon in alten Tagen die Heilquellen von Liberias oder Gadara aufgesucht haben, um in ihrem schweren Lebensberuf Kräftigung und Erholung zu finden, so kann man den modernen Juden noch weniger einen Vorwurf daraus machen, wenn sie, deren Leben doch wahrlich nicht leichter geworden ist, alljährlich wie fromme Gläubige zum Sprudel ziehen. Die alten Griechen tauchten die enthüllten Glieder in den Strom und stiegen, als hätten die Nymphen sie geküßt, mit dem heitersten Lächeln, mit dem sie die schöne Welt wie neugeboren begrüßten; aus dem Wellenbäde. Auch der Inder wusch seine Seele, nicht blvs seinen Leib, mit einer gewissen Sinnenlust, wenn er in Heu Fluchen des Ganges badete. Die Römer stürzten sich in die Tiber und umarmten den Wassergott, so wie sie die Welt unterjocht haben. .Dann legten sie sich auf Purpurpfühle mit elastischen Sprungfedern und betäubten die Sinne mit allerlei Spezereien oder machten sie wieder munter mit fabelhaft, scheinenden Reizmitteln. Die ersten Christen verboten die Bäder dagegen als Reizmittel zur Unfrömmigtcit. Wie anders die Juden! -Mit einem frommen Segensspruch gingen sie in das Bad, und die geistige wie die physischer Erholung erschien ihnen fast nur wie eine schöne Nebensache. Die Hauptsache war ihnen die Reinigung des Körpers und der Seele. Dem sittlichen Charakter ihrer Religion entsprechend, stellten sie die körperliche Reinigung, ohne welche der fromme Israelit nicht vor seinem Gott erscheinen und ihm dienen . konnte, immer als ein Symbol der inneren Reinheit dar., Und in diesem Gedanken wurden sie selbst durch den Badeluxus nicht gestört, den die sie umgebende Griechen- und Römerwelt entfaltete. Als Rabbi Gamaliel in dem prächtigen,mit der Statue der Aphrodite geschmückten Bade zu Acco weilte, antwortete er auf die Vorwürfe eines strengen Genossen: „Die Aphrodite ist zur Zierde des Bades, nicht aber ist das. Bad zur Zierde der Aphrodite da!" Wie anders stünde es um das moderne Judenthumwenn solche reine und untadelige Gesinnungen wieder heimisch würden in den Häusern Derer von Israel! K. gjtpveüj facti. Sehr geehrte Redaktion! Sn einigen Nummern Ihres geehrten Blattes werden über das Wort „Schlemiel" verschiedenartige Deutungen gebracht. Ich erlaube mir. Folgendes hierüber zu . bemerken: Das Wort „Schlemiel" ist ein von zwei Worten zusammengesetzter Name obttk das heißt „Gott bezahl's", und weil der leidende, ge-> drückte Mensch die Wohlthaten, die er empfängt, nicht zurückzu erstatten im Stande ist, soist sein Losungswort dem Wohlthäter gegenüber immer uur „Gott bezahl's". Ferner ist Schlemiel der Name des Fürsten vom Stamme Simon ben Zurischadai (Moses 4, 7, 36). Derselbe heißt aber auch Simri ben Such, der durch Pinchas getödtet wurde (Moses 2, 25, 14), denn Schlemiel hatte fünf Namen, siehe Sanhedrin 82, und Simri war einer der fünf Namen; also ein Mann, der so viel Unglück Hatte, vom Fürsten zur niedrigsten Stufe gesunken und getödtet wurde, war der Schlemiel; und so bezeichnet man mit Recht einen unglücklichen, gedrückten Mann mit dem Namen „Schlemiel". Hochachtend Thorn, 26. Juli. : Louis Kalischer. Druck und Verlag von Rudolf Mosse in Berlin. Verantwortlich für die Redaktion: Max B auch Witz in Berlin. - -