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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1897-08-20 · Heft 34 (20.8.1897) · p. Seite 407

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
61 (1897)
Issue
Heft 34 (20.8.1897)
Date
1897-08-20
Page
Seite 407 (sequence 11)
Language
German
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407 Klein hatte mit einer leidenschaftlichen Bewegung Sophiens Hand ergriffen und an seine Lippen gepreßt. „Sagen Sie mir, Sophie, daß dies nicht Ihr letztes Wort ist. Ich will, ich kann nicht von Neuem entsagen; ich will auch glücklich sein, glücklich machen, — Dich und mich." „Es ist mein letztes Wort, Rudolf. — weil es sein muß! Als Frau Milde wieder eintrat und einen etwas unruhigen Blick auf Sophie und Klein warf, zeigte das Gesicht des Mädchens wieder den Ausdruck eines energischen Willens, der den eigentlich echt weiblichen Zügen einen eigenthümlichen Reiz verlieh. Die weißen schlanken Hände hatte sie auf die Brust gepreßt, als könne sie dadurch das heftige Klopfen des Herzens dämpfen. Daß irgend eine Auseinandersetzung zwischen den beiden jungen Leuten stattgefunden, bezweifelte Frau Milde nicht. Sie las es in den Zügen des jungen Mannes, sie errieth es aus dem Wesen ihrer Tochter, die ihr heute anders, ganz anders wie sonst erschien. Die Unterhaltung stockte oft; endlich nahm Sophie an dem Instrumente Platz. Sie wählte den Trauermarsch von Chopin, den sie meisterhaft spielte. Klein lauschte mit tiefer Wehmuth den klagenden Tönen. Er errieth, was Sophie ihm damit sagen wollte. — Es war der Grabgesang ihrer und seiner Hoffnungen. Als sie geendet, trat sie dicht an ihn heran; ihre von Thränen verschleierten Augen begegneten seinen umflorten Blicken. Wortlos reichte sie ihm die Hand, die er eine Sekunde mit heißem Drucke festhielt. Beim Abschied flüsterte sie ihm zu: „Nicht wahr, wir bleiben die Alten, trotzdem und alledem?" „Für jetzt und tu alle Ewigkeit," entgegnete er gepreßt. Frau Milde fragte nicht, was geschehen. Als aber Sophie, den Kopf an die Schulter der Mutter lehnend, sagte: „Ich habe heute den schwersten Sieg, den Sieg über tneinen glühendsten Wunsch gewonnen,— Mutter, er hat mich zu seiner Gattin begehrt, und ich habe Verzicht geleistet," da strich die Mutter liebkosend über den vollen braunen Scheitel des Mädchens, und ihre Stimme klang weich und zärtlich, als sie ernst erwiederte: „Du hast recht gehandelt, Sophie. Um die Last der Armuth und der Lebenssorgen weiter zu tragen, sind seine Schultern zu schwach geworden. Er ist krank, Sophie, schwerer als er ahnt. Ein behagliches Daseitt könnte vielleicht den Wurm tödten, der an seinem Leben nagt. Gott schütze ihn, Gott schütze Dich, mein liebes, tapferes Kind." (Schluß folgt.) Karlsbad 1897. in. irgends kann man besser beobachten, wie die alte Vorliebe des Orientalen für Rahmen-Erzählungen auch heute noch bei den Juden vorhanden ist, als hier im Bade. Seit wir „Tausend und eine Nacht" gelesen, wissen wir genau, was eine Rahmen-Erzählung ist, d. h. also eine Sammlung von Geschichten verschiedenartiger Provenienz, die durch die Einfügung in einen bestimmten Rahmen zu einem passenden Ganzen sich verschmelzen. Man kann es überall beobachten: Wenn Jemmtd eine Thatsache erzählt, so knüpfen sich an diese Thatsache für jede Person innerhalb der Gesellschaft Erinnerungen an Vorfälle, die mit der erzählten Begebenheit irgend eine Aehnlichkeit haben. Wenn wir hier halbe Nachmittage in dem wundervollen „Kaiser-Park" sitzen, mit der Aussicht in die grüne, hügelanstrebende Wälderfülle, und uns über alle möglichen Dinge, am öfter aber über jüdische, unter halten, so könnte ein Stenograph gar leicht aus diesen Gesprächen eine moderne Rahmen-Erzählung bilden. Am meisten interessiren natürlich die Mittheilungen aus fernen Ländern, und der Freund aus dem fernen Sibirien, der drei Wochen zu seiner Hierherreise von Irkutsk gebraucht hat, wird'aut stärksten herangezogen. Allerdings, seine Schilderungen enthalten wenig Vergnügliches, dafür aber tragen sie den Stentpel ungeschminkter Wahrheit an der Stirn. Was er von beit Verfolgungen erzählt, die der letzte Befehl zur Ausweisung der Juden ans Sibirien nach sich gezogen, ist geradezu entsetzlich. Freilich, wenn man hier so beim Morgenkaffee in den Zeitungen las: Die Juden sollen aus Sibirien ausaewiesen werden, hat man dazu nur mitleidig gelächelt. Man glaubte eben, es passire jenen Armen damit gerade kein Unglück, wenn sie aus dem unwirthlichen Sibirien hinaus müßten. Doch das war ein vechängnißvoller Jrrthum. Einmal liebt der Mensch die Scholle, auf der er sein Nest gebaut, und läge sie selbst in den Eisfeldertt Sibiriens, und zweitens sind unsere üblichen Vorstellungen von dem, was man Sibirien nennt, schon darum falsch, weil ja bekanntlich ein Theil des Landes vollständig der Kultur erschlossen ist. Seit Jahrzehnten haben die Juden in Irkutsk sich angesiedelt, sind dort zu Ansehen und Wohlstand gelangt, haben eine Gemeinde von mehr als 1500 Mitgliedern gebildet, haben an der Entwickelung des Handels, der infolge des Durchgangsverkehrs nach Ost- und Nord- Asien ein sehr bedeutettder ist, lebhaften Antheil gettommen, und nun müffen sie auch diese Heimath am Baikal-See verlassen! Der größte Theil der Gemeinde ist bereits ausgewiesen, und nur Diejenigen, welche ttach den Entscheiduttgen des Senats ein unbedingtes Recht haben, in jeder Stadt zu wohnen, also die Kaufleute erster Gilde, ehemalige Soldaten und die Träger akademischer Würden, dürfeit noch dort wohnen bleibett. Selbstverständlich sind auch die Gemeittdebeamten, Rabbiner, Lehrer, Vorsänger, Schächter ebenfalls ausgewiesen. Wie durch ein Wunder hat sich noch ein einziger Melammed lebendig in Irkutsk erhalten, der allen Nachforschungen der Polizei geschickt zu entgehen wußte. Vor einigen Wochen kam aber auch die Reihe an ihn. Er erhielt den Befehl, binnen 24 Stunden die Stadt zu verlassen. Alle Verwendmtgen waren fruchtlos, und als einige sehr einflußreiche Herren den Pvlizeimeister der Stadt dringend baten, er möge doch den einzigen Mann, der den Kittdern der Juden Unterricht geben und die religiösen Funktionen ausüben könne, den Aufenthalt gestatten, wußte dieser den Juden sonst wohlgesinnte Beamte nach langer reiflicher Ueberlegung, nach gewissenhafter Prüfung aller einschlägigen Vorschriften den Petenten nur den einen Rath zu geben: „Der Melantmed kamt bleiben — aber er muß sich taufen lassen!" Ich wiederhole hier, daß ich keinen Witz erzähle, sondern eine historische Thatsache ... Die trüben Aussichten, welche nnter solchen Verhältnissen für die Erziehung der Heranwachsenden Jugend sich ergeben, lenkten in unserem kleinen Kreise wie von selbst das Gespräch auf die immer mehr um sich greifende Unwissenheit in religiösen Dingen, die nicht nur in Irkutsk, sondern auch in Wien und in Berlin, ja selbst in Eywanowitz, wie mein Freund Schimme Grüttblatt wehmüthig bestätigte, zu den traurigsten Kottsequenzen führen muß. (Sin Beispiel hiefür wußte nufer Wiener Freund, einer der vorzüglichsten Männer, den die Wiener Gemeinde mit Stolz zu den ihrigen zählt, aus seinem eigenen Leben zu erzählen. Die Geschichte wäre an sich ja recht komisch, und zunächst wird Jeder darüber lachen. Aber sie hat doch einen verzweifelt tragischen Beigeschmack, wenn man die Nutzanwendung daraus zu ziehen vermag. Der Sohn unseres Freundes,

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