Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 61 (1897)
- Issue
- Heft 34 (20.8.1897)
- Date
- 1897-08-20
- Page
- Seite 406 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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406 r, “ '/l ^KEDMMMMBWWl^GKUHMMU nöthig, und die Thorheit vieler ihrer Mitschwestern, den bürgerlichen Namen mit einem adligen, die jüdische Religion ans diesem Grunde mit der christlichen vertauschen zu wollen, um dann möglicherweise von Seiten des vornehmen Mannes wie der adligen Sippe geringschätzeud behandelt und als recht fatale Zugabe zu der reichen Mitgift angesehen zu werden, theilte sie nicht. Klein gefiel ihr. Wenn er sie liebte, so wie sie nach ihrer Meinung verdiente geliebt zu. werden, wenn sie ihn mit ihrer Person so beglückte, wie sie wähnte, durch sich beglücken zu können, dann — Er bedurfte nur, wie sie sich und auch ihm gesagt, weiblicher Fürsorge, um auch äußerlich den Ansprüchen zu genügen, die sie berechtigt war, an ihren zukünftigen Gatten zu stetlen. Daß ihr Vater ein Veto gegen ihre Wahl einlegen könne, fiel ihr gar nicht ein, sie verstand es, ihren Willen durchzusetzen, und daß der jnnge Doktor mit allen zehn Fingern zugreifen würde, wenn -sich die Möglichkeit, sie zu erringen, zeigte, verstand sich von selbst. Nur seine Bescheidenheit machte ihn blind gegen das Glück, welches sie ihm zngedacht, sie durfte ihm daher immer ein wenig entgegen kommen, sie, das schöne, reiche, begabte Mädchen durste es. Daß ihre Worte einen Sturm in dem Herzen des jungen Mannes angefacht, einen Sturm, der sein ganzes Ich in Aufruhr brachte, ahnte Eva; es war ja ihre Absicht gewesen, ihn zu entfesseln. daß aber seine Gedanken weit weg von ihr flogen, daß er auch nicht eine Sekunde zweifelhaft darüber war, wem sein Herz gehörte und wem er seine Hand bieten wollte, sobald er in der Lage war, einen eigenen Herd zu gründen, das ahnte sie in ihrer eigenen hohen Werthschätzung nicht. Die Zeit, in der sich Klein als Privat-Dozent niedergelassen, war gekommen. Für seine Vorlesungen hatte sich bereits eine für den Anfang recht große Zahl Hörer gemeldet, er hatte unter äußerst günstigen Auspicien seine Universitätskarriere begonnen. Ueber ein Kleines und er hatte das Recht, sich den Besitz zu sichern, nach dem er begehrend seine Hand ausstreckte. Er zweifelte nicht daran, daß Sophie Milde ihn lieb hatte; sie war das einzig passende Weib für, ihn; sie ergänzte ihn; sie würde ihm die treffliche Gefährtin, die treue Freundin, die muthige, liebende Gattin werden. Sophie hatte, wie er, die Schule des Leidens durchgemacht, sie wußte, was es heißt, im Schweiße des Angesichts zu arbeiten, rastlos zu streben und zu ringen. Sie, sie wollte er glücklich zu machen suchen, sie und ihre Mutter. Eva hatte Recht mit ihren Worten, er bedürfe einer fürsorglichen Frauenhand; er selbst empfand es oft. Jene Ohnmachtsanfälle, die er früher gehabt, wiederholten sich jetzt häufig; es schien, als ob der ewig rege Geist, der von Neuem schaffte, den schwachen Körper aufzuzehren drohe. Die Augen Sophiens wie ihrer Mutter ruhten oft fragend, besorgt auf feinem Antlitz, welches bald fieberhaft roth, bald todtenbleich erschien, und ähnlich wie Eva, meinte auch Frau Milde eines Abends, wo er erschöpft von der Vorlesung bei ihnen eintrat: „Sie bedürfen besserer Pflege, lieber Doktor. — Jetzt, wo Sie Ihr Ziel erreicht, können Sie Umschau halten unter den Töchtern des Landes und heirathen. Ja, ja. sehen Sie mich nur nicht so lächelnd an; so ein Privat-Dozent kann seine Wahl treffen." „Und wenn er sie nun schon getroffen?" fragte er neckend, „Fräulein Bernauer hat mir denselben Rath ertheilt wie? Sie, Uheure Frau." In diesem Moment war Sophie eingetreten. Sie hatte schnell den Sinn der Antwort erfaßt; eine glühende Röthe, die aber gleich darauf tödtlicher Blässe wich, flog über ihr Antlitz; doch ihre Stimme klang fest und klar wie immer, als sie fragte: „Nun, habe ich richtig prophezeit? Will sich unser Herr Dozent ein eigenes Heim gründen? Hat Ihr Verstand oder Ihr Herz den Ausschlag gegeben, oder geht es Hand in Hand?" Die kleinen Vorbereitungen zu dem gemeinschaftlichen einfachen Abendbrod führten Frau Milde aus dem Zimmer. Einen Moment saßen die beiden jungen Leute schweigend neben einander. Plötzlich, noch ehe Sophie zum Bewußtsein der Situation gekommen, fühlte sie die heiße Hand Kleins auf ihrem zitternden Arm; er war ihr ganz nahe getreten, seine Augen ruhten in unbegrenzter Zärtlichkeit an ihrem vor Aufregung marmorblaffen Antlitz. „Sophie, ich frage Sie aus tiefstem Herzensgründe, wollen Sie mein Weib werden, — mein Dasein, welches hoffentlich mehr Freude als Leid in sich schließen wird, mit mir theilen? Können Sie mich lieben, —'so recht aus voller Seele, wie ich Sie liebe?" Er hatte die schwankende Gestalt mit seinen Armen fest umschlungen; ihr Beben theilte sich ihm mit; einen kurzen Moment ruhte sie in süßem Selbstvergessen an seiner Brust. Ein Kuß, sanft, mild wie einIHauch, berührte seine Lippen, der erste und einzige, den er von einem fremden Weibe empfangen, der erste und einzige, den sie je einem Manne gegeben, — dann aber riß sie sich gewaltsam aus seiner Umarmung; ein unumstößlicher Entschluß prägte sich in ihrem Gesichte aus. Leise, aber fest klang es aus ihrem Munde: „Niemals werde ich Ihr Weib, niemals! Gesetzt den Fall, das dankbare, großmüthige Gefühl, welches Sie zu diesem Entschluffe gebracht, wäre die große, heilige Liebe, die den Mann zum Weibe, das Weib unwiderstehlich zum Manne hinzieht, kann ich Ihren Antrag nicht annehmen. Ich liebe Sie. ich liebe Sie," schluchzte sie leidenschaftlich auf, „aber eben weil ich Sie liebe, werde ich niemals Ihr Weib. Sehen Sie mich nicht so erschreckt, so traurig an; es kann und darf nicht sein. Wir kennen Beide den Fluch der Armuth," fuhr sie mit vibrirender Stimme fort. „Sollen wir ihn auch noch weiter vererben? Ist es nicht genug, daß wir darunter leiden müssen? Glauben Sie, ich würde es ertragen. Sie, den ich mehr liebe als mich selbst, weiter und weiter an der Last schleppen zu sehen, die Ihre armen, müden Schultern zu Boden gedrückt?! O, wäre ich reich, dann legte ich freudig meine Hand in die Ihre; Sie sollten es fühlen, wie lieb ich Sie habe! Reichen Sie mir die Hand, lieber Rudolf," fuhr sie eifrig fort, „ich muß stark sein, um Jhret- und um meinetwillen. Ich danke Ihnen, ich danke Ihnen tausendmal, denn Sie haben mich durch Ihren Antrag so glücklich geniacht, als ich es zu sein vermag." Er schüttelte ernst und traurig das Haupt. „Sie haben mir den Todesstoß versetzt, Sophie. In der Erfüllung dieses einen großen Wunsches wurzelte mein Leben," preßte er mit einem tiefen Athemzuge hervor. „Meine Pflicht gegen Sie," Rudolf, gebietet mir, Ihnen den thörichten Wunsch zu versagen," entgegnete sie sanft. „Die Welt steht Ihnen jetzt offen. Ruhm, Glück, Ehre und Reichthum, alles ist für Sie erreichbar, und ich sollte der Hemmschuh werden, Ihnen durch meine egoistische Liebe den Weg versperren, der gleich einem blühenden Garten vor ihnen liegt? Strecken Sie getrost ihre Hand aus nach dem Höchsten, Sie können es, wenn Sie Muth haben, erreichen." „Und wenn ich nur Sie begehre? Wenn ich alles für Ihren Besitz, Sophie, freudig opfern will?" „So bleibt es meine Pflicht, das Opfer abzulehnen," entgegnete sie mit bebender Stimme. „Sophie Milde hat es früh gelernt, zu entsagen."